vonHeiko Werning 07.12.2013

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Was waren das für Zeiten, als die Bundeswehr noch den Auftrag hatte, die verweichlichten Wirtschaftswunderkinder, die zu doof waren zum Verweigern, mal anderthalb Jahre ordentlich ranzunehmen, und als es neben dieser eher pädagogischen Aufgabe vor allem galt, die Panzer zu polieren, damit sie gut aussähen, sollte der Russe mal kommen. Der kam aber nicht.

 

Nun gibt es plötzlich keine Wehrpflicht mehr, dafür müssen die Soldaten Deutschland am Hindukusch verteidigen. Eine psychisch schwierige Gemengelage, wie Oberstleutnant André Wüstner im Interview mit der „Welt“ ausführt. Der frisch gewählte Bundesvorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbands, der mit rund 200.000 Mitgliedern größten soldatischen Selbsthilfegruppe: „Der Reformprozess ist vergleichbar mit einem Trauerprozess. Da gibt es erst die Wutphase, dann die Frustration, und dann geht es langsam bergauf.“ So argumentiert der Mann filigran wie eine Mörsergranate. Denn gemeint mit dem Trauerprozess ist nur der Umbau zur Freiwilligenarmee, nicht etwa die Trauer um die Opfer von Oberst Klein und anderen Vertretern der sogenannten „Generation Einsatz“, die mit Wüstner nun erstmals den „Klassensprecher“ der Bundeswehr stellt, wie er zu Hause seine neue Funktion den Kindern erklärt. Der 39-jährige Panzergrenadier war selbst Kompaniechef in Afghanistan. Die Große Koalition betrachtet er daher mit dem im Einsatz geschärften militärischem Kennerblick: „Wir Soldaten haben ja gelernt, immer erst zu beurteilen: Wie ist die Lage der Konfliktparteien?“ Ist also die CDU auf dem Vormarsch? Oder ist sie doch eher in die Falle des Berliner Kessels geraten, wo sie von den Taliban der SPD unter Feuer geraten ist? Um das zu klären, werden die Aufklärungstechniken immer raffinierter: „Die meisten Soldaten haben früher nie einen Koalitionsvertrag gelesen. Jetzt bemerken wir zum ersten Mal breites Interesse.“ Das also ist das neue Soldatenbild unserer Berufsarmee. Statt durch den Schlamm zu robben und Rucksäcke voller Wackersteine kilometerweit durch hügeliges Gelände zu schleppen, lesen die jetzt alle eifrig Koalitionsverträge. Ist das eigentlich noch die Wutphase oder schon die Frustration?

 

Der Grund für den staatsbürgerlichen Eifer ist laut André Wüstner allerdings ein ganz einfacher. Die Soldaten haben nämlich Forderungen an die neue Regierung. Beispielsweise wünschen sie sich mehr Soldatinnen. Denn: „Soldatinnen sind gerade in der Freiwilligenarmee sehr wichtig: erstens für ein modernes Berufsbild in den Streitkräften.“ Das ist einsichtig, denn Frauen machen sich ja irgendwie immer gut in der Werbung und sind prima fürs Image. Aber nicht nur das: Soldatinnen sind in der Freiwilligenarmee nämlich nicht nur erstens für ein modernes Berufsbild wichtig, sondern auch: „Zweitens für die Personalgewinnung.“ Soldatinnen sollen in der Bundeswehr also der Personalgewinnung dienen. Vermutlich eine erste Reaktion auf die noch nicht zufriedenstellenden Bewerberzahlen. Da muss die Bundeswehr ihre zukünftigen Soldaten jetzt eben selbst herstellen. Und dafür ist sie, da hat Wüstner ohne Frage Recht, „auf ihre Fähigkeiten und ihr Know-how angewiesen.“ Die Fähigkeiten und das Know-how der Frauen zur Personalgewinnung – „50 Shades of Grey“ ist nichts dagegen.

 

Insgesamt kann man nach eingehender Lektüre des Interviews die Forderungen der Soldaten militärisch knapp zusammenfassen: Unsere Soldaten wollen mehr Anerkennung – und mehr Frauen. Und das erinnert dann allerdings ja doch wieder sehr an die Wehrpflichtigen aus den guten alten Tagen, wie wir sie noch aus den Zugabteilen am Freitagnachmittag kennen. Darauf eine Büchse Bier!

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2013/12/07/neuer-vorsitzender-des-bundeswehrverbandes-mehr-frauen/

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kommentare

  • @m: Hö hö, wat ham wa nich jelacht. Frauen = schwach, voll lustig. Da müsste man mal ein ganzes Programm draus machen, so mit über die Bühne tigern und immer „kennste, kennste“ rufen. Und jetzt marsch, marsch! wieder zurück in die Kantine, Kartoffeln schälen.

  • Mehr Frauen zum Militär? Jawoll! Bisher war das Krepieren im Krieg ein absolut nicht zu rechtfertigendes Männerprivileg. Es wäre ein außerordentlich wichtiger Schritt in Richtung Geschlechtergerechtigkeit, wenn künftig auf den Grabsteinen der Kriegsgefallenen genau so viele weibliche Vornamen zu lesen sind, wie männliche.

  • Wäre: „keine Frauen in der Bundeswehr“ etwa besser??? Immerhin ist die Bundeswehr eine der wenigen Institutionen Deutschlands, die auch die weibliche Berufsbezeichnung nennt, mit ihrer fest verankerten Formulierung „Soldatinnen und Soldaten“. Übrigens: wenn es auch noch mehr Offizierinnen gäbe, würde es „der Personalgewinnung“ noch mehr helfen…

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