vonHeiko Werning 02.12.2011

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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„Ach jo!“ – es ist nicht nur Zuckerschlecken auf der Welt, selbst für ihre kleinsten Bewohner. Windelwechsel, die ungeliebte Mütze, Schlafengehzeit: „Ach jo!“ Von Tschechien bis nach Kalifornien erklingt der charakteristische Stoßseufzer, eine der ersten stimmlich-modulierten Äußerungen zahlloser Erdenbürger, und wer könnte heute noch sagen, wer zuerst da war: der kleine Seufzer oder der kleine Maulwurf?

Seit Zdenek Miler den verborgen lebenden Insektenfresser 1957 erstmals ins Licht der Öffentlichkeit gezeichnet hat, begeistert er rund um die Welt kleine und allerkleinste Kinder, als frühe Pelzversion der Teletubbies mit seinen rein lautmalerischen Äußerungen. Nach einer kurzen Phase früher Redseligkeit ist der Krtek, wie er in seiner Heimat heißt, vollständig verstummt, schon deswegen ist er zu loben. Gut, die freundliche Daddelmusik, die die Filmchen untermalt, ist auch nicht jedermanns Sache, aber wer je dem Akustik-Terror von Benjamin Blümchen oder gar Cosmo und Wanda ausgesetzt war, liebt den Maulwurf schon aus Prinzip. Dabei hat Miler bei der sprachlichen Reduktion wohl vor allem an das gedacht, was später Globalisierung heißen würde. Und es hat geklappt: Das Tier aus dem Untergrund des Ostblocks zog nicht nur erfolgreich in die westdeutschen Wohnzimmer ein, protegiert durch einen Nager, in der „Sendung mit der Maus“, er schaffte es sogar bis in die USA.

Der Verzicht auf Sprache bedingt eine überdeutliche Mimik und Gestik der handelnden Tierchen, und die gar nicht immer so simplen Plots werden fast zwangsläufig sehr präzise ausgeführt. So wird der Maulwurf zur Identifikationsfigur auch für die Allerkleinsten. Dabei kommt er gar nicht so harmlos daher, wie das knuddelige Äußere vermuten ließe. Wer sich etwa der 1982 erschienenen Episode „Der kleine Maulwurf in der Stadt“ zuwendet, stößt auf ein geradezu apokalyptisches Untergangsszenario der modernen Industrienationen, mit bornierten Beamten, willfährigen Polizisten, einer absurden Bürokratie und einer Scheinwelt, versinnbildlicht durch einen aufblasbaren Plastikwald in einer Hochhausetage, der den Tieren als schöne neue Heimatwelt inklusive Catering angeboten wird, nachdem ihr Wald abgeholzt wurde. Ihren Frieden finden der Maulwurf und seine Freunde erst als puschelige Öko-Terroristen, gegen die heutige Autozündler sich wie harmlose Stofftiere ausnehmen. Sie sabotieren großflächig den Individualverkehr und setzen sich dann, als Mob und Staatsmacht hinter ihnen her sind, auf ein paar Schwänen ins Ausland ab. Eine Geschichte, die Ökodiktatur-Verschwörungstheoretikern von Maxeiner und Miersch bis Broder und Lengsfeld Tränen der Wut in die Augen treiben muss. Ihre Herzen müssen daher leider hart und verschlossen bleiben, während der kleine Maulwurf sich in die unseren tief hineingegraben hat und uns erwärmt, wenn es wieder zu kalt wird da draußen. Sein Schöpfer Zdenek Miler ist nun im Alter von 90 Jahren verstorben. Auch wenn er auf auf ein langes und erfülltes Leben zurückblicken konnte, traurig ist das trotzdem. Ach jo!

Eine gekürzte Fassung erschien in der Print-taz vom 2.12.2011

 

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2011/12/02/maulwurf-der-herzen/

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kommentare

  • Liebe JW – völlig richtig. War mir gestern nach dem Schreiben auch gleich, peinlich berührt, aufgefallen und hatte ich für den Text der Print-Ausgabe bereits entsprechend korrigiert, da ist es also richtig. Hatte ich heute aber beim Einstellen ins Blog nicht mehr dran gedacht, dass das hier die unkorrigierte Rohfassung war. Sorry. Habe ich oben jetzt auch korrigiert.

  • Der Artikel ist super!
    Aber: Jää! Maulwürfe gehören doch gar nicht zu den Nagetieren, sondern sind Insektenfresser, wie zum Beispiel auch Spitzmäuse und Igel.

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