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vonJakob Hein 24.03.2012

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Gestern war der „Equal Pay Day“ so eine Art neuökonomischer Frauentag, irgendwo zwischen dem internationalen Frauentag und dem Muttertag angesiedelt. Der Equal Pay Day wird in Deutschland immer an dem Tag angesiedelt, bis zu dem Frauen theoretisch umsonst gearbeitet haben, wegen des 23% geringeren Einkommens also derzeit am 23. März. Sicher ist es zu kurz gedacht, dass die ungerechte Behandlung von Frauen beendet wäre, wenn Frauen für gleiche Arbeit gleich bezahlt werden würden. Andererseits ist es ein wichtiger Teilaspekt der Ungerechtigkeit und jedenfalls veränderungswürdig.

Einen ganz besonderen Beitrag zu diesem Tag lieferte gestern allerdings Sat 1, indem „Selbst ist die Braut“ gezeigt wurde. Dies ist wirklich ein Machwerk von einem Sexismus, der in dieser Purheit schon pornoeske Qualitäten aufweist. Sandra Bullock spielt darin für 5 Minuten eine knallharte Cheflektorin. Es stellt sich heraus, dass sie Kanadierin ist und rasch einen echten US-amerikanischen Zuchtbullen heiraten muss, um in Gottes eigenem Land verbleiben zu dürfen. Als Karrierefrau hat sie natürlich kein Liebes- oder Sexleben, daher zwingt sie einfach ihren Sekretär, sie zu heiraten, weil der gerade da und von ihr erpressbar ist.

Nachdem wir Zuschauer diese 5 Minuten einer aus den Fugen geratenen Welt ertragen haben (eine Frau als Chefin – geht’s noch?), kommt in den nächsten 90 Minuten alles in Ordnung. Es stellt sich heraus, dass der Sekretär aus stinkreichem Elternhaus kommt, also mehr Geld hat als seine „Chefin“, also der eigentliche Boss ist. Und es stellt sich natürlich heraus, dass unter der hauchdünnen Gouache-Schicht von Führungswillen sich natürlich der ganz dicke Wunsch nach Kuscheln, Von-einem-Mann-gehalten-Werden und Familie mit Kindern verbirgt. Und das Beste: Dadurch dass die Business-Tussi so gar nicht geht, haben die beiden noch nicht einmal Sex vor der Ehe.

Dass dieses Machwerk vom Disney-Konzern bezahlt wurde, hätte man nach circa vier Minuten selbst raten können. Besonders schön auch die Darstellung des Verlages als riesiges Bürohaus mit hunderten von Mitarbeitern mitten in Manhattan, zahllosen Anrufen und wichtigen Geschäftsreisen, zu denen die hochbezahlte Cheflektorin mit einer Riesenwohnung in Central Park in Louboutin-Schuhen und einer Marc Jacobs – Handtasche am Arm fährt. Diese typische superreiche Cheflektorin kann sich aber leider keinen Anwalt leisten, der ihr als Kanadierin eine permanente Aufenthaltsgenehmigung in den USA besorgt. Die geschätzte Kollegin Jacinta Nandi hat über diese Art von Filmen alles gesagt: Es ist so etwas wie Pornografie für Frauen. Dieser hier war besonders pervers.

Wie alle anderen, die sowas mal gesehen haben, weigere ich mich, Gründe dafür anzugeben, warum ich diesen Film gesehen habe. War beim Zahnarzt oder so.

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