vonJakob Hein 16.09.2012

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

Mehr über diesen Blog

 

Nach so einer Hochzeit droht die baldige Scheidung

Es gibt Leute, die permanent behaupten, das deutsche Fernsehen sei schlimm. Sie würden es zwar nie ansehen, rücken aber dennoch nicht von dieser Behauptung ab. Sie selbst schauen natürlich lieber amerikanische Spitzenserien, frisch aus dem writers‘ room, selbstverständlich im Original. Von Serien wie „Stromberg“, dem, was Bastian Pastewka so macht oder den neuen Frankfurter „Tatorten“ haben sie noch nie gehört. Sie wollen auch nichts von diesen Produktionen wissen, weil die ihr Weltbild durcheinanderbringen würden. Der neue Bremer „Tatort“ ist genau der richtige Film für diese Leute.

Es ist die hohe Kunst der Rezension, gute Kritiken zu liefern, anderen Menschen Vorfreude auf einen künstlerischen Genuss zu schaffen, die Qualitäten des Kunstwerks in einem schönen Licht aufscheinen zu lassen. Aber bei „Hochzeitsnacht“ wird das eng. Fangen wir beim Guten an: Der Titel des Films ist recht gelungen, denn die genannte Nacht nach der Hochzeit werden weder das Brautpaar noch die Gäste im Bett verbringen. Doch so wie die Protagonisten fängt man auch als Zuschauer sehr bald an, sich nach seinem Bett zu sehnen. Die Bremer haben ihrer Hauptkommissarin Inga Lürsen keinen besonderen Gefallen zum 15-jährigen Dienstjubiläum bereitet. Diesen „Tatort“ werden nicht viele Zuschauer bis zum Ende durchhalten. Der Rezensent fühlte sich dazu dienstlich verpflichtet und kann es keinem ehrlichen Herzens empfehlen.

Nachdem die Dachgeschosswohnungen Münchens und Berlins jahrzehntelang der beliebteste Spielort deutscher Fernsehfilme waren, wurde in den letzten Jahren die Provinz entdeckt. In „Hochzeitsnacht“ ist praktisch ein gesamtes Dorf im Bremer Umland auf der Hochzeitsfeier von Rieke und Nico versammelt. Na gut, normalerweise würde man auf dem Dorf nicht das Vereinsheim als Ort für die Hochzeit wählen. Im Vereinsheim feiern die Vereine, da feiert man Silvester und Feuerwehrball. Aber kleinere logische Brüche seien verziehen. Die üblichen Reden werden gehalten, der Dorfkapellmeister spielt schlechte Stimmungsmusik und der Alkohol fließt in Strömen. Was Kommissarin Lürsen da macht, ist nicht so ganz klar, irgendwie ist sie die Begleitung von Kommissar Stedefreund. Aber warum der da ist? Wer weiß. Na gut, über kleinere logische Brüche sollte man hinwegsehen können. Stedefreund geht dann mal kurz mit dem Hund raus, ein kleiner Schoßhund, den der Polizeikommissar so schlecht im Griff hat, dass ihm das Hündchen in langen, endlosen Einstellungen weit über die Landschaft der Rieselwiesen an der Soeste entflieht. Aber wie gesagt, kleinere logische Brüche gehören vielleicht bisweilen dazu. Auf dieser ersten Verfolgungsjagd des Krimis rutscht der Kommissar irgendwie aus Versehen einen alten Steg hinunter, in dem er sich irgendwie auch den Fuß so einklemmt, dass er ihn irgendwie überhaupt nicht mehr hinaus bekommt und nun hilflos auf der Rieselwiese liegt, niemand da außer dem hämisch blickenden Schoßhund. Wenn das jetzt nicht so glaubwürdig klingt, soll man nicht immer nur strengste Logik einfordern. Um seinen unverrückbar eingeklemmten Fuß aus dem Steg zu befreien, befreit sich der Kommissar nun nicht etwa von seinem eingeklemmten Schuh, sondern zieht sich in einem unerwarteten Schachzug seine Hose aus. Sicher, man soll es mit der Logik nicht immer so genau nehmen. Warum er sich die Hose ausziehen muss, bleibt völlig unklar. Vielleicht weil er schöne Beine hat? Hier jedenfalls kommt die ARD ihrem Bildungsauftrag nicht vollumfänglich nach. Aufgepasst, liebe Kinder: Solltet Ihr Euch mal den Fuß einklemmen, hilft Hose ausziehen meist nicht. Dass die Hose nachfolgend die Soeste hinuntertreibt, war ein so schönes Bild, dass man darauf auch nicht mehr verzichten wollte.

Indes dringen auf der Hochzeitsfeier zwei schwer bewaffnet maskierte Räuber ein, von denen der eine die Hochzeitsgesellschaft überfallen, der andere aber lieber mit den Gästen quatschen möchte. Er kennt sie alle von früher, weshalb er sich auch bald entschließt, das Maskierte an seinem Räuberdasein aufzugeben. Vielleicht hätten sie sich vor ihrem Überfall ein wenig absprechen sollen, denn der weiterhin Maskierte müht sich redlich, die Hochzeit weiter zu überfallen, während der Unmaskierte psychologische Gespräche führt, wenn er nicht gerade „Schnauze!“ brüllt und irgendeinen Hochzeitsgast ganz fest knufft. Der Maskierte sammelt indessen die Ohrringe und Ketten ein, vermutlich könnte er damit bei eBay mehr als hundert Euro machen. Hoffentlich bekommt er so die Kosten für die hohen Planungskosten wieder rein, das Werkzeug, mit dem sie Mobil- und Festnetzverbindungen des Dorfes vor ihrem Überfall gekappt haben, die Ketten, mit denen sie alle Ausgänge verschließen und die aufwendigen Waffen, mit denen sie herumwedeln. Kleiner Tipp fürs nächste Mal: Eine Bank hätte sich mehr gelohnt.

Und so geht es weiter und weiter und weiter. Ein Mord, für den der Unmaskierte gesessen hat, wird aufgearbeitet. Das Mordopfer war eine junge Frau, von der etwa achtzig Mal betont wird, dass sie „alle nur ficken“ wollten, nur der arme Unmaskierte hat sie wirklich geliebt. Ehrlich. Das Biedere der Dorfkulisse wird knallhart enttarnt, indem der einer der ach so braven Bürger dem Mädchen Geld gab, damit diese mit einem anderen braven Bürger Sex macht, damit der dafür dem Geldzahler bei einem Bauvorhaben hilft. Aber warum der Finanzier ihm nicht einfach das Geld direkt gab und der Empfänger nicht selbst aussucht, was er damit macht oder warum das Mädchen überhaupt Geld für Sex bekommt, wo sie doch ohnehin „mit jedem fickt“, wir werden es nie erfahren. Auch nicht, warum die Räuber sich vor ihrem Überfall genaustens über den Verlauf der Telefonleitungen sowie die Position der Handy-Sendemasten im Dorf informiert haben und genügend Ketten für die Türen des Vereinsheimes mitbringen, ihnen aber gleichzeitig entgangen ist, dass unter dem Vereinsheim noch ein geheimer Geheimgang in einen in zehn Meter Tiefe verlaufenden, kilometerlangen Stollen führt, der bei einem Wehr endet. Gut, wer sollte damit rechnen, dass in den sechziger Jahren in einer sumpfigen Wiesenlandschaft ein Vereinsheim in Plattenbauweise mit Vordertür, Hintertür, Küche, Tanzsaal und geheimem unterirdisch verlaufendem Geheimgang gebaut wurde, aber die Logik muss auch nicht immer logisch sein, weil das ja gerade an der echten Logik nervt, will man im Fernsehen doch auch mal was anderes sehen.

Und dass die Polizei mit hundert Mann vom Sondereinsatzkommando ein Vereinsheim stürmt, aber der einzige dort noch anwesende Täter (schwarz gekleidet und mit Pistole) trotzdem inklusive einer Geisel entkommen kann und dieser Verdächtige den ganzen Film über einen leeren Rucksack trägt, dem er dann kurz vor Schluss eine vier-Kilo-Urne mit der Asche seiner Mutter entnimmt, ist dann auch schon egal.

So bietet „Hochzeitsnacht“ nur sekundäre Vergnügungen. Man kann sich darüber streiten, ob die Braut eher so aussieht wie Familienministerin Schröder oder wie Charlie Sheens Ex-Frau, ob der trottelige Onkel Ähnlichkeit mit dem Komiker Olaf Schubert hat oder nicht und ob die Entführer die ganze Gesellschaft jetzt nochmal brüllend in einen anderen Raum des Vereinsheims schicken oder nicht. Man könnte zählen, wie oft „Carola“ und „ficken“ in einem Satz gesagt werden oder, wenn man über eine schnelle Auffassungsgabe und ein großes Gedächtnis verfügt, die logischen Brüche summieren. Übrigens ergibt sich aus dem Mann ohne Hose noch eine ganze zweite Erzähllinie, die aber so hanebüchen ist, dass man einerseits nie wieder darüber nachdenken möchte und andererseits gnädig den Mantel des Vergessens über ihr ausbreiten möchte. Er wird nach zwanzig Minuten beinfrei bei einer alten Frau eine Jeans in exakt seiner Größe finden. Das solide bis gute Ensemble bemüht sich redlich, aber wie soll ein Schauspieler seine Rolle anlegen, wenn er den Leiter eines Sondereinsatzkommandos darstellen soll, der einerseits scharf bewaffnete Einheiten zum Häuserkampf zusammenzieht und andererseits eine ältere Dame mit Hund nicht der Frontlinie verweisen kann?

Dieser „Tatort“ wird rasch in den Rieselwiesen versinken, aus denen er nie hätte auftauchen dürfen und mit ihm Sätze wie „So eine Bluetooth-Scheiße!“ und Dialoge wie:

Ich will nur Gerechtigkeit.“

Sie wollen Rache.“

Ist das nicht das Selbe?“

 

Diese Rezension durfte ich für die Kollegen vom „Tatortfundus“ verfassen.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2012/09/16/tatort-hochzeitsnacht-rache-und-gerechtigkeit/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • @Sandra: Das heißt, wenn Sie einen „Tatort“ sehen erwarten Sie keinen Spannungsbogen, keine ausgefeilten Dialoge, keine Actionaufnahmen mit Effekten und keine glänzenden Parolen. Ist das nicht ein eher zweischneidiges Kompliment für den „Tatort“?

  • Ich war nicht enttäuscht vom Tatort 🙂
    Er war ziemlich schräg, klar, aber ich fand die Darsteller überzeugend und die Handlung relativ glaubwürdig – bis auf Stedefreund, der offenbar die Gag-Quote zum Jubiläum ganz allein versorgen musste.

    Meiner Meinung nach muss ein Krimi nicht nach einem perfekten Spannungsbogen konstruiert sein, die Dialoge müssen bei einer Geiselnahme nicht ausgefeilt sein.
    Wo bleibt da die Realität?

    Auch das ist deutsches Fernsehen, und wer Actionaufnahmen mit vielen Effekten und glänzenden Parolen sehen möchte, sollte vielleicht vom Tatort absehen.

  • Da zieht sich jemand die Hose aus, weil der Schuh eingeklemmt ist? Also ich hab nach Lektüre deiner Rezension unheimliche Lust bekommen, diesen Film zu sehen.

  • Weil die Print-Taz mir das schon vorausgesagt hatte, hab ich eh lieber den Kim-Novak-Film von Nesser geguckt. Der war schön. Obwohl ich ihn schon kannte.

  • Herrlich geschrieben – ich kann mal wieder mitreden, wenn es um den letzten Tatort geht 🙂 Denn ich zähle mich tatsächlich zu den Jüngern amerikanischer High-End-Serien, denen das deutsche TV nur noch schwer was bieten kann. Stromberg & Pastewka mal ausgenommen, tatsächlich. Die letzten 10 Jahre haben die Kluft zwischen diesseits und jenseits des großen Teichs auf jeden Fall arg vertieft.

    Deutsche Drehbuchschreiber und Produzenten, macht doch mal bitte alle (mindestens) ein FSJ bei HBO und AMC!!!

  • Logik, Logik, Logik, gähn. Auf schöne Naturaufnahmen kommt es an. Heide und Berge und schäumendes Meer und Wolken, weiße Wolken, die aussehen wie … Wolken. Das wollen wir sehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.