vonJakob Hein 12.08.2014

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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„Vor allem die Turbanformen und -farben signalisierten gesellschaftliche Zugehörigkeiten. Ein eigener Berufsstand, die Turbanwinder, kümmerte sich um die Gestaltung der Kopfbedeckung, damit hier keine Verwechslung möglich war.“

So interessant, so wissenswert steht es in der „Karlsruher Türkenbeute“, einer sehr betrachtenswerten Sammlung von Fakten und Artefakten zur Osmanischen Kultur.

Wie plump und stereotyp hingegen die gestrige Zeichnung in der „Süddeutschen“. Mir persönlich sind wenige Staatsoberhäupter persönlich sympathisch, aber die Art der Darstellung des türkischen Staatsoberhauptes ist wirklich verletzend. Der in der Realität durchaus ranke, dynamische Mann wird als fetter, sein Land domnierender Pascha portraitiert. Von welchem anderen NATO-Partnerland würde die deutsche Presse eigentlich wagen, eine derart stereotype Karikatur ins Blatt zu heben?

Was ist das für eine Art der Betrachtung internationaler Politik, wenn man die Ergebnisse freier Wahlen anderer Völker so unverhohlen nicht akzeptiert? CSU-Generalsekretär Scheuer sagt der Hannoverschen Allgemeinen in Bild-Zeitungs-Manier: „Die Erdogan-Türkei hat in der EU nichts verloren.“ Wünscht sich Herr Scheuer, dass sich das türkische Volk politischer weniger mit dem Westen verbunden fühlt und dafür noch stärker regional verankert ist? Dass rechts von Erdogan noch neue, nationalistische Strömungen entstehen können? Dass diese Kreise dann Zugang zu dem beachtlichen Waffenarsenal bekommen, das dort von der NATO stationiert ist? Zumal Zehntausende von Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland leben, von denen sich zumindest ein signifikanter Teil noch sehr stark politisch mit der Türkei verbunden fühlt. (Denn die deutsche Integrationspolitik ist großartig, nur leider merken dass viele der Menschen nicht.)  Aber notfalls kann man immer noch abschieben, weil das die Probleme ja schon immer bestens gelöst hat.

Die blanke Einordnung internationaler Ereignisse in deutsche Verhältnisse ist keine Außenpolitik, sondern sinnfreie Innenpolitik. Außenpolitik ist in Friedenszeiten (und war sogar in Zeiten des Kalten Krieges) immer die auf der prinzipiellen Akzeptanz des anderen fußende Suche nach Gemeinsamkeiten und wechselseitigen Interessen. Dann kann man das unterstützen, was einem beim Gegenüber gefällt und somit vielleicht das schwächen, was einem beim anderen missfällt. Die primitive Logik von Herabwürdigung und dem offenen Ausdruck vom Missfallen anderer Nationen, die Synonymisierung von „Engagement“ mit „Militäreinsatz“ in der internationalen Politik, das erweckt den Eindruck, als ob der 100-jährige Jahrestag des Ausbruchs des 1. Weltkrieges nicht nur mit symbolischen Gedenkfeiern, sondern umfassender begangen werden soll.

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2014/08/12/nachrichten-vom-niedergang-der-politischen-karikatur-xlix-mit-turban-und-trompeten/

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kommentare

  • „Wenn es sachlich nichts zu rütteln gibt, dann versuchen Sie’s halt mit Formfehlern“ – dieser Ratschlag wird gerne jungen Anwälten mitgegeben und er wird hier in grandios einfälltiger Weise befolgt! Dass sich Herr Erdogan gerne als „neo-osmanischer“ Macher und Machthaber inszeniert – der gerne den Rechtstaat nach seinem ideologischen Gusto umkrempelt und Andersdenkende weghaut, ist bekannt. Ensprechend treffend ist halt auch der „dicke Pascha“. Das Gemeckere über falsche Kopfbedeckungen ist hier einfach nur kindisch und ein verzweifelter Versuch von der Legitimät der Kritik abzulenken. Und das Gedöns, man traue sich nicht andere Staatschefs in Karikaturen in die Pfanne zu hauen, ist schlicht lächerlich – Putin mit Wodka-Flasche, Silvio Berlusconi als Macho-Gigolo, die ganzen Uncle Sam „Bush-Krieger“ der Nullerjahre…

  • Welch dümmliches Kommentar sie hier abgesondert haben Herr Hein. Ihnen ist klar dass Herr E. alles andere als ein Demokrat ist? Herr E. ist ein Islamist. Islamisten zu schützen ist wie Waldbrände mit Benzin zu löschen.

  • Schöner Artikel.
    Ausserdem erschließt sich die „Message“ der Karikatur nicht, vor allem
    die Bedeutung der Minister-Feder scheint unklar.

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