vonJakob Hein 17.11.2011

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Das neue Berlin: Flippig, mondän, weltoffen, modern

Liebe Kinder, früher, vor langer, langer Zeit da waren Elektrogeräte noch reparabel. Wenn also ein Fernseher kaputt war, ein Radioapparat oder ein Küchenmixer, dann schmiss man den nicht in irgendwelche Tonnen und lief zum Elektromarkt, um sich dort den Nachfolger des Küchenmixers zu kaufen, der auch bald wieder in die Tonne finden würde. Nein, in dieser grauen Vorzeit wurden die Geräte nicht selten sogar mit Schaltplänen geliefert, aus denen schlaue Männer lesen konnten, wie die Kondensatoren, Dioden und Potenziometer miteinander verlötet waren.

War also der Apparat kaputt, packte man ihn in einen Sack oder eine Tüte und machte sich auf zum Reparaturladen. Dieser hieß immer „Elektro-Name“, wobei der Name Müller, Meier oder Schulz sein konnte. In „Elektro-Name“ saß dann Herr Name, ein Mann zwischen Ende vierzig und Anfang sechzig, der einen blauen Nylonkittel und eine Halbbrille trug. Über diese Halbbrille hinweg schaute Herr Name die Kunden kritisch an, nahm dann das Gerät und schaute noch kritischer. Dann sagte er Sachen wie „oh, oh, oh“, „was haben Sie denn da gemacht“ oder „Na Mahlzeit!“ Dann sagte er, dass es nicht einfach und nicht ganz billig werden würde, schrieb etwas auf einen Zettel, den er dem Kunden gab und mit dem Zettel konnte man eine Woche später sein repariertes Gerät wieder abholen.

Herr Name war eine Autoritätsperson. Keckes Auftreten oder Fragen wie „Geht das nicht früher?“ waren nicht gerade hilfreich. Herr Name schmiss einen auch aus dem Laden auf Nimmerwiedersehen, das war ihm egal, er hatte sowieso immer mehr als genug zu tun. Und wenn Herr Name das Ding repariert hatte, dann gehörte es auch ein bisschen ihm und er borgte es dem Kunden zurück. „Ich habe die Transistoren noch mal durchgepustet und eine neue 9er-Spule am Poti montiert.“ waren so Sachen, die einem Herr Name in das unwissende Gesicht sagte. Man hatte dann zu nicken und anzuerkennen, dass hier ein Fachmann Dinge vollbracht hatte, die selbst für einen Fachmann erstaunlich waren. Nicht selten reinigte Herr Name auch irgendwas und tadelte dafür seine Kunden, denn – he! – reinigen konnten die doch wohl eigentlich auch. In Demut nahm man sein Ding zurück, zahlte jeden Preis und verließ den nach Lötkolben und Ampere riechenden Laden.

Nur wenn das Ding definitiv kaputt war, wenn der Apparat absolut am Ende, das Modul mehr als hoffnungslos und selbst Herr Name es nicht mehr für möglich hielt, dass hier jemand was löten könnte, er – der Meister aller Lötkolben-Klassen, dann sagte Herr Name einen Satz, der einem Todesurteil für Geräte gleichkam: „Da können Sie nur noch einen Henkel dran schweißen und das Ding wegschmeißen.“

Wie ich auf diese Geschichte komme, liebe Kinder? Ich weiß es doch auch nicht.

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