vonHeiko Werning 21.08.2012

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Fressen und gefressen werden – die Grundkonstante der Evolution gilt auch für den, der sich am meisten Gedanken darüber macht. Der Mensch ist ein Allesfresser, der nicht nur Körner und Blätter verputzt, sondern auch Mitgeschöpfe, die ihn zuvor noch treuherzig angeguckt haben. Der archaische Vorgang des Tötens aber gefällt uns nicht, weshalb wir ihn in abgeschottete Exklaven delegiert haben. Doch auch die zum freundlich lächelnden Gesicht gegossene Wurstscheibe hat zu lebenden Tieren gehört, die sich nicht freiwillig das Bolzenschussgerät an die Schläfe gesetzt haben, selbst wenn sie angesichts der Zustände in der Intensivtierhaltung durchaus Anlass dazu hätten.

Viele Menschen mögen deshalb kein Fleisch mehr essen. Was naheliegend ist, zumal wir zu viel davon verzehren, mit deprimierenden Folgen für Tier, Mensch und Umwelt. Wäre die Welt also eine bessere, wenn die Menschheit auf eine vegetarische oder gar vegane Ernährung umstiege? Eher nicht. Der Flächenverbrauch wäre immens, denn der Mensch kann pflanzliche Nahrung nicht annähernd so gut verwerten wie die Kuh – ein Aspekt, der in der Diskussion erstaunlich oft übergangen wird. Um in einer besseren Zukunft die Weltbevölkerung angemessen ernähren zu können, wird man um Fleisch nicht umhinkommen, will man nicht die letzten Regenwaldflächen auch noch in Soja-Monokulturen umwandeln und der Artenvielfalt damit endgültig den Garaus machen. Abgesehen davon ist ein größerer Teil der Menschen auch gar nicht Willens, auf Steak oder Döner zu verzichten.

Da wäre es doch verlockend, Fleisch nicht mehr von Tieren, sondern von Maschinen produzieren zu lassen. Finden nicht nur Tierrechtler, sondern auch wirtschaftlich orientierte Biotech-Unternehmen, die deshalb seit einiger Zeit daran forschen. Mit der Industrie gegen die industrialisierte Landwirtschaft – richtig lecker klingt das nicht. Trotzdem lohnt ein Blick.

Verschiedene Techniken wurden diskutiert, nun meldet die US-amerikanische Firma „Modern Meadow“ den angeblichen Durchbruch. Eine Flüssigkeit mit Zellen soll in stabile Form gegossen und anschließend im Bioreaktor zu verzehrbarem Synthetikfleisch herangezogen werden. „Bioprinting“ heißt das, weil ein 3D-Drucker aus Biotinte dann ein Steak drucke. Ein bekannter Investmentfonds fand den krude klingenden Plan so überzeugend, dass er mehrere hunderttausend Dollar dafür springen ließ. „Modern Meadow“ träumt von einer Fleisch- und Lederproduktion, die weniger Wasser, Fläche und Energie verbraucht als herkömmliche Viehwirtschaft und die zugleich das leidige ethische Problem der Massentierhaltung löst. Die Eierlegende Wollmichsau, sie wäre ein schnöder Fleischdrucker.

Es ist sicher kein Fehler, diese PR-Verlautbarungen mit Skepsis zu betrachten. Trotzdem: Völlig weltfremd sind solche Überlegungen nicht. Synthetisches Gewebe ist in der Medizin längst Realität, und der wachsende wirtschaftliche wie ethische Druck verlangt neue Lösungen für die Welternährung.

Bis es allerdings eines Tages so weit ist, dass große Düsen auf Knopfdruck Duroc-Koteletts oder Entrecote vom Irischen Weiderind aufs Fließband schäumen, wird wohl noch einige Forschungs- und später Überzeugungsarbeit beim Konsumenten nötig sein.

Vielleicht wäre der von Douglas Adams in „Per Anhalter durch die Galaxis“ ersonnene Weg kürzer: Nutztiere zu züchten, die ganz scharf darauf sind, geschlachtet zu werden. Da hätten die Ethiker wenigstens reichlich Diskussionsstoff.

Fürs Erste allerdings wäre schon allen geholfen, würden einfach mehr Menschen weniger und dafür hochwertigeres, aus tiergerechter Haltung stammendes Fleisch essen.

Der Text ist in der heutigen taz veröffentlicht worden.

 

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2012/08/21/vom-drucker-auf-den-teller/

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kommentare

  • Hallo, danke für den Artikel. Ich bin seit fast 5 Jahren Vegetarier, halte jedoch Tierhaltung für eine ökologische Notwendigkeit.

    Als Vegetarier muss ich mir da natürlich eine gewisse Inkonsequenz vorwerfen lassen, da die Tiere für die Milch/Eier am Ende ihres Lebens auch wieder geschlachtet werden. Solang der Fleischkonsum auf dieser Welt jedoch so groß ist, kann ich guten Gewissens auf Fleisch verzichten. Das es für mich ökologisch notwendig wird Fleisch zu essen, werde ich wahrscheinlich nicht mehr erleben 😉

    Ich bin jedoch genau wie Sie der Ansicht, dass ein Aspekt bzgl der Tierhaltung mittlerweile sogar in den Medien völlig übergangen wird. Überall liest man völlig undifferenziert dass 10kg Getreide und mehr für jedes kg Fleisch gebraucht werden. Das die ratio beim hier wesentlich öfter verzehrten Schwein und Geflügel wesentlich besser ist und dass Kühe eben nicht nur mit Getreide gefüttert werden (Getreidefütterung ist eine relativ neue Erscheinung), sondern sich von Weideflächen ernähren auf denen kein Ackerbau möglich ist und von Agrarabfällen wie Rapskuchen, Speisemöhren und dutzenden anderen Restprodukten wird mit keinem Wort erwähnt.

    Ählich verhält es sich mit dem sehr hohen „Wasserverbrauch“ der immer wieder angeprangert wird. Wassernutzung wäre das richtige Wort und wir haben in Deutschland mittlerweile vielerorts das umgekehrte Problem, denn durch die geringe Wassernutzung wird das Abwassersystem nicht mehr ausreichend durchgespült und die Trinkwasserqualität wird beeinträchtigt.

    Ich wünsche mir in den Medien mehr Artikel die sich mit solchen und ähnlichen Argumenten beschäftigen, damit dem veganen Nonsense mal etwas entgegengesetzt wird.

    Zum Informationsaustausch stehe ich gerne zur Verfügung.

  • Ich habe vor 35 Jahren als Schulmädchen mal davon gehört, dass es in Japan Steaks aus Algen gegeben haben soll. Im Bio-Unterricht. Da hat mich vor 35 Jahren schon fasziniert. Und jetzt die Sache mit dem Drucker: probieren geht über studieren.

  • Unter den schlechtest recherchierten taz-Artikeln 2012 dank folgender These ganz vorne mit dabei:
    „Wäre die Welt […] eine bessere, wenn die Menschheit auf eine vegetarische oder gar vegane Ernährung umstiege? Eher nicht. Der Flächenverbrauch wäre immens, denn der Mensch kann pflanzliche Nahrung nicht annähernd so gut verwerten wie die Kuh – ein Aspekt, der in der Diskussion erstaunlich oft übergangen wird. Um in einer besseren Zukunft die Weltbevölkerung angemessen ernähren zu können, wird man um Fleisch nicht umhinkommen, will man nicht die letzten Regenwaldflächen auch noch in Soja-Monokulturen umwandeln und der Artenvielfalt damit endgültig den Garaus machen.“

    Viel Erfolg beim Aufarbeiten der Nachhilfe, die hat es unter dem Originalartikel ja zu genüge gegeben – siehe hier: http://www.taz.de/Synthetisches-Fleisch/Kommentare/!c100010/

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