vonJakob Hein 07.08.2013

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Damit offene Brief helfen, muss man auch fest glaubenSehr geehrter Herr Obama,

lange habe ich überlegt, ob ich Ihnen überhaupt schreiben sollte. Denn einerseits habe ich meistens eine ganze Menge zu tun, so dass ich zum Beispiel oft gar nicht dazu komme, all die Sendungen anzugucken, die ich mir seit 1992 aus dem Fernsehen aufgezeichnet habe. Ein paar sind immer noch übrig, von denen mir seinerzeit versichert wurde, dass sie sehr gut gewesen seien. Aber mittlerweile ist es schwierig, eine ganz normale Videokassette irgendwo abzuspielen – geschenkt. Andererseits bin ich aber auch davon ausgegangen, dass Sie beide ebenfalls nicht allzu viel Zeit haben und dass man daher als Bürger genau nachdenken sollte, bevor man Ihnen schreibt. Vielleicht findet man ja selber eine Lösung oder vielleicht ist auch jemand zuständig, der weniger wichtig ist und mehr Zeit für mein Anliegen hat, oder jemand, der überhaupt nicht wichtig ist und nur Zeit hat, zum Beispiel jemand von der FDP.

Schließlich muss man ja auch bedenken, dass man mit seinen Briefen einen Haufen Arbeit verursacht. Die Politiker sind ja verpflichtet, solche Briefe Zeile für Zeile zu lesen, ganz zu schweigen von dem Aufwand, darüber nachzudenken, was sie dem Bürger nun antworten, dann das ganze schreiben. Na gut, sie haben ihre Leute, die mal was nachschauen können oder die auch mal neues Briefpapier besorgen, aber seit diesen Geschichten mit Guttenberg werden Sie sicher nicht mal irgendjemand für sich irgendwas schreiben lassen. (nur für Herrn Obama: Info: Herr von Guttenberg war ein Politiker bei uns.) Kurzum, wenn jeder einfach drauflos schreibt, dann kommen Sie ja gar nicht mehr zum Regieren, was auch immer das genau heißt, aber das werden Sie hoffentlich am besten wissen. Ich stelle mir das immer so vor wie die Leitung im Krankenhaus, die mussten immer sehr viel Espresso trinken und wichtige Sitzungen machen.

Also wollte ich Sie wirklich möglichst verschonen, denn es ist bestimmt ein Schock für Sie, so einen Brief von mir zu erhalten. Sie werden in Ihren Nationalarchiven auch noch ein, zwei weitere Briefe von mir an Ihren Amtsvorgänger Ronald Reagan finden, diese schrieben wir ihm als Schüler. Der erste enthielt die Aufforderung, unverzüglich den Weltfrieden herzustellen und der zweite sollte die schmutzigen Lügen über den Abschuss eines koreanischen Flugzeugs durch die Sowjetarmee zurückweisen, die sich als die Wahrheit herausstellten. Insofern habe ich mit zwei Briefen an US-Präsidenten schon ganz schön viel Arbeit gemacht. Aber nachdem ich in den letzten Tagen so einiges mitbekommen habe, blieb mir leider nichts anderes übrig, als Ihnen diesen Brief zu schreiben. Ich mache Sie gleich darauf aufmerksam, dass der Brief offen ist, offen wie eine offene Wunde. Wenn mein Vater den nachher auch mal lesen will, oder mein Kumpel Micky oder die Weltpresse – können sie alle sehen. Nur dass wir uns da gegenseitig nichts vormachen.

Also: Ich habe mitbekommen, dass Sie meine Aktivitäten im Internet überwachen und ich muss Ihnen sagen: Das ist wirklich ein dicker Hund! Das kann doch nicht sein, dass die US-Regierung sich dafür interessiert, wenn ich mir eine Regentonne im Internet bestelle. Aber es stand in der Zeitung. Und im Internet. Da gab es keinen Zweifel mehr. Ist Ihnen überhaupt bewusst, Herr Obama, dass ich mit diesen Maßnahmen nicht im Mindesten einverstanden bin oder war? Und jetzt setzen Sie sich mal lieber hin: Nämlich dadurch, dass ich nicht damit einverstanden bin, waren diese Aktionen praktisch illegal. Auf deutschem Boden. Sie durften mich gar nicht ausspähen. Und selbst wenn Sie mich freundlich gefragt hätten, hätte ich wahrscheinlich sogar nein gesagt. Ich nehme mal an, dass Sie jetzt genauso platt sind, wie ich es war. Ihre Geheimdienste haben geltende Gesetze gebrochen! Das soll man doch wirklich nicht für möglich halten, gell? Aber es kommt noch besser: Das Ganze betrifft nicht nur mich allein, was gerade ich persönlich schon für eine ganz schöne Unverschämtheit halten würde. Nein, es betrifft wohl viele Millionen von Bürgern und die absolut verschwindend wenigsten waren damit einverstanden. So, spätestens jetzt verstehen Sie bestimmt, warum ich zur Feder gegriffen habe, und Ihnen einfach schreiben musste. Da wird doch wirklich der sprichwörtliche Hund in der allegorischen Pfanne verrückt, oder?

Das Gute ist nun, dass ich mir in den letzten Tagen, wie man sagen könnte, schon mal Ihren Kopf zerbrochen habe und nun mit einigen Lösungen aufwarten kann. Erstens beenden Sie bitte sofort ihre flächendeckende Überwachung der gesamten Menschheit. Zweitens löschen Sie bitte die Daten, die Sie bisher aus der flächendeckenden Überwachung der gesamten Menschheit gewonnen haben. Drittens löschen Sie bitte auch die Software, die diese Ausspähung gemacht hat und viertens versprechen Sie ganz fest, dass Sie auch zukünftig nicht mehr die Menschheit flächendeckend überwachen werden.

Ich denke, dass diese Maßnahmen gut und umfassend wären und hoch geeignet, wieder das Vertrauen aller freiheitsliebenden Menschen des Planeten in Sie wieder zu hundert Prozent herzustellen. Klar, dass es irgendwie nicht ganz so supi war, dass Sie vorher flächendeckend alle Menschen ausgespäht haben, wenn Sie nur konnten. Das ist irgendwie eher ein Minuspunkt auf Ihrem gedachten Sympathie-Konto. Andererseits sehen Sie gut aus und können schön reden, das macht einiges wieder wett. Vielleicht werden ein paar Kritiker einwenden, dass Sie sich für Ihre ursprüngliche Daten-Großernte keinerlei Genehmigung eingeholt hatten und dass Sie schon damals reihenweise bestehende Gesetze gebrochen haben. Aber ich denke, dass es sich hier um eine Kette unglückseliger Zufälle gehandelt haben wird und dass sie jetzt, wo Sie uns das versprechen, nicht weiter heimlich und ohne Genehmigung Daten abgreifen, vor allem wo ja auf dem Spiel steht, dass die Menschen und die Freiheit, zwei Dinge, die Ihnen doch so viel bedeuten, möglicherweise in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Sie können sich wegen der konkreten Umsetzung der Maßnahmen in Deutschland gern auch an die deutsche Bundesregierung wenden, die Adresse finden Sie bestimmt im Internet. Diese wusste nämlich nichts von alledem, ist aber gern bereit, alles zur Prüfung einer eventuellen Aufklärung des mutmaßlichen Sachverhalts zu unternehmen, was in uns allen in Deutschland doch sehr viel Hoffnung verursacht hat.

Hier noch ein Nachsatz, damit wir uns nicht missverstehen: Sollten Sie die von mir vorgeschlagenen Maßnahmen nicht im vollem Umfang umsetzen, weil Sie schließlich noch viele Terroristen fangen müssen, möchte ich sie dazu auffordern, zumindest alle mich betreffenden Daten zu löschen und auch weiterhin keine Daten von mir oder über mich zu erheben. Erstens bin ich kein Terrorist, was ich Ihnen hiermit schriftlich gebe. Das sollte ausreichen, denn das Wort eines Mannes gilt ja wohl noch etwas (ohne dass das etwas gegen die Worte von Frauen sagen soll) und zweitens: selbst wenn ich Terrorist wäre, dann hätte ich soeben schriftlich gelogen und Sie könnten mir schon deswegen den Prozess machen. Sie dürfen rein rechtlich gesehen überhaupt gar keine Daten mehr über mich erheben, weil ich Ihnen das hier nun verboten habe. Mein Rechtsanwalt Enrico Klemke, der seine Kanzlei in der Ernst-Thälmann-Straße 4 in Löcknitz am Bahnhof hat und sich mit dem Internet gut auskennt, bestätigt mich in dieser Rechtsauffassung. Er hat schon einige Firmen aus dem Internet abgemahnt und wäre auch bereit, Ihre amerikanischen Geheimdienste auf empfindlich hohe Summen abzumahnen. Kleine Warnung: Das kann schon mal fünfstellig werden. Und nicht zu vergessen: Ich habe eine Rechtsschutz! Noch von der Staatlichen Versicherung. Ich will nicht lügen, aber ich möchte meinen, da ist Rechtsschutz gegen Ausspähung dabei.

So, es tut mir auch leid, dass ich hier zu teilweise sehr deutlichen Worten gegriffen habe, aber so etwas muss unter Freunden möglich sein. Und seit Sie Ihr Jackett vor dem Brandenburger Tor ausgezogen haben, sind wir Freunde, das haben Sie selbst gesagt. Doch nun, wo ich mich darauf verlassen kann, dass Sie und Ihre Geheimdienste ihre illegale, ungenehmigte und geheime flächendeckende Ausspähung von allem unterlassen werden, gibt es zumindest aus meiner Sicht keinen Grund, unsere alte Freundschaft nicht auf bewährte Weise fortzusetzen.

Herzliche Grüße,

Ihr Jakob Hein

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