vonJakob Hein 22.02.2014

Reptilienfonds

Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Man braucht keine mit großem philosophiegeschichtlichem und psychoanalytischem Schmuck vorgetragene Herleitung irgendeines christlichen Ordo-Gedankens für die ganz simple Einsicht, dass Lebewesen sich fortpflanzen müssen, um die Art zu erhalten. In diesem Sinne ist Gleichgeschlechtlichkeit ein Fehler der Natur. So wie es Taubheit gibt. Oder die Rot-Blindheit. Oder Erbkrankheiten wie die Ahornsirupkrankheit. Ich verstehe den Skandal nicht, den eine solche Äußerung verursachen könnte.

(Matthias Matussek, Journalist; 2014)

Endlich hat es mal einer gesagt. Die Gleichgeschlechtlichkeit ist ein Fehler der Natur. Welcher erwachsene Mensch hätte nicht schon einmal unter der Gleichgeschlechtlichkeit gelitten? Da wird einem groß was davon erzählt, dass die Welt unendlich bunt sei und dann stellt man fest: Gerade in Bezug auf Geschlechtlichkeit ist da nicht besonders viel los. Der Geschlechtermarkt wird doch sehr dominiert von sog. Frauen und sog. Männern. Selbst bei den Frauen, die nicht mehr Frauen sein wollen und bei den Männern, die nicht mehr Männer sein wollen, läuft es doch in der überwiegenden Mehrzahl darauf hinaus, dass sie den anderen Geschlechterzustand einnehmen wollen. An der von Matthias Matussek beklagten Gleichgeschlechtlichkeit ändert sich dadurch praktisch nichts.

Man hat im Grunde die Wahl zwischen Testosteron-gesteuerten Modulen, deren Blutmenge so begrenzt ist, dass immer ein bis zwei Körperteile nicht mit Sauerstoff versorgt werden können oder den Östrogen-haltigeren Varianten, deren Präferenz für Zusammenarbeit häufig schon an selbstschädigendes Verhalten grenzt. Durch dieses sehr geringe Angebot an Geschlechtern läuft auch die Interaktion zwischen den Geschlechtern auf sehr vorhersehbare, immer gleiche Weise ab.

Der Geschlechtermarkt hinkt in dieser Hinsicht den Entwicklungen zum Beispiel der Elektronikbranche um Jahrhunderte hinterher. Im Angebot sind Heterosexualität und Homosexualität, mit etwas gutem Willen kann man schwule und lesbische Beziehungen als separate Angebote benennen. Aber selbst vierzig Jahre alte Computerspiele boten neben Fußball und Tennis auch noch Squash und Pelota, also schon damals vier Angebote im Gegensatz zu den höchstens drei Vergnügungen auf dem Gebiet der Geschlechtlichkeit. Wenn Geschlechtlichkeit gezwungen wäre, sich auf einem freien Markt zu behaupten wie Waschmittel oder Automobile, dann wären wir längst weiter.

Unglücklicherweise wird Geschlechtlichkeit nur von der „Natur“ angeboten. Und diese Natur ist alles andere als vollkommen. Insbesondere macht diese Natur, wie der Naturforscher Matussek nun in seiner Analyse klarstellt „Fehler“. Die Natur bietet auch Produkte an wie Giftschlangen, Brennnesseln und Narwale, die fehlerhaft sind, dem Benutzer nichts als Probleme verursachen und die seit Jahrzehnten keinerlei Innovation erfahren. Fehler, alles Fehler. Fehler wie Taubheit, Rot-Blindheit oder (acht Google-Sekunden später, Suchbegriff „seltene Erbkrankheit“:) die Ahornsirupkrankheit. Ehrlicherweise kann man ausführen, dass natürlich auch Trisomie 21, geistige Behinderung, Autismus, Kurzsichtigkeit und Kinderlähmung in diesem, dem Matussekschen Sinne Fehler der Natur sind. Nur kräftige, erbgesunde Menschen im Vollbesitz aller Sinne und in der Blüte ihrer Kräfte sind fehlerfreie Naturprodukte. Sollte man nicht in einer Art Qualitätsmanagement gegen die Fehler der Natur vorgehen? Welches Recht hat die Natur, uns mit fehlerhaften Produkten zu überschwemmen? Wenn wir nicht aktiv etwas dagegen tun, einen Widerstand gegen diese Entwicklungen formieren, wie soll dann die Natur merken, wenn sie etwas falsch gemacht hat? Wie sonst soll die Natur merken, dass es so nicht weitergeht in ihrem Treiben, dass sie ihre Produktqualität verbessern muss?

Aber am schlimmsten und fehlerhaftesten ist ja wohl die Mischung aus Gleichgeschlechtlichkeit und Naturfehlern. Es gibt eine ganze, weltweit operierende Organisation, deren Gleichgeschlechtlichkeit stupend ist. In ihrer Führung verzichtet sie noch auf mehr als die Hälfte des ohnehin schon überschaubaren Geschlechterangebots. Ihre gesamte Führung besteht nur aus Männern, und, um es mit Matthias Matussek zu sagen: „Man braucht keine mit großem philosophiegeschichtlichem und psychoanalytischem Schmuck vorgetragene Herleitung irgendeines christlichen Ordo-Gedankens für die ganz simple Einsicht, dass Lebewesen sich fortpflanzen müssen, um die Art zu erhalten.“ Und das gelingt den Männern dieser Führungsspitze natürlich nicht, auch wenn sich einige Aufrechte noch so intensiv im Miteinander darum bemühen. Die unteren Ränge dieser Organisation hingegen bekämpfen nicht etwa Naturfehler, sondern helfen auch noch, dass Menschen mit Naturfehlern fortbestehen.

Dagegen sollte Matussek mal was machen. Gerade er als Katholik.

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