vonJakob Hein 10.03.2014

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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I

Als jemand der wissenschaftlich ermittelte Beweise jederzeit laut vorgetragenen Meinungen vorzieht, als jemand, der sich nicht einmal vorstellen kann, dass man Auffassungen zu Themen unserer Zeit praktisch ausschließlich auf der Grundlage tausende Jahre alter Bücher zu finden versucht, als jemand, der der grundlegenden Überzeugung verfallen ist, dass die Menschen einander im Wesentlichen gleichen, als so jemand gelingt es mir einfach nicht, den Strom der Meinungsäußerungen zu verstehen, der offensichtlich nicht auf diesen Prinzipien fußt.

Wenn also jemand Menschen für ihre Homosexualität kritisiert oder jemand, der offiziell keinen Sex hat, Menschen für ihre Sexualität kritisiert oder wenn jemand, der nie Kinder haben wollte, Menschen für ihren Kinderwunsch kritisiert oder wenn jemand ernsthaft die Onanie verbieten will, dann weiß ich zunächst nicht einmal, was ich denken soll. Meinen das diese Menschen ernst oder ist das so etwas wie Satire, eine Art grimmiger Satire, die sich nicht zu erkennen gibt, die eher von wenigen Eingeweihten verstanden wird. Insbesondere wenn diese Menschen zumindest früher Parteien aus dem zumindest früher linken Spektrum angehören, denke ich immer darüber nach, ob die vor zwanzig Jahren vielleicht eine Wette verloren haben und sich jetzt ehrlich machen müssen. Matussek, der sich als Linken bezeichnete, Sarrazin, der Mitglied in einer Partei ist, die zumindest laut ihrem Parteiprogramm den demokratischen Sozialismus anstrebt, Lewitscharoff, die früher Trotzkistin war.

Gern spricht man an dieser Stelle vom Stammtisch. Aber dieser Stammtisch kommt aus einer Fabelwelt, die es so nie gegeben hat. Eine Fabelwelt, die es nur in Kommentaren, Essays und Karikaturen gibt, nicht jedoch in der realen Welt da draußen. In dieser Fabelwelt steht neben dem Stammtisch das Steuersäckel, darauf liegt die CD mit den Steuerdaten und über dem Stammtisch ist die umkämpfte Lufthoheit. Am Stammtisch selbst sitzen der deutsche Michel, der Steuerzahler, der rechtsextreme Skinhead und die auf politisch korrekte Formulierungen bedachte Feministin.

Es gibt diese Dinge nicht mehr, teilweise sind sie verschwunden, teilweise haben sie nie existiert. Aus meiner Kindheit kenne ich noch die riesigen Aschenbecher, über die sich ein schmiedeeiserner Bogen schwang, von dem ein Schild mit der Aufschrift „Stammtisch“ hing. Aber heute gibt es Rauchverbot in den meisten Kneipen. Die meisten Arbeiter haben sich erzählen lassen, sie seien der Mittelstand und die neue Schicht von prekär Beschäftigten kann es sich nicht leisten, regelmäßig in einer Kneipe Getränke zum dreifachen Einkaufspreis zu konsumieren, das sieht ihr Regelsatz einfach nicht vor. Ganz abgesehen davon, dass die Entwicklung des Immobilienmarktes ohnehin die Existenz von Betrieben bedroht, die man als Kneipe deklarieren würde. Es gibt also keine Stammtische mehr. Und die reflexartige Etikettierung dieser reaktionären Reden mit diesem Begriff verkleinert die Chance, sie zu verstehen.

Die Reaktionäre von denen hier die Rede ist, kommen aus der Mitte, wenn nicht gar von der Spitze der Gesellschaft. Sarrazin war jahrelang Finanzsenator, Matussek war Kulturchef vom Spiegel und Lewitscharoff hat mehr als 17 bedeutende Literaturpreise zugesprochen bekommen und ist Mitglied der zwei bedeutensten Akademien im Lande. Soweit eine Welt des Geistes überhaupt existiert, soweit gesellschaftliche Mechanismen geeignet und in der Lage sind, die Gesellschaft selbst zu regulieren, soweit sind diese Reaktionäre, zu denen man noch viele weitere stellen könnte, ausgezeichnete, herausgehobene Mitglieder der Gesellschaft. Sie veröffentlichen in Zeitungen und Zeitschriften, sie werden in Talkshows eingeladen und im Radio interviewt, sie werden eingeladen, hoch bezahlte Reden vor auserlesenem Publikum zu halten, ihre Bücher werden von zehn- und hunderttausenden Menschen gelesen. Was sollen diese furchtbar anstrengenden Intellektuellen mit dem sagenumwobenen Stammtisch zu tun haben?

In der Geistesgeschichte gab es immer wieder Entwicklungen und ihrer Gegner. Reformation und Gegenreformation, Revolution und Konterrevolution, Nato und Warschauer Vertrag. Aber was ist von einer geistigen Strömung zu halten, die längst gelöste Konflikte wieder aufgreift und problematisiert? Die Homosexualität an sich in Frage stellt, nachdem Deutschland vier Jahre lang international von einem offen schwul lebenden Außenminister vertreten wurde. Die Onanie verbieten möchte, an deren Unnatürlichkeit seit mehr als hundert Jahren niemand ernsthaft glaubt. Die Menschen genetisch determinierte Eigenschaften zusprechen möchte, nachdem eine solche Festlegung als nicht zutreffend widerlegt wurde. Die immer wieder wissenschaftlich und gesellschaftlich gewonnene Erkenntnisse als falsch deklariert.

II

Vom Zwang zur Arbeit durch Arbeitsteilung befreit, hatten die Nichtarbeitenden der Völker den Vorteil, mehr Zeit für die Entwicklung ihrer Gedanken zu haben. Sie konnten lesen, sich austauschen, ihre Gedanken schriftlich entwickeln, Thesen verwerfen und neu aufstellen. So entstand über die Jahrtausende die Tradition des Vordenkers, der einerseits notwendige Ideen bereits entwickelt hatte, noch bevor man sie brauchte, der aber andererseits über Dinge nachgedacht hatte, die diesem Zeitpunkt noch gar keine drängenden Fragen dargestellt hatten. So erschien einem der Studiosus in seiner Kammer einerseits wunderlich, andererseits vermochte er, wenn plötzlich neue, unbekannte Fragen auftauchten, Antworten aus seinen Kästchen zu ziehen, auf die die anderen so schnell nicht gekommen wären.

So entstand und verfestigte sich das Bild vom Intellektuellen als Menschen, der an ganz andere Dinge denkt als die, die gerade von der Mehrheit verhandelt werden und überraschenderweise gerade dadurch zu notwendigen, neuen, brauchbaren Schlüssen kommt. Der Intellektuelle erwartet diese Art des Denkens nachgerade von sich selbst, verließe er doch anderenfalls die Traditionslinie seiner ruhmreichen Vorgänger. Da wundert es nicht, wenn Thilo Sarrazin und Matthias Matussek sich beide mit Goethe vergleichen (natürlich nur sich selbst, nicht etwa den jeweils anderen), obwohl sie sich dabei beide spektakulär verheben.

Was aber soll der Intellektuelle denken in einer Zeit und einer Welt, in der die meisten Menschen von der radikal knechtenden Form der Arbeit befreit sind, über Freizeit verfügen und die traditionellen Einschränkungen des Zugangs zu zahlreichen Quellen („Herrschaftswissen“) weggefallen sind? In einer Zeit, in der man sich extrem schnell und verhältnismäßig zuverlässig über weltweite Geschehnisse und Meinungen informieren kann? Wo finden sich überhaupt noch Möglichkeiten zum Vordenken, wenn Tausende von Gedanken schon mit Millionen von Menschen geteilt und in offenen Diskussionen entwickelt werden?

III

Ich glaube nicht an die Verbesserung der Welt durch das Internet, aber die Abschaffung von Nischen für Vordenker ist eigentlich ein Fortschritt. Die Akzeptanz von Transsexualität, Klimawandel oder einem neuen Kolonialismus – all das sind keine überraschenden Thesen mehr, die plötzlich ein Intellektueller in den öffentlichen Raum stellen und damit Diskussionen anregen kann. Aber eine der wenigen Nischen, die übrig geblieben sind, ist die Ecke derer, denen die Entwicklung der Welt zu schnell geht. Erst Feuer und Rad, dann Feuerross und Radio – immer ging es ihnen zu schnell. Immer stellte das Neue ein Bedrohung des Alten dar und immer wurde es einem ganz warm ums Herz für das Alte. Immer haben neue Entwicklungen diese Gefühle ausgelöst, aber es war gerade die Rolle der Intellektuellen, diese Gefühle nicht über den Fortschritt zu stellen, sondern die dazu aufforderten, beherzt und frisch voran zu schreiten, schließlich müsse sich das Rad der Geschichte doch weiter drehen. Warum sonst machte sich Galileo das Leben schwer, weshalb verdiente Magnus Hirschfeld nicht einfach sein Geld als Arzt, sondern riskierte sein Leben für die Erforschung der Sexualität?

