vonJakob Hein 24.11.2013

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Journalismus ist wichtig. Nicht nur die Mächtigen dürfen die Möglichkeit haben, sich darüber zu informieren, was in der Welt geschieht, das muss das Recht der Bürger bleiben. Nun kann man sich darüber streiten, ob es unbedingt berichtet werden muss, dass eine Gruppe angetrunkener Jugendlicher in einer Stadt eine Gruppe von Touristen „schubsen“ und an“pöbeln“. Aber natürlich kann man darüber berichten. Am besten ist es natürlich, wenn man die Touristen und die Jugendlichen befragt, vielleicht auch die Polizeibeamten, die den Fall untersucht haben. Vielleicht porträtiert man auch die Stadt, in der das alles passiert, aber letztendlich wird es nicht viel mehr sein, als ein kleiner Bericht unter „Lokales“.

Es sei denn – ja, es sei denn die Stadt heißt Berlin, der Stadtteil heißt Prenzlauer Berg und die Zeitung ist die „Süddeutsche Zeitung“ (22.11.2013). Dann widmet man diesem Ereignis die ganze Seite 3 und weist schon auf der Titelseite darauf hin mit der ausgewogenen Überschrift: „Haut ab – willkommen im Prenzlauer Berg“. Und dann wird der Vorfall ein klein wenig aufbauscht von einer Schubserei zu… wir wollen nicht zu viel verraten:

Auch wenn es hier manchmal hässlich wird. Im Kampf um die ewige Frage, wem dieser Ort gehört. Und wer hierhin gehört. An einem noch klaren Herbstmorgen, in der Rykestraße mit ihren breiten Bürgersteigen und dem flüchtigen Duft aus einem asiatischen Restaurant in der Luft, beginnt der Kleinkrieg. Völlig unerwartet.

Ein „Kleinkrieg“ – na bitte. Schade, dass wir es nicht eine Nummer größer hatten, denn vermutlich kam es hier zu Geschehnissen, die denen in Syrien nicht wesentlich nachstehen, von wo natürlich im Falle eines veritablen Kleinkriegs im eigenen Land nicht berichtet werden kann. Wir wollen hören, wie dieser Krieg aussah, wie viele Tote und Verletzte es gab. Wer die Täter waren.

Die Jungs und Mädchen, die ein bisschen betrunken auf einem Bouleplatz an der Rykestraße wie spielende Löwenjunge lauern, sie richten sich auf zum Revierkampf, als die Gruppe der Berlin-Gäste an ihren Parkbänken vorbeizieht. Sie pöbeln gegen die, die sie für Fremde halten, machen sich wichtig, schubsen und wollen die Menschen, die sich nur für Berlin interessieren, aus Berlin vertreiben.

Oh – du – gute – Güte! Wieder einmal ist es ein Bouleplatz, von dem die hemmungslose Gewalt des Schubsens ausgeht. Wann wachen die großen Koalitionäre endlich auf und schließen alle Bouleplätze? Betrunkene Jugendliche pöbeln! Wann hat es das in der Geschichte der Menschheit schon gegeben? Und wo?

„Haut ab.“ Unvorstellbar in New York und London, oder?

Natürlich, vollkommen unvorstellbar in den gastlichen Gefilden der Südbronx oder den gemütlichen Vierteln Ostlondons. Nun hatte der Reporter nicht die Zeit oder die endlose Recherche-Geduld, mit den Jugendlichen selbst zu sprechen. Aber wozu gibt es Fragezeichen? Wozu?

Waren es die Kinder der letzten Ureinwohner vom Prenzlauer Berg, die noch in den wenigen Häusern des halbwegs sozialen Wohnungsbau leben? Dort, wo vor Weihnachten die bunten Lichter blinken und die Masten der Handygesellschaften auf den Dächern stehen. Wo die Leute wohnen, die Penny oder Netto lange suchen müssen, weil es das kaum noch gibt hier. Oder sind es die Kinder der Kölner und Stuttgarter, die sich jetzt noch cooler finden, als ihre Eltern es jemals waren, die Zugezogenen? Die Könige der Beletage und der Dachgeschosse? Oder doch die Entrechteten? Alle zusammen?

Ja, das sind so Fragen. Da die Opfer dieser hemmungslosen Gewaltorgie keine Anzeige erstattet haben, wird man das nicht herausfinden. Aber letztendlich ist es doch auch egal.

Am Ende interessiert es Kalanides [einen der Angepöbelten] auch nicht so, er ist kein Fahnder, er hat die Leute nicht angezeigt. Für ihn ist etwas anderes wichtiger. Er sagt: „Es gibt ein Klima in Berlin, das es erlaubt, Touristen grundsätzlich zu beschimpfen, das ist salonfähig und die jungen Leute an der Rykestraße, die leicht angetrunkenen Zwanzigjährigen, haben das kollektive Unterbewusstsein ausgedrückt. So einfach ist das.“

Ja, so einfach ist das. Angetrunkene Zwanzigjährige drücken immer das kollektive Unterbewusstsein aus, das weiß doch jeder. Deswegen nehmen alle Ecstasy, sind bei Facebook, studieren irgendwas und hören Electro. Völlig klar. Obwohl damit der Fall eigentlich geschlossen ist, wird sogar noch ein weiterer Beweis für dieses Klima erbracht.

