vonJakob Hein 11.10.2014

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Dieter Schlenker ist Vorsitzender der Genossenschaft Taxi Deutschland eG. Vermutlich wurde er zur Übernahme dieses Amtes durch die Kanzlerkandidatur Helmut Kohls inspiriert. Damals wird Dieter bei einem Schnitzelgericht mit Kartoffeln und Gemüsebeilage zu seiner Frau gesagt haben: „Walburga! Ich habe es mir überlegt: Ich möchte auch Verantwortung für unser Land übernehmen. Ich kandidiere für den Vorsitz der Genossenschaft Taxi Deutschland eG.“
Walburga so: „Dieter, wirklich?“

Dieter so: „Auf jeden!“

Heute kämpft er gegen ein Deutschland, Deutschland unter Uber. Als Sprecher der Taxiunternehmen muss er natürlich antreten gegen ein Unternehmen, dass Privatfahrzeuge und private Kunden miteinander vernetzen und dabei außerdem Milliardengewinne erzielen will. Dafür braucht Dieter Schlenker Argumente, gute Argumente.

 Marktpreise: Aktuell zahlt jeder den festgelegten Tarif. Mit Uber würden Weihnachten und Silvester oder auf dem Lande die Preise explodieren, dann kann sich nicht mehr jeder ein Taxi leisten.

Nun ja, Herr Schlenker. Aktuell ist der festgelegte Tarif so gestaltet, dass sich die meisten Menschen weder an Wochen-, noch an Feiertagen ein Taxi leisten können. Was gibt es noch für Argumente?

Berufsstand: Fahrer von Taxizentralen sind Fachkräfte, die eine professionelle Dienstleistung bieten und ein geregeltes Einkommen haben. Hobbyfahrer sollen diese Jobs gefährden, wenn es nach Uber geht.

Wann, Herr Schlenker, sind Sie das letzte Mal Taxi gefahren? War damals Pfund noch eine offizielle Maßeinheit und lief im Radio der neueste Hit von Paul Kuhn? Haben Sie mit ihrem Taxi damals eine Pferdebahn überholt?

Seit den 1970er Jahren ist Taxifahrer ein typisches Nicht-Fachkräfte-Geschäft. Jeder Langzeitstudent, der nichts auf sich hielt, machte irgendwie den P-Schein und fing an, die Leute durch die Städte zu kutschieren. Seit der Jahrtausendwende sind es immer weniger Studenten geworden, weil der Job so schlecht bezahlt geworden ist, dass die Studenten sich lieber an die Kassen von Supermärkten als in ein Taxi gesetzt haben. Im Gegensatz zu vielen, kann ich mir eine gelegentliche Taxifahrt sogar leisten. Diese „professionelle Dienstleistung“ beginnt in der Regel damit, dass der Taxler die von mir angesagte Adresse in sein Navigationsgerät eintippt. Einmal musste ich ihm dabei sogar helfen, weil er mit dem neuen Navigationsgerät noch nicht so gut klarkam. Sehr häufig höre ich auch die Frage, wie der Taxifahrer beispielsweise den Flughafen Tegel anfahren solle, so eine Art primitiver Demokratie. Was soll man darauf antworten? „Mit dem Bus?“ Ich denke immer, vielleicht halten wir ein Taxi an und fragen den nach dem Weg.

Wir sind stolz auf die hohen Qualitätsstandards, die in Deutschland für die Beförderung gelten. Daran muss sich jeder halten. Mit Taxizentralen haben Kunden es nicht mit irgendeinem Autofahrