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vonHeiko Werning 29.06.2012

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Zumindest im Fall des Landestierschutzbeauftragten von Berlin, Klaus Lüdcke, kann man diese Frage leicht beantworten: Leserbriefe schreiben. Nämlich an diese kleine Zeitung hier, auf meinen Artikel darüber, dass bei den Tierschützern allmählich alle Maßstäbe verrutscht sind. Klaus Lüdcke schreibt dazu:

Was soll denn das? taz-like ist das krause Gemisch aus Tatsachen/Wahrheit und unsachlicher Polemik sicher nicht!

Denn merke: So ein Landestierschutzbeauftragter weiß nämlich nicht nur, was andere Leute für Tiere halten sollten oder eben besser nicht, sondern auch, was sich für eine Zeitung gehört und was nicht. Der Mann ist es halt gewohnt, über andere hinweg zu entscheiden, da wird er ja wohl wissen, was „taz-like“ ist und was nicht. So viel schon mal zur Selbstwahrnehmung solcher Typen.

Wenn die „Exoten“ in privater Hand länger als in der Natur leben würden, müssten beim Umsatz der Zoohändler und der Baumärkte mit Zierfischangebot alle Berliner Haushalte ein voll besetztes Aquarium haben. Auch müsste das Tierheim nicht ein teures Haus für Exoten (Agamen, Schildkröten, Kaimane, Leguane) bauen.

Was schrieb der Mann zuvor von einem krausen Gemisch aus Tatsachen und Polemik? Guck mal,  so geht das nämlich richtig! Vor allem, wenn man seine Ideologie dann auch noch mit einer gehörigen Portion Ahnungslosigkeit mischt. Was hat denn die Lebensdauer in der Natur mit dem Umsatz der Zoohändler zu tun? Und was mit dem Tierheim? Beziehungsweise: Was sagt uns das eigentlich über die Haltung von Hunden und Katzen, die ja (jetzt ein etwas gewagtes Sprachbild) immer noch den Löwenanteil in den Tierheimen stellen? Um nicht zu sagen: wofür die Tierheime ja überhaupt erst gebaut wurden? Und nur am Rande sei auf die innere Paradoxie dieser, nennen wir sie spaßeshalber mal: Argumentation von Herrn Lüdcke hingewiesen: Wenn er einerseits meint, die Tierchen gingen reihenweise ein, wäre es dann andererseits nötig, im Tierheim Kapazitäten für sie zu schaffen?

Würde Klaus Lüdcke gelegentlich mal einen Blick in die Fachliteratur werfen, wüsste er nicht nur, dass die von Wildtieren in menschlicher Obhut erreichte maximale Lebensdauer fast durch die Bank erheblich über den in der Natur gemessenen Werten liegt, was ja auch logisch ist: Im Aquarium schwimmt halt in aller Regel kein Fressfeind herum. Sondern zudem ist die durchschnittliche Lebenserwartung praktisch aller als „Exoten“ gehaltener Tiere in der Natur sehr gering. Das erklärt sich schon aus simpler Populationsbiologie. Huch! Biologie! Ich weiß, damit darf man Tierschützern natürlich nicht kommen. Aber da müssen sie jetzt durch. Zur Arterhaltung ist nämlich nur ein winziger Bruchteil der Nachkommen, die ein Fisch oder ein Frosch in die Welt setzt, erforderlich. Der Rest ist Futter für die anderen Exoten da draußen. Was sagt uns das über die Lebenserwartung des Individuums? Etwa Folgendes: Bei den Leguanarten, wo so was untersucht wurde, zeigten sich Mortalitätsraten von jährlich um 90 %. Wie groß ist dann die Chance für so ein Tier, sagen wir überhaupt auch nur die Geschlechtsreife im Alter von drei Jahren zu erreichen? Es mag zynisch klingen, aber selbst wenn man den von PETA & Co. kolportierten (und allerdings durch nichts belegten) Horrorzahlen von Todesfällen beim Fang und Export der Tiere glauben würde, wäre ihre Überlebenschance immer noch höher in menschlicher Obhut. Das kann man ja bewerten wie man möchte, aber von einer erhöhten Individuensterblichkeit zu reden, ist einfach Unsinn.

Auch mit der Stringenz ist es leider nicht weit her. Klaus Lüdcke weiter:

Radikal – bis auf wenige, nicht die Tierschutzszene widerspiegelnde Autonome – sind die deutschen Tierschützer nicht. Sie werden allerdings lauter, weil viel zu wenig zum Wohl der Tiere geschieht. Ein unzureichendes Gesetz, eine immer preiswertere Tierprodukte fordernde Gesellschaft und eine Agrarindustrie ohne Grenzen müssen Widerstand, möglichst laut, möglichst nachdrücklich, erzeugen.

Abgesehen davon, dass man die Tierrechtler-Szene nicht nur als radikal bezeichnen darf, sondern nach ihrem eigenen Selbstverständnis sogar muss, und ab davon, dass eben mit PETA die Tierrechtler alles andere als „wenige, nicht die Tierschutzszene widerspiegelnde Autonome“ sind: meinetwegen gern. Nur was hat das mit dem Artikel zu tun? Und vor allem mit dem direkt Folgenden:

Und das will der Beitrag mit undefinierten Begriffen wie „Qualzucht“ oder „Exoten“ ins Lächerliche ziehen!

Man kann es drehen und wenden wie man will: Dieser Satz ergibt einfach keinen Sinn. Man ahnt, dass es Lüdcke irgendwie nicht gefällt, was ich geschrieben habe. Leider vermag er uns nicht zu erklären, was jetzt eigentlich. Ich will also den Schutz von landwirtschaftlich genutzten Tieren (denn auf die beziehen sich ja die Ausführungen darüber) durch undefinierte Begriffe wie „Qualzucht“ oder „Exoten“ ins Lächerliche ziehen? Wo ist denn da der Zusammenhang? Und: Wie kommt er darauf, diese Begriffe seien undefiniert? Zum Qualzucht-Begriff gibt es sogar eine ausführliche gesetzliche Definition in §11 b des Tierschutzgesetzes. Man kann ja diskutieren, ob einem diese Definition weit genug geht. Das Problem ist aber nicht, dass der Begriff nicht definiert ist. Das Problem des Deutschen Tierschutzbundes ist, dass Gerichte in der Vergangenheit mehrfach aufgrund dieses Paragrafen Zuchttiere nicht als Qualzuchten interpretiert haben, die der Tierschutzbund aber gerne als Qualzuchten sehen würde (Stichwort: Mops). Und warum ist der Begriff „Exoten“ undefiniert? In seinem Positionspapier, das ich in meinem Artikel angegriffen habe, definiert der Deutsche Tierschutzbund den Begriff selbst sehr eindeutig („Als Exoten werden im Allgemeinen Wildtiere und deren Nachzuchten definiert, die weder in Deutschland heimisch sind noch als domestiziert angesehen werden können“). Sprich: Alles vom Neonfisch über den Diskus bis zu Kornnatter und Bartagame sowie Zebrafink und Nymphensittich. (Über Wellensittiche und Kanarienvögel will ich jetzt mal nicht streiten.)

Dem Autor sei empfohlen, mal den Entwurf von Bündnis 90/Die Grünen für ein neues, zeitgemäßes Tierschutzgesetz zu lesen. Vielleicht kann er dann sein Geschwätz mäßigen. So kann man sich für den Ausrutscher der taz nur fremdschämen.

Tja, was soll ich sagen? Den Gesetzentwurf kenne ich ganz gut. Neben viel Richtigem wird darin halt auch in Bezug auf Exoten der übliche Unsinn gefordert, wenn auch weniger wirklichkeitsfremd als im Positionspapier des Tierschutzbundes. Und außerdem habe ich ja auch über Letzteres geschrieben, nicht über den grünen Gesetzentwurf.

Dem Landestierschutzbeauftragten Berlins allerdings möchte ich dann im Gegenzug empfehlen, sich mal mit der zoologischen Fachliteratur auseinanderzusetzen. Ich habe da ja schon einiges zum Thema für ihn zusammengeschrieben. Zeit genug scheint er ja zu haben. Wenn er mit dem Fremdschämen für die taz fertig ist.

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kommentare

  • Werden denn die Menschen artgerecht gehalten, sind sie nicht auch alle Exoten, langfristig gedacht?
    Für mich werden hier „Fakten“ und „Polemik“ von beiden Seiten immer wieder um die Ohren geklatscht, weil jede Seite für sich ja im Recht ist.
    Ich sehe dass eher als eine „evolutionäre“ Entwicklung an, wobei sich beide Seiten, meist leider auf nicht allzu nette Art, gegenseitig „befruchten“ bzw. „anstacheln“.
    Den werbenden „Tierschützern“ habe ich meist, leider viel zu häufig nur in Gedanken, entgegen gehalten, was für einen eingeschränkten Tierbegriff sie haben. Fadenwürmer, Läuse, Mücken wollen auch artgerecht leben. Auch welches Tier sie den schützen wollen, wenn sie sich gegenseitig fressen wollen, bzw. auf welcher Tiere Kosten sie die ganzen „Fleischfresser“ ernähren wollen. Alles übelste Polemik, aber bei den Fussgängerzonentierschützern und „Zoo = Tierknast“-Protestierern nutzlos zumindest manchmal spaßig.
    Die Züchter, Liebhaber und Zoos, ganz zu Schweigen von den Fleischproduzenten als Gegenüber müssen aber auch sehen, dass der aktuelle Stand der Liebhaberei bzw. Wissenschaft auch immer noch viele Lücken hat und es bei manchen Tierarten in der Vergangenheit und vielleicht auch in der Gegenwart zu doch höheren Verlusten im Minibiotop kommen kann, dass die „Teilpopulation“ komplett ausstirbt. Und sich die Angaben zu manchen Tieren, bzw. deren Haltung in Zoos erheblich widersprechen (z.B. tag- oder nachtaktiv) und sich auch häufig (was auch gut ist) neue Erkenntnisse zu neuen Haltungsformen führen, wenn die Erkenntnisse allgemein bekannt sind und vor allem für Zoos das notwendige Geld dafür da ist.
    Es tut mir leid, aber ich habe gerade keine Zeit und Lust dies alles mit Fakten/Beispielen zu belegen!

    Der Gesetzgeber muss also, wenn wir keine Expertendiktatur haben wollen (will ich nicht!), einen Mittelweg finden zwischen dem totalen Verbot von Tierhaltung, bzw. Einführung eines Tierhaltungsführerscheins und dem einfach laufen lassen. Es werden immer noch viel zu viele Exoten (Kaimane, Affen, Vögel) vom Zoll aufgegriffen und noch wahrscheinlich viel mehr leider nicht. Und die landen bestimmt auch nicht alle bei Liebhabern in „perfekt“ eingerichteten Habitaten. Diese Klientel, neben den Fleischfabriken, sollten und haben auch teilweise die Tierschützer und auch die Tierschutzbeauftragten im Sinn, wenn sie auf so etwas, wie auch immer, reagieren. Der Ruf doch bitte die Fachliteratur zu lesen, ist harhar etwas zu viel verlangt. Oder man bräuchte für jede Gattung, Art, Rasse (Je nach Tiergruppe) einen einzelnen Beauftragten.
    Das Tierschutzgesetz sollte also flexibel gehalten werden und den jeweiligen Erkenntnissen immer angepasst werden. Gleichzeit sollten aber auch beide Seiten weiterhin ihre Maximalforderungen (Nur wir wissen, wie man richtig Tiere hält oder nicht halten kann bzw. Keiner kann sich qualifiziert äußern, wenn er nicht alles gelesen hat) äußern dürfen und die ganze Entwicklung weiter in Schwung halten. Den wäre nicht doch ein winziger Funken Unsicherheit und/oder schlechtes Gewissen vorhanden könnte man als Experte ja über den Unwissenden schweben.
    Die Versachlichung der Diskussion ist ein frommer, vergeblicher Wunsch, da die extremen Seiten beider wahrscheinlich keine gemeinsame Ebene finden können.

    Zu mir, und meinem mehr oder weniger vorhandenem Fachwissen. Ich bin Biologe ohne ein wirkliches Spezialgebiet, der sich aber versucht in vielen Bereichen auf dem laufenden zu halten und der schon kurze Einblicke hinter die Kulissen mancher deutscher Zoos geworfen hat.
    Ich beschäftige mich mit dem Erhalt der heimischen, nicht beim Menschen gehalteten Tierwelt, vermeide aber wegen falscher Schubladengefahr den Begriff Tierschützer und wünsche alen Menschen einen verständnisvollen Umgang mit anderen Tieren, wobei auch gerne das eine oder andere gegessen werden darf.

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