vonHeiko Werning 27.08.2012

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Ein Sibirischer Tiger hat im Kölner Zoo seine Pflegerin getötet und musste vom Zoodirektor erschossen werden. Ursache war wohl ein Versehen der sehr erfahrenen Frau; bei Reinigungsarbeiten hat sie die Großkatze nicht sicher ausgesperrt. Gleich hyperventiliert die Medienlandschaft, der Albtraum ist eine Traumstory: wildes Tier versus schöne Frau, Tragödie und ein martialisches Finale mit dem Großkalibergewehr. Dabei handelt es sich, so traurig es ist, um einen ganz normalen Arbeitsunfall. Bekommt der Elektriker einen tödlichen Schlag, ist das nicht einmal der Lokalzeitung mehr als eine Randnotiz wert, wird der Arbeiter an der Metallpresse zermalmt, fordert niemand die Abschaffung von Metallpressen. Zootiere sind wilde Tiere, sie zu zeigen, ist der Sinn der Einrichtungen. Mit ihnen zu arbeiten birgt immer ein Risiko, wenn sicher auch mehr Tierpfleger auf dem Weg zu ihrer Arbeit im Straßenverkehr verunglücken als dort selbst. Daraus nun abzuleiten, die Haltung von Großkatzen sei tierquälerisch, weshalb der Tiger habe flüchten wollen, ist eine absurde Vermenschlichung. Wenn Mensch und Tiger aufeinandertreffen, kann es nun einmal Tote geben. In freier Wildbahn sind das meistens die Katzen.

Der Sibirische- oder Amur-Tiger ist, wie alle Tiger-Unterarten, stark gefährdet. In den Zoos allerdings ist die Population stabil, die Geburten müssen sogar kontrolliert werden, weil die Unterbringungsmöglichkeiten begrenzt sind. Die Gefahr für die Großkatzen besteht in erster Linie in der fortschreitenden Lebensraumzerstörung und der Jagd für diversen abergläubischen Tand. Aller Bemühungen von Artenschützern zum Trotz gehen die Bestände weiter zurück. Da müssen die Zoo-Tiere womöglich eines Tages als Backup-Population dienen, vor allem aber können sie helfen, als Botschafter ihrer Art die Menschen für ihre desaströse Lage zu sensibilisieren. Und überhaupt erst mal Verständnis für sie zu schaffen, denn immer noch herrschen unbegründete Angst und Unverständnis gegenüber solchen „wilden Tieren“ – wie die Reaktionen auf den Unfall in Köln eindrucksvoll beweisen.

Der Text ist in der taz vom 27.8.2012 erschienen

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