vonJakob Hein 29.12.2011

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Vielleicht gut gemeint, dennoch Vorsicht bei solchen Flugeinladungen nach Berlin!

Das Schenken von Gutscheinen ist ja eine neue Verlegenheitslösung geworden, die aber der Kultur des Schenkens überhaupt nicht gut getan hat. Das Geschenk ist ja auch das Bekenntnis des Schenkenden: „Das ist es, was ich für Dich ausgesucht habe.“ Früher hat man sich noch ungeheure Gedanken darüber gemacht. So durfte man keine Schuhe schenken, weil der Beschenkte damit vor dem Schenkenden hätte weglaufen können und keine Messer oder Scheren, weil der Beschenkte damit das verbindende Band zerschneiden könnte. Für die beiden letzteren Geschenke hatte der Beschenkte in aller Dankbarkeit dem Schenkenden einen symbolischen Betrag zu überreichen (1 Pfennig), damit das Geschenk zu einem verkauften Gegenstand wurde.

Mit den Gutscheinen entledigt man sich scheinbar dieser Probleme. Die Hoffnung ist, dass der Empfänger des Gutscheins sich schon selbst das aussucht, was der Freundschaft entspricht. Aber ein wenig sagt man auch:  „Ich habe einfach die Mühe nicht aufgebracht, um ein passendes Geschenk auszuwählen.“ Natürlich hängt es auch mit unserem Überfluss zusammen, da die meisten alles Notwendige haben und häufig noch alles Nicht-Notwendige dazu. Aber der Gutschein hat auch etwas leicht Liebloses, das man dringend durch Basteln konterkarieren sollte und sich damit erfreulich wieder dem Geschenk alten Zuschnitts nähert. Denn wenn zwei sich Gutscheine basteln, dann müssen sie das Geld überhaupt nicht austauschen, sondern können sich nur am Gebastelten erfreuen und an der Liebe, die sie füreinander aufgebracht haben. Es sei denn, sie sind feinmotorisch gesehen Grobmotoriker, dann ist es schwer, dafür gab es früher Mixkassetten, heute ist man da hoffnungslos. Denn einen mit Musik vollgeknallten USB-Stick zu verschenken, braucht man sich gar nicht erst anzuschicken, das ist so, als würde man sagen: „Hier, der war voll mit Daten und da dachte ich: ‚Bevor ich ihn wegschmeiße…'“ Nicht tun.

Nun ist schon viel die Rede von früher gewesen. Damals gab es auch noch richtige Kellner. Die wussten, woraus der Koch die Sauce bernaise machte und ob das Omelett mit oder ohne Sellerie zubereitet wird. Die kannten auch noch die Traubensorten der Weine und servierten Getränke überhaupt in ganz verschiedenen Gläser. So wurde das Bier im Krug, in der Stange oder der Tulpe serviert, der Cocktail im Tumbler oder Martini-Glas, der Kaffee in der Tasse oder draußen nur im Kännchen und der Wein in der Karaffe oder eben im Schoppen. Der Schoppen hatte dabei meist einen säulenartigen Stiel und ein mit Weinmotiven geschmücktes Glas.

Aber das war eben alles früher.

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2011/12/29/vorsicht-vor-gutscheingeschenken/

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