Aber dass Intellektuelle überkommene, abgelegte Thesen aus vergangenen Jahrzehnten oder gar Jahrtausenden aus den Archiven holen und zwar nicht etwa, um deren Aussagekraft in Bezug auf die heutige Zeit zu prüfen, sondern um diese Thesen zu reaktivieren, das wäre doch traditionell nicht vorstellbar gewesen. Es sind auch keine persönlichen Betroffenheiten im eigentlichen Sinne. In einer Zeit, in der die Onanie noch verboten war, hätte Frau Lewitscharoff keine Bücher schreiben können, sondern wäre sogar als Hexe verbrannt worden, in einer Zeit genetischen Determinismus wäre ein Sarrazene mit Blut von der arabischen Halbinsel akut bedroht und ein ehemaliger Frauenheld würde sich wohl kaum als katholischen Mahner inszenieren können. Doch in unserer Zeit finden sich die Intellektuellen mit diesen Thesen im typischen Duktus des Vordenkers wieder. Sie sprechen Gedanken aus, die in der Öffentlichkeit auf Unverständnis treffen, dafür aber breit diskutiert werden. Ein Vortrag über die Chancen künstlicher Befruchtung, ein Buch über die Vorteile von Migration, ein Artikel über die Normalität von Homosexualität würden nicht ein Hunderstel der Aufmerksamkeit erfahren, teilweise würden sie womöglich nicht einmal veröffentlicht werden. So aber stehen diese Menschen mit ihren Thesen plötzlich im Fokus der Öffentlichkeit, müssen ihre Thesen erläutern, verteidigen, sich mit den vielen Menschen auseinandersetzen, die durch diese Thesen verstört und irritiert sind. So finden sie sich wieder in der Pose des Vordenkers, die ihnen aus der Geistesgeschichte bekannt ist und fühlen sich bestätigt. Dass die vorgestellten Thesen absurd, überkommen, haltlos sind, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Es geht hier lediglich um den Habitus des unbequemen Denkers, in dem sie sich um jeden Preis wiederfinden wollten.

Nur so kann ich mir diesen Strom von Meinungsäußerungen erklären, der offensichtlich nicht auf bestimmten Prinzipien fußt.

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2014/03/10/intellektuelle-posen-von-matussarow-sarrasek-lewizin-u-a-die-erde-ist-eine-scheibe-um-die-sich-die-sonne-dreht/

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kommentare

  • @ Frank Daschke

    „Pseudowissenschaftlich“ ist höchstens das, was Sie (und zwar regelmäßig und bei jeder sich bietenden Gelegenheit) zum Thema Sarrazin auftischen.

    (Und leider können Sie außerdem auch kein Englisch, was hier nicht zum ersten Mal auffällt).

    Die von Ihnen verlinkte Untersuchung bestätigt mitnichten, dass der „vererbte“ Anteil der Intelligenz bei mindestens 50% liegt. Das müsste Ihnen auch klar sein, hätten Sie mindestens den Abstract gelesen und verstanden. Denn sie hatte eine völlig andere Fragestellung, erstens. Zweitens ist ein solcher Beweis über Korrelationen grundsätzlich gar nicht möglich, weshalb sämtliche Zahlen, die sogenannte „Zwillingsforscher“ dazu in die Welt setzen, rein spekulativ sind, egal wieviel vorher gerechnet wurde (sofern sie nicht ohnehin auf Datenmanipulation oder gar -fälschung beruhen, wie im Falle von Burt und auch anderen). Sie basieren nämlich stets auf Grundannahmen, die nicht überprüfbar sind. Und zu guter Letzt ist es auch völliger Unfug, wenn Sie (genau wie Sarrazin, der es ebenfalls nicht begriffen hat) vom „vererbten Anteil der Intelligenz“ reden. Wenn überhaupt, geht es um jenen Teil der Varianz, der durch genetische Faktoren erklärt werden kann. Und das ist etwas völlig anderes.

    Davon abgesehen ist der Vorwurf an Sarrazin ohnehin nicht, dass er behauptet, Intelligenz sei zu einem gewissen Grad genetisch determiniert. Davon geht auch die seriöse Wissenschaft aus (wenngleich ab diesem Punkt nur Schätzungen möglich sind).

    Der Vorwurf an Sarrazin ist vielmehr, dass er behauptet, es gebe genetisch bedingte Intelligenzunterschiede zwischen ethnischen (und auch sozialen) KOLLEKTIVEN, und dass die „überdurchschnittliche Fertilität“ von Migranten und der „Unterschicht“ den nationalen Genpool schädige, weshalb Deutschland untergehe, sofern keine Gegenmaßnahmen eingeleitet würden.

    Dieses sowohl eugenische wie auch selbstverständlich rassistische Weltbild deckt sich exakt mit dem entsprechenden Gedankengut der Nazis, was nachweisbar ist. Und ist selbstverständlich in keinster Weise wissenschaftlich fundiert – ganz egal, was Sie hier tröten!

  • Stimme dem Autor grundsätzlich zu. Ist zum Großteil wahrscheinlich einfach billiges Marketing.
    Und da die globalisierte „Wissenschaft“ für jeden noch so hanebüchenen Unsinn scheinbar Belege findet (siehe z.B. Kommentar von Frank Daschke), klappt das Prinzip bestens.
    (Bin übrigens selbst Wissenschaftler und kann nur vor blindem Glauben warnen: Auch in der Wissenschaft geht es wesentlich um Aufmerksamtkeit, Sensation, Selbstmarketing – und zunehmend ganz plump um die Interessen der Geldgeber, Institute etc.)
    Ironie dieser Geschichte: Wissenschaft schafft sich so selbst ab – und öffnet verquersten Theorien Tür und Tor.

  • Der Autor zieht wissenschaftlich ermittelte Beweise jederzeit vor ?
    Und schreibt dann :
    „Die Menschen genetisch determinierte Eigenschaften zusprechen möchte, nachdem eine solche Festlegung als nicht zutreffend widerlegt wurde“

    Das ist absurdes Wunschdenken.
    Wenn Sarrazins Erläuterung des hohen Anteils genetisch determinierter kognitiver (!)Intelligenz gemeint ist: das ist in mehreren aktuellen Papern bestätigt worden, in denen der vererbte Anteil durchweg ab 50% aufwärts ermittelt wurde, z.B. bei
    Trzaskowski M, Shakeshaft NG, Plomin R.
    Intelligence. 2013 Sep;41(5):560-565.
    Intelligence indexes generalist genes for cognitive abilities.

    Auch sonst ist der Artikel ein peinliches und überhebliches Sammelsurium an pseudointellektuellen Plattitüden, angefangen vom den üblichen überholten Stammtischmetaphern (wenn es nicht gleich üble Reaktionäre sind, die es wagen, anderer Meinung als der Autor zu sein) hin zum wissenschaftsfernen Hoax über das vermeintliche mittelalterliche Weltbild.

  • Der Autor behauptet von sich selbst, dass seine Meinung die einzig wissenschaftliche erwiesene richtige und wahre sei. Er lebt selbst geistig noch im Mittelalter. Aus den Zeilen spricht der Geist des Totalitarismus.
    Jede Überzeugung kann und muss immer wieder auf den Prüfstand und hinterfragt werden. Wirklich traurig ist, dass es immer noch Menschen gibt, die DAS immer noch nicht kapiert haben.

  • „Die Akzeptanz von Transsexualität, Klimawandel oder einem neuen Kolonialismus – all das sind keine überraschenden Thesen mehr, die plötzlich ein Intellektueller in den öffentlichen Raum stellen und damit Diskussionen anregen kann.“

    Das wird immer so behauptet, dass das bei „Transsexualität“ nicht so sei. Dahinter vebirgt sich aber eher der Wunsch, als die Realität. Die Ignoranz in Sachen Akzeptanz der Menschen, die z.B. als Mädchen mit ’nem Penis geboren werden ist aber zur Zeit gross wie nie. Die transphoben Behauptungen, dass es sich da um „Jungs, die wie Mädchen fühlen“ geht, haben zur Zeit schon ein fast totalitäres Ausmass erreicht. Eine gesellschaftlich Mono-Meinung, die zwischen „echten“ und „gefühlten“ Geschlechtern unterscheidet, und somit Grundlagen für geschlechtliche Ausgrenzungen zementieren will, wird durch Medien – auch die taz – zementiert und eine mediale Verweigerungshaltung, sich mit den Folgen dieser Einheitsmeinung auseinander zu setzen (wie Psychopathologisierungen oder aufgezwungene Körperkorrekturen, damit das Weltbild wieder stimmt), ist allgegenwärtig.

  • Mag kleinlich klingen, aber man sollte seine Überschriften schon mit Bedacht wählen: Dass man im Mittelalter an eine flache Erde geglaubt hätte, ist ein längst widerlegter moderner Mythos, der sich nur aufgrund der Inkompetenz von vielen Geschichtslehrern und selbst Lehrbuchschreibern so hartnäckig hält. Von daher weniger Kritik am Autor, sondern eher an den zuvor Genannten.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Flache_Erde

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