vonHeiko Werning 14.08.2012

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Meine Befassung mit den Human-Animal Studies hat einige interessante Reaktionen in mein Postfach flattern lassen, die ich dem nichttierlichen Teil der Mensch-Tier-Gesellschaft nicht vorenthalten möchte:

Sehr geehrter Herr Werning,
in ihrem Artikel „Tier und wir“ (Jungle-World Nr. 26/ 28.06.2012) schreiben Sie:
Zitat:

/“Denn selbst die mit Menschenrechtgewährung vergleichsweise verwöhnten Menschenaffen haben ja nichts Besseres zu tun, als ihre Artgenossen zu
meucheln…/ Vor Gericht aber müsste der Schimpanse wohl auch nach Meinung von Tierrechtlern nicht kommen – weil er eben ein Tier ist und kein Mensch. Gleichberechtigung sieht anders aus.“/

Realistisches Beispiel: Ein 4 Jahre älter Junge hat in Saudi-Arabien seinen Vater mit dessen Dienstwaffe per Kopfschuss erschossen (ermordet), weil dieser ihm keine Playstation gekauft hat.
http://www.oe24.at/welt/4-jaehriger-Bub-toetet-Vater-mit-Kopfschuss/63791192

Meine Frage an Sie:
Sollte dieser 4jährige Junge, er besitzt im vollen Maße die Menschenrechte (Leben, Freiheit und Unversehrtheit), ihrer Meinung nach die volle Strafe des erwachsenen Gesetzes (strafmündig) treffen und genauso wie ein Erwachsener verurteilt (eventuell trifft ihm die Todesstrafe) werden? Oder gestehen sie ihm Schuldunfähigkeit aufgrund seines Alters an?

Antworten Sie innerhalb der nächsten 14 tage nicht, fasse ich ihr Stillschweigen so auf, dass sie ihren eigenen Einwand nicht zu Ende gedacht haben und dies erkannt haben.

Mit freundlichen Grüßen

Guten Tag,
Mein Leserbrief bezieht sich auf den Artikel „Tier und wir“ von Heiko Werning; Jungle World Nr. 26, 28. Juni 2012.

Hier: Es ist einfach, sich eine dumme Version der Tierrechtsidee auszusuchen, und die dann vor einer sowieso speziesistisch denkenden Öffentlichkeit mit Extrembeispielen lächerlich zu machen. Oder sich über PETA lustig zu machen und mit Verweisen auf deren KZ Vergleiche die Leute gegenüber der Tierrechtsidee zu antagonisieren. Oder Peter Singer völlig irreführend zusammenzufassen (was in praktisch jedem Beitrag gegen Antispeziesismus getan wird). Das alles ist einfach. Es ist auch intellektuell unredlich und unethisch. Wenn der Autor nur ein kleines bisschen selbst
weiterdenken würde, versuchen würde, basierend auf seiner Kritik eine sinnvollere Version des Antispeziesismus zu finden, dann käme ein ganz
anderer Artikel heraus. Man könnte aufzeigen, wo es bei den Gedanken hinter HAS Probleme gibt, und gleichzeitig darauf hinweisen, was alles
richtig und wichtig ist, oder worüber man zumindest einmal nachdenken sollte. Im Artikel wurde kein Argument dafür gebracht, dass wir einem
Wesen mehr ethische Berücksichtigung geben sollten, nur weil es eine bestimmte (-> menschliche) DNA hat. Wer Antispeziesismus kritisieren
möchte, soll da ansetzen, anstatt speziesistische Intuitionen auszubeuten, indem man gewisse Schlussfolgerungen (die nicht einmal notwendigerweise oder gar sinnvollerweise aus dem Antispeziesismus folgen!) lächerlich macht.

Was mich am meisten nervt, ist dass alle Antispeziesisten im Artikel als extreme Deontologen dargestellt werden (ja kein Honig essen, nicht einmal, wenn die Bienen dabei völlig glücklich, oder nicht empfindungsfähig, wären), ausser (und das ist der Gipfel, dass man genau hier dann die Perspektive wechselt) wenn es um geistig Behinderte und Babies geht: dann nimmt man dann die utilitaristischen Antispeziesisten, um noch mehr Empörung bei den deontologisch-speziesistischen Intuitionen der Bevölkerung zu erzeugen. Von Objektivität leider keine Spur.

freundlicher Gruss

Tier und wirr?

