vonJakob Hein 17.03.2014

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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I

Respekt wird nun Uli Hoeneß dafür gezollt, dass er sein Urteil akzeptiert. Dafür, dass ihm kein Promi-Bonus oder Malus gezollt werden sollte, ist es schon einigermaßen bemerkenswert, wenn der Ministerpräsident des zuständigen Bundeslandes und die Bundeskanzlerin solche Worte im Mund führen. Sie empfinden Respekt für jemanden, der bereit ist, eine gemäß den Gesetzen des von ihnen regierten Landes verhängte Strafe für seine Straftat zu verbüßen. Ich komme auch gerade noch so ohne klar, aber: Was müsste ich eigentlich tun, um den persönlichen, über die Neujahrsansprache hinausgehenden Respekt der Kanzlerin zugesprochen zu bekommen? Straftat begehen und ab in den Knast? Respekt! Rudolf Hess? Respekt!

Hoeneß tut, was er zu tun gedenkt und das nicht ohne Kalkül. Kalkül soll hier nicht Hintersinn oder Betrug heißen. Nein, Hoeneß geht seinen Weg aus wohlabgewogenen Gründen. Je früher er seine Haftstrafe antritt, desto früher kann er auch seinen komfortablen Lebensabend genießen. Nachdem er die Unterstützung seines Fußballvereins bis zu letzten Sekunde in Anspruch genommen hatte, ist es nun vernünftig, diesen Kredit zurückzuzahlen, er muss sich und den Verein moralisch entschulden, um das Unternehmen nicht noch weiter mit in seine persönliche Krise zu ziehen. Psychisch gesehen kann er für sich Klarheit schaffen: Augen zu und durch anstatt noch ein oder zwei Jahre ständig zu zittern, die ständig selben Fragen nicht zu beantworten. Abgesehen davon hat er vermutlich kein Interesse, in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland als Präzedenzfall beim Bundesgerichtshof einzugehen. Da hatte er sicher andere Pläne für sich und sein historisches Erbe. Also tritt er die Haftstrafe an.

Dass aber die Regierungschefin der Bundesrepublik und der Regierungschef des Bundeslandes dem Verurteilten für diesen Schritt öffentlich Respekt aussprechen, ist eine Geschmacklosigkeit erster Güte.

II

Natürlich ist es nicht die Sache von Hoeneß und anderen verurteilten Steuerhinterziehern, das Steuersystem der Bundesrepublik Deutschland in Frage zu stellen. Es erinnert an den typisch menschlichen Reflex, immer auf die anderen zu zeigen. Der Dieb sagt, man möge doch lieber Betrüger jagen, die Betrüger zeigen auf die Vergewaltiger, die wiederum mit ihren Fingern auf die Mörder zeigen. Und vermutlich hätte Hoeneß auch dann nicht seine in der Schweiz erzielten Steuereinnahmen gemeldet, wenn das deutsche Steuersystem das gerechteste auf der ganzen weiten Welt wäre.

Aber tatsächlich gibt es eine große Ungerechtigkeit zwischen dem individuellen Steuerrecht und dem institutionellen Steuerrecht. Uli Hoeneß hat in der Schweiz gezockt und die Gewinne nicht gemeldet. Ohne die notwendigen internationalen Schnüffeleien wäre das niemals herausgekommen. Ergebnis: dreieinhalb Jahre Knast.

Die Deutsche Bank hat in Griechenland, Irland, Spanien und Italien großzügig Kredite vergeben, obwohl die wirtschaftlichen Eckdaten der Länder nicht dafür sprachen, dass sie diese Kredite zurückzahlen könnten. Ergebnis: In Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern wurde Geld eingesammelt, um der Deutschen Bank und Barclays in London die Kredite zurückzahlen zu können. Maximalstrafe: Null.

Warum hat Hoeneß keinen Rettungsschirm bekommen? Das wäre viel billiger gewesen und irgendwie systemrelevant ist der doch auch.

Irgendwo im Süden von Berlin steht eine Installation gewaltiger Größe. Ein riesiges Kunstwerk, das auf die Begrenzheit der menschlichen Möglichkeiten hinweisen soll. Ein Mahnmal gegen den Machbarkeitswahn, eine Anklage gegen die Hybris des menschlichen Glaubens, die Götter versuchen zu dürfen. Eine Erinnerung an die Unentrinnbarkeit der Schwerkraft. Dieses Kunstwerk heißt im Berliner Volksmund BER. Das Geld für diese Installation wurde dem Steuerzahler aus den Taschen gezogen, weil es angeblich neben seinen architektonischen Reizen auch die Möglichkeit bieten sollte, für die Kunstliebhaber der Installation einen Direktzugang per Flugzeug zu ermöglichen. Bauzeit aktuell: 9 Jahre. Starts oder Landungen: 0. Geplante Eröffnung: völlig offen. Hart diskutiert wird derzeit darüber, wann der nächste geplante Eröffnungstermin bekannt gegeben werden soll. Bisher wurde der Termin dieser Bekanntgabe zweimal verschoben. Daher ist mittlerweile sogar umstritten, wann man den nächsten Bekanntgabetermin bekannt geben soll. Vermutliche Mehrkosten: sagen wir nicht. Aber derzeit ist das Berliner Bauwerk erst doppelt so teuer wie ein vergleichbares Projekt in München namens Flughafen München, dreimal so teuer sollte da schon das Ziel sein.

Ergebnis: Der verantwortliche Aufsichtsratsvorsitzende trat zurück, sein Nachfolger trat zurück und der neue Aufsichtsratsvorsitzende ist nun: Der alte Aufsichtratsvorsitzende. Zahl der Anklagen oder staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen: 0. Drohende Maximalstrafe: Eventuell Verweigerung der Wiederwahl des Aufsichtsratsvorsitzenden als Berliner Bürgermeister. (Natürlich nur ein Witz, den wählen wir trotzdem wieder.)

Der ganze Spaß samt Bauarbeiten, Entschädigungszahlungen, Betriebskosten, Personal und Werbeetat ist natürlich vollständig aus Steuermitteln finanziert. Und zwar knapp zweihundert Mal soviel Steuermittel wie Uli Hoeneß hinterzogen haben soll. Das heißt, man müsste lediglich zweihundert Steuerhinterzieher wie Hoeneß hochziehen, die neben ihren Steuernachzahlungen kumulativ tausend Jahre in den Knast gehen, um die Finanzierung des Bauwerkes zusammen zu bekommen. Dann kann das Bauwerk eines Tages mit Champagner und Blaskapelle von denen eröffnet werden, die die Kosten für das Bauwerk zu verantworten haben. Vielleicht sind einige der Hauptsponsoren bis dahin schon Freigänger und können mit zur Eröffnungsfeier eingeladen werden.

III

Wie endet diese Geschichte? Also nicht die Geschichte mit den Steuern, das kann doch niemand sagen. Wenn hier in diesen Zeilen stehen würde, wie die Steuergeschichte endet, dann bräuchte diese Geschichte hier überhaupt kein Ende, sie dürfte ein Fragment bleiben, dürfte grammatikalische und orthografische Struktur vermissen und wäre trotzdem erfolgreich und gut. Da diese Geschichte nicht mit einem solchen Ende aufwarten kann, muss ich etwas anderes versuchen:

Der Hamster hatte den ganzen Sommer über Weizen gebunkert, die Grille hatte nur Geige gespielt und abends nach dem Geigespielen Prosecco getrunken mit anderen Grillen und den Katzen, ausgewiesenen Liebhabern des Violinenspiels. Als der Winter kam, bemerkte die Grille, dass sie durch das Geigen und Trinken keine Vorräte hatte. Sie ging zum Hamster, der ihr eine kleine Kammer seines umfangreichen Gangsystems und die minderwertigen Roggenkörner seines Vorrats zuwies. „Du solltest mir dankbar sein“, sagte der fette Hamster.

Danke“, sagte die Grille.

Wenn was ist, ich bin in meinem Chalet“, sagte der Hamster.

Da hörte die Grille, dass der Hamster woanders noch einen Speicher voll köstlicher Schokolade hatte. Sie ging zum Hamster. „Ich hätte gern ein schöneres Zimmer und mehr zu essen.“

Dein Zimmer ist doch warm und trocken und zu essen hast du mehr als genug.“

Pass auf“, sagte die Grille. „Aber ich will mehr. Sonst sage ich den Katzen Bescheid und die können sehr ungemütlich zu Hamstern sein.“

Da tauschten die Grille und der Hamster die Zimmer. Und was im darauf folgenden Jahr passierte, kommt ganz darauf an, ob man liberal oder libertär ist.

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