vonJakob Hein 09.04.2013

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Auf BER wird sich so schnell kein Flügel bewegen

Ministerpräsident Platzeck kündigt an, dass Bahnchef Mehdorn möglicherweise schon bald das Eröffnungsdatum des neuen „Flughafens“ BER ankündigen wird. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer hat klargestellt, dass ein halbes Jahr nach der Eröffnung des neuen Flughafens in Berlin-Schönefeld die Betriebserlaubnis für den alten Flughafen Berlin-Tegel erlischt und letzterer dann geschlossen wird. Wesentlich ist es zu wissen, dass Ramsauer Mitglied einer radikalkatholischen Splitterpartei ist, deren Mitglieder nach der Wahl eines neuen Oberhauptes ganz offensichtlich gottähnliche Hoheitsgefühle verspüren und sich deswegen auch nicht scheuen, weit in die Zukunft zu blicken, obwohl doch der Blick in die Zukunft verstellt wird von den Nebeln des Ungewissen und dem schlierigen Regenschleier der Eventualität, so dass die Sicht selbst des Scharfsinnigsten selten weiter reicht als vielleicht ein paar Tage. In anderen Religionsgemeinschaften, an deren Spitze ein allwissender und allmächtiger Gott steht, würden Ramsauers Äußerungen leicht als gotteslästerlich verstanden werden, da nur der einzige, monotheistische Gott über die Gabe verfügt, eine weit entfernte Zukunft in solcher Detailtreue vorauszusagen. Einzig bei den Religionen mit K, also den Klingonen und den Katholiken ist offensichtlich eine solche Gottgleichheit des Menschen religionskonform.

In Berlin ist inzwischen eine eigene Religionsgemeinschaft herangewachsen, dessen spirituelles Zentrum der neue Flughafen Berlins ist. Ausgangspunkt des Glaubens ist, dass am Tag der Eröffnung alle Mitglieder des Kultes von allen Sorgen und Leiden erlöst sein werden, während Nichtgläubige einen schrecklichen Tod sterben müssen. Als religiösen Führer erkennen die Gläubigen den jeweiligen Flughafenchef an, dessen jeweilige Äußerungen über die bald bevorstehende Eröffnung sie mit Jubel und Freudenschreien begrüßen. Alle Bauverzögerungen und Schwierigkeiten, die eine Eröffnung verzögern, werden als Prüfungen der Glaubensfestigkeit gottergeben ertragen. Dabei befindet sich die Kirche im typischen Konflikt einer Erlösungsreligion: Einerseits wird der Tag der Erlösung herbeigesehnt und in Gebeten beschworen, andererseits würde dieser Tag die Religionsgemeinschaft selbst in eine schwere Krise stürzen. Was den Zeugen Jehovas das Armageddon und den Juden die Ankunft des Erlösers wäre, das wäre für die „Kirche der Anhänger Schönefelds der letzten Tage“ die tatsächliche Eröffnung eines Flughafens auf dem Gelände südlich von Berlin: Tag der größtmöglichen Hoffnung und Tag der schlimmstmöglichen Enttäuschung zugleich.

Nachdem die Glaubensgemeinschaft zunächst als obskure Sekte belächelt wurde, stellt sich nun heraus, dass wesentliche Teile des Aufsichtsrates dort Mitglieder sind. Als solche sind sie in den Konflikt verfangen, dass sie einerseits die Eröffnung des Flugfeldes mit in die Tat umsetzen könnten und dass sie andererseits kaum offen sind für die immer drängender werdende Aufgabe des aberwitzigen Plans, in die Moorlandschaft Südostberlins eine Konstruktion zu setzen, auf der das Leben Abertausender Menschen aufs Spiel gesetzt würde. Schließlich wird in dieser Gegen noch nicht einmal die vergleichsweise einfache Kunst des Lenkens von Automobilen umfassend beherrscht, wie zahlreiche Kreuze und Blumengebinde an den Alleebäumen der Zufahrtsstraßen nach Schönefeld belegen. Wie soll in so einer Gegend, die von Jahrzehnten der Planwirtschaft und der sozialistischen Parteigläubigkeit geprägt ist, plötzlich modernste Düsentechnologie der Luftfahrtindustrie gefahrlos angewandt werden? Es stimmt schon, dass die Ortsansässigen sich alle Mühe gegeben haben, den Herausforderungen der neuen Zeit zu genügen. Zahlreiche Unternehmen haben sich gegründet: Fuhrunternehmen, Privatdetekteien, Wachschutzunternehmen, Geschäfte für Überwachungstechnologie, Sicherheitsberatung. Man kann sagen, die Sicherheitslage am Flughafen wäre ausgezeichnet. Aber was ist mit den Bereichen Service, Logistik, Maintenance? Die Ostberliner und Brandenburger sind von der Stasi wunderbar ausgebildet in den Bereichen Überwachung, Folter und Verhör. Aber wie sollen sie mit dieser Ausbildung im vollkommen fremden Feld des Dienstes am Kunden bestehen? Ein Probelauf in der provisorisch errichteten Flughafenattrappe endete in einer Katastrophe. Die Gepäckabfertigung bestand darin, dass die Mitarbeiterinnen mit geübten Händen und Blicken alle Koffer und Taschen durchsuchten und Westpresse und andere dekadente Materialien beschlagnahmten. Nur jeder zehnte Fluggast durfte die Personenkontrolle überhaupt passieren, der Rest wurde wieder zurückgeschickt oder gleich in den riesigen leerstehenden Gebäuden interniert. Einige der Studenten, die sich als Probefluggäste zur Verfügung gestellt und einen lustigen Nachmittag erwartet hatten, sind bis heute nicht wieder aufgetaucht. Es wird vermutet, dass sie gemeinsam mit den ersten Bauentwürfen für einen Tower in den Mooren vor Schönefeld verschwunden sein und erst in Jahrtausenden wieder als Braunkohlen auftauchen könnten. Für ihre Familien ist das wohl kein Trost. Die Landebahnen kranken daran, dass der Zement aufgrund der hohen Feuchtigkeit nicht abbinden kann oder in groben, vorgegossenen Platten verbaut werden muss, was Holperpisten erzeugt, die sonst nur von ostdeutschen Autobahnen bekannt sind und mit Sicherheit nicht einmal in die Nähe irgendeiner internationalen Anforderung kommen, bevor sie nach Absinkzeiten von drei bis fünf Monaten vollständig in der Landschaft versunken sind und die typische Vegetation von Feuchtgräser und Sumpfblüten wieder alle in Beschlag genommen hat und so vergessen macht, dass hier einst Menschen in den Kampf mit der zornigen Mutter Natur gezogen waren.

Indes gestaltet sich die Suche nach einem neuen Standort als außerordentlich schwierig. Nicht noch einmal möchte man die gleiche Pleite wie mit Schönefeld erleben, daher scheidet der gesamte Osten aus und auch in Polen möchte man nicht bauen, weil der Bau eines deutschen Hauptstadtflughafens auf polnischem Gebiet womöglich für Irritationen sorgen könnte. Das am nächsten gelegene Gebiete in Niedersachsen würde hingegen den Großraum Wolfsburg umfassen, was mit dem Volkswagenwerk Wolfsburg einen wichtigen Industriestandort empfindlich stören würde. Als man sich jedoch auf der Standortsuche weiter südlich auf der Landkarte bewegt und schon fast auf die Stadt Hanau geeinigt hatte, stellte sich heraus, dass unweit von Hanau bereits eine Art Flughafen zu finden ist, ein regionales hessisches Flugfeld, dessen Betreiber jedoch durchaus eigene Aufstiegsfantasien unterhalten, wie sich das für ein hessisches Regionalprojekt so gehört (Roland Koch).

Insofern ist vollkommen offen, wie die weitere Gestaltung des so genannten Flughafenbaus voranschreitet. Sicher ist wohl einzig, dass ein heute geborenes Kind selbst bei größten medizinischen Fortschritten und gesündester Lebensweise nicht mehr in seiner Lebenszeit die Eröffnung des Flughafens erleben wird. Ob bis dahin die Welt untergegangen ist oder ob Berlin so weit gewachsen ist, dass ein völlig neuer Standort notwendig ist oder so geschrumpft, dass sich die Notwendigkeit eines eigenen, von Prag unabhängigen Flughafens erübrigt hat oder ob bis dahin die Beam-Technologie so weit entwickelt ist, dass Reisen in Flugmaschinen nicht mehr aktuell sind oder ob die erste offen lesbische Päpstin zu diesem Zeitpunkt den Beitritt ihres Vereins zu Scientology verkündet – es ist offen. Jedenfalls ist jeder in Tegel angelegte Cent weiterhin eine sehr gute und konservativ zu nennende Investition.

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