Liebe*r Heiko Werning,
bei der Lektüre Ihres Artikels zum Thema Human- Animal Studies usw. musste ich mich ein mal mehr wundern, welcher Eindruck vom Veganismus
hier – wie auch in anderen vermeintlich „linken“ Medien in letzter Zeit – verbreitet wird. Zuerst ist es falsch, davon auszugehen, dass jede*r Veganer*in auch Antispeziesist*in sei bzw. Anhänger*in der HAS und somit automatisch zweielhaften Aussagen einzelner Vertreter*innen dieser Gruppen zustimmen würde, wie Sie es aber leider in Ihrem Artikel tun (ganz nach der Annahme HAS= Antispe= Ökofaschismus= Veganismus).
Der Veganismus, für den ich mich entschieden habe, ich nenne ihn jetzt mal einfach politischen oder anthropozentrischen Veganismus, wird schon
allein dadurch gerechtfertigt, dass das Konsumverhalten in den reichen Teilen der Welt es den Menschen in armen Teilen der Welt unmöglich macht, sich ausgeglichen und ausreichend zu ernähren. Weil für die Herstellung der wasweißichwievielen Kilo Fleisch, die Sie im Jahr vertilgen, nämlich bis zu zehn mal so viel pflanzliches Protein benötigt wird (das auch schon als solches gegessen hätte werden können und also bis zu zehn mal so nahrhaft gewesen wäre). Und abertausende Liter von Wasser verschmutzt werden. Und soundsoviele Kilo CO2 ausgestoßen werden.
Die Frage danach, ob oder wie sehr Tiere leiden, ein Vorstellung von Freiheit oder sonst etwas haben, muss sich ein*e Veganer*in also nicht mal unbedingt stellen, ganz zu schweigen davon, über die Würde des Menschen und des Tiers in Relation zueinander zu philosophieren. Denn das sind wirklich Luxusprobleme einer überpriviligierten Minderheit. Ganz im Gegenteil zu Ihrer Behauptung, dass Veganismus also Lifestyle der Reichen, Gebildetetn per se eine Art Neokolonialismus berge, der „primitiven Völkern im Rest der Welt“ vorschreiben wolle, was sie zu essen haben. Diese essen nämlich meistens das, was noch übrig ist, wenn das Futter für die Tiere, die Sie so essen, billig nach Europa verkauft wurde. Reis zum Beispiel.
In diesem Sinne wäre es eine etwas differenziertere und refelktiertere Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex äußerst wünschenswert, v.a. da Sie das zugegeben oft falsch begründete emanzipatorische Potential des Veganismus auf mehreren Seiten versuchen lächerlich zu machen, obwohl Sie es nicht einmal zu kennen scheinen.

Animal Liberation is Human Liberation!

Mit freundlichen Grüßen,

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2012/08/14/hier-spricht-derdie-antispeziesist_in/

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kommentare

  • Diese „Wortungetüme“ treffen allerdings haarscharf. Der Artikel enthält kein einziges ernsthaftes Argument, er versucht nur, den Antispeziesismus lächerlich zu machen und so gut wie möglich irgendwelche Dinge auszukramen, die irgendwen empören könnten, sodass er zumindest an einer Stelle ein negatives Bild erhält.

    „Angesichts dieser Logik mag man sich kaum vorstellen, wie ein überzeugter Antispeziesist eigentlich psychisch klarkommt in dieser Welt. Denn wer möchte tagein, tagaus nur von Mördern umgeben sein, von Geiselnehmern und Sklavenhändlern, wer hält es aus, wenn sich sogar die eigenen Verwandten und Freunde dieser Verbrechen schuldig gemacht haben und es nicht einmal bereuen, sondern schon wieder das Messer wetzen? Schön kann das eigentlich nicht sein.“

    Wie hält es eigentlich der Vertreter von Menschenrechten aus, der sich über utilitaristische Ansichten so empören kann, in dieser Welt zu leben? Wohlwissend von den tausenden Menschen, die täglich verhungern, geht er hier seiner Arbeit nach, teilhabend an den Mechanismen, die diese Lage stabilisieren? Menschen sind bei so manchem fähig, es psychisch zu ertragen, sogar zur Teilhabe an unglaublichen Verbrechen, und da kann man sich wohl kaum dahin flüchten, dass das halt „die Bösen“ seien, das wäre naiv. Und wenn die Strategie zum Ertragen beinhaltet, über Dinge hinwegzusehen oder zynisch zu akzeptieren, dann mag man das als Manko ansehen – mangelnde Überzeugung, mangelnde Radikalität. Die Probleme, die sie ansprechen, werden dadurch jedoch nicht kleiner, die Kritik an anthropozentrischer Ethik, die nichtmenschlichen Tieren keinen Wert beimisst, nicht minder fundiert. Dass es keine universell gültige Ethik gibt, und erst recht kein Rezept, eine solche umzusetzen, sollte jedem klar sein. Und während man sich an die Widersprüche der eigenen Moral gewöhnt hat, benutzt man eben die der anderen, um sie lächerlich zu machen; welche Argumente tatsächlich dafür oder dagegen sprechen, betrachtet man nicht. Tolle Vorgehensweise…

  • Mein Lieblings-Wortungetüm ist die „Empörung bei den deontologisch-speziesistischen Intuitionen der Bevölkerung“. Sieh an – auch Intuitionen sind empfindlich und können durchaus auch empört sein. Ganz zu schweigen von der „Ausbeutung speziesistischer Intuitionen“, mit der wir in gewisser Weise ja auch wieder beim Thema wären. Das ganze erinnert mich wohlig an endlose Diskussionen in den ersten Semestern an der Uni, als sich erst noch herauskristallisierte, was Wissenschaft (und ihre Kritik) eigentlich ist und auch nicht ist.

  • Ganz unabhängig vom Thema merkt man mal wieder, dass die Fallhöhe ziemlich groß ist, wenn man zwar Fremdwörter in Hülle und Fülle verwendet, sich ansonsten aber nur ungenügend ausdrücken kann. Mir jedenfalls fiel es oftmals schwer den Sinn der Briefe zu begreifen.

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