vonJakob Hein 03.01.2012

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Vorbildlich: Wenn man schon Nachrichten am "Institut für Erziehungswissenschaften" hinterlässt, dann doch bitte Nachrichten der Hoffnung, das entspricht der Würde des Amtes und des Menschen im Allgemeinen

In einem Land, in dem nun wirklich nicht alles gut war, da trug es sich zu, dass es nicht für jeden Bewohner einen eigenen Stasi-Spitzel gab, obwohl es das gewesen wäre, was sich die Staatsführung gewünscht hätte – natürlich nur zum Besten der Bürger, das ist klar – und weil die elektronischen Möglichkeiten damals einfach noch nicht so weit waren und die hohen Herren niemals nicht geglaubt hätten, dass die Leute, wenn man ihnen Computer in die Wohnung stellt, diese nutzen, um wie wild der Weltöffentlichkeit persönliche Informationen über sich selbst zur Verfügung zu stellen – ich meine, die hohen Herren wollten ja schon ihren Bürgern keine Kopierer geben, damit die Bürger damit keine kecken „Zeitschriften“ zusammenkopieren in einer Qualität, in der man heute kein Klopapier mehr bedrucken dürfte, aber das Klopapier damals, also darüber will ich gar nicht erst anfangen, jemand, den ich gut kenne, der fragte damals, ob er denn nicht einen Antrag stellen könnte, einen Kopierer mit seinem eigenen Westgeld offiziell zu kaufen und die Dame hinterm Schalter war offensichtlich mit einer guten Portion Sarkasmus ausgestattet (ganz untypisch eigentlich, wenn man es genau bedenkt, auch wenn die Zeiten damals andere waren, das war damals auch untypisch), jene Dame jedenfalls zuckte nicht mit der Wimper, als sie antwortete:  „Klar können Sie das beantragen, Sie können genauso gut ein Maschinengewehr beantragen. Mal sehen, was Sie eher bekommen.“ (das war unmissverständlich) – also wenn sie das gewusst hätten, die hohen Herren, dann hätte jeder einen Computer bekommen, einen riesengroßen, schließlich hatte das Land, von dem hier die Rede ist ja auch den ersten begehbaren 1-Megabit-Chip entwickelt, aber jedenfalls damals ging man noch davon aus, dass es mal besser nicht so viele Telefone geben sollte und darum gab es nur ein paar Telefone und dann bekam der eine im Dort ein Email-Schild (Email war damals noch ein Material) an die Hauswand geschraubt: „Öffentlicher Fernsprecher“, in der Stadt wurde das mehr so im Haus herumgesprochen, wer den Telefonanschluss hatte und dann überlegte man sich das zehn Mal, ob man tatsächlich ein Gespräch führen wollte oder nicht und machte sich Notizen, was man sagen wollte, schrieb dem anderen vielleicht noch einen Brief, in dem man sich zum Telefonieren verabredete „um soundsoviel Uhr“, denn der musste ja vielleicht auch woh hin, um das Gespräch annehmen zu können und dann sprach man über die Punkte auf dem Zettel, während die Telefonbesitzerin (es war immer die Frau) daneben stand und kritisch guckte und da hätte man niemals nicht irgendwelche Chefredakteure von irgendwelchen Westzeitungen angerufen, da hätte man ja gleich im Bautzen einchecken können, und dann hätte es auch ncihts genutzt, wenn man die beschimpft hätte, das wäre dann auch unglaubwürdig gewesen, erst die Privatnummer haben und dann einen auf „anti“ machen, wenn das nicht in der Parteiversammlung vorher als Auftrag formuliert worden wäre, hätte einem das das Kollektiv doch nicht abgenommen, man hätte doch schließlich eine Sammelbrief-Aktion machen können, sowas machte man damals recht gern. Und was man sagte, formulierte man konzis und präzis. Und zum Schluss musste man höchstens zurücktreten, um die Telefonbesitzerin zur Wechselgeldkasse durchzulassen.

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