vonJakob Hein 06.08.2013

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Mindrup_ContemptDie Strategie, im Wahlkampf Bilder von Kanditatinnen zu plakatieren, ist seit Jahrzehnten ebenso umstritten, wie sie von allen Parteien verfolgt wird. Wenn es eine Partei mal nicht macht, hat sie das Gefühl, abgestraft zu werden. Irgendwie kann man mit diesen Plakaten das Gefühl verbreiten, man würde die Kandidatinnen kennen und eine Art emotionalen Anker setzen.

Aber – großes „Aber“ – man sollte doch ein paar minimale Spielregeln beachten. So sollten die Kandidatinnen mit gewaschenem Gesicht zum Fototermin erscheinen, der Fotograf sollte die Grundlagen der Fotografie beherrschen und die Grundlagen der Bildbearbeitung nur sparsam einsetzen, damit die Kandidatinnen einerseits tatsächlich wiedererkannt werden und andererseits auf den Fotos leidlich sympathisch wirken. Darüber hinaus sollten die Kandidatinnen darum bemüht sein, während des Auslösens ihren Gesichtern so eine Art Lächeln abzuringen. Notfalls geht auch ein ernstes Gesicht, das ausdrückt: „Ich würde gern lächeln, aber Freunde! – die Lage ist viel zu ernst.“

Was aber macht Herr Mindrup von der SPD auf seinem Foto? Eine erkennbar einseitige Gesichtsbewegung, in welcher der linke Mundwinkel einseitig angespannt und hochgezogen wird. Es handelt sich hier nach übereinstimmender Meinung aller Emotionsforscher um den Ausdruck „Verachtung“, einer der wenigen einseitigen Gesichtsausdrücke (zum Vergleich hier ein Schaubild für Verachtung, obwohl das von Mindrup eigentlich besser ist). Paul Ekman behauptet, Verachtung sei eine Basisemotion, da sie in allen bekannten Kulturen gleich ist und problemlos erkannt werden kann. Andere behaupten, Verachtung sei aus den Emotionen Ekel und Wut zusammengesetzt und könne daher nicht als Basisemotion gesehen werden. Und tatsächlich hat Verachtung auch ihre ethische Berechtigung als Teil moralischer Systeme.

Aber ob Verachtung der Blick ist, mit dem Kandidatinnen von ihren Wahlkampfplakaten herunterschauen sollten, darf zumindest hier stark bezweifelt werden.

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