Beim Hinausgehen hatte Kalanides dann die Bedienung gefragt, wo der Chef, der Bäcker, denn herkomme. Und die hatte geflüstert: „Ursprünglich aus Tirol.“

Wieso darf man das auf der Berliner Rykestraße nicht laut sagen, dass man aus Tirol kommt und wieso muss man das Wort „ursprünglich“ hinzufügen, wenn man es überhaupt sagt?

So, Fall endgültig abgeschlossen, Beweiskette geschlossen. Das Hauptproblem Berlins sind also zwanzigjährige Jugendliche, die auf Bouleplätzen sitzen und Touristen schubsen. Und die hauptsächliche gruppenbezogene Diskriminierung betrifft die Besitzer von Cafés und Restaurants am Kollwitzplatz. Das ist doch mal ein ausgewogenes Stück Journalismus. Da kann es sich der Reporter doch vollkommen sparen, die beschwerliche Reise fünfhundert Meter weiter nach Mitte zu machen, wo in vielen Läden nur noch Englisch gesprochen wird. Schließlich gibt es in Berlin so ein Klima.

Dazu noch ein Gespräch mit Wolfgang Thierse, der nichts Wesentliches zum Thema beizutragen hat und dem großartigen OL, der so ziemlich das Gegenteil sagt, aber das liest ja ohnehin keiner mehr. Hauptsache, alles steht unter der Überschrift:

Tür zu: „Haut ab“ – so empfängt man Touristen in Berlin. Am Kollwitzplatz. Besuch in einer geschlossenen Gesellschaft

Es war bekannt, dass Journalisten von der „Bild“ zum Spiegel gewechselt sind. Aber war auch die „Süddeutsche“ betroffen? Gefühlte Temperatur, wahrgenommene Luftfeuchtigkeit. So einfach ist das.

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2013/11/24/wozu-sachlich-wenn-es-auch-emotional-geht-mit-der-suddeutschen-zeitung-im-prenzlauer-berg/

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kommentare

  • Die SZ ist eine fürchterliche Zeitung geworden, aber das ist das Ergebnis wenn man sich auf die schiefe Ebene einer vergrünisierten Presse setzt, es wird alles beliebig. Mit Journalismus hat das soviel zu tun, wie eine Zeitung mit Klopapier. Wenn ich es irgendwie kann, kaufe ich die SZ nicht. Manchmal komme ich darum nicht herum.

    Der Taz sollte das eine Warnung sein.

  • es sei denn….. danach muesste alles im Konjunktiv geschrieben werden. es sei den, die Stadt hiesse Berlin u.s.w. Kann das ein Journalist heute nicht mehr?

  • „es gibt Journalisten, die von BILD zu Spiegel gewechselt sind.“ Was der Autor dabei verschweigt: Es gibt Journalisten, die von taz zu BILD wechselten – und keiner hat etwas gemerkt. Der Boulevard hat längst sämtliche Grenzen überwunden, alle sind friedlich vereint. Die Feindbilder werden nur noch auf Papier inszeniert. Zeitungen sind gar nicht mehr nötig. Für die Inbetriebnahme der Gefühle reichen auch Romane oder Liebesfilme.

  • Dass im Prenzelberg aber auch viele nervige Gören reicher Eltern aus Süddeutschland leben ist aber eben auch mal Fakt.

  • Ein prima Kommentar zu einer „schnellen Nummer“ der Süddeutschen.
    „Gefühlter Journalismus“ ist ja auch nicht schlecht, vor allem erspart er dem Verfasser die Mühen der Recherche. Er erspart auch besonders das anstrengende Selberdenken.
    C. Heydenreich

  • Mir tun die Spanier wirklich leid. Kommen nach Berlin, weil sie gebumst werden wollen. Stattdessen werden sie geschubst. Muß man sich mal vorstellen!

  • Viel wird über den Prenzlauer Berg geschrieben. Es geht dabei letztlich immer um die Deutungshoheit, ist ne Binsenwahrheit. Und weil die Gründerzeitquartiere im besagten Ortsteil hoch verdichtet sind und viele (unterschiedliche) Menschen auf engem Raum dort leben, ist er alles andere als homogen. Bei genauerer (und möglichst unvoreingenommener) Betrachtung findet man viel Unterschiedliches. Oder, um es anders zu sagen: Man findet gerade in Prenzlauer Berg immer das, was man sucht. Das macht ihn so interessant, aber auch verwundbar.

  • Ihr Blogpost und der Artikel in der SZ nehmen sich nichts: Die SZ bauscht auf, Sie wiegeln ab. Beide kommen Sie weitestgehend ohne Argumente aus. Egal, wie man zur gefühlten Wagenburg-Mentalität in Berlin stehen mag (ich habe in Prenzlauer Berg und in East London gelebt und stimme – so absurd es sich anhören mag – dem SZ-Artikel zu): Der Sache werden Sie beide nicht gerecht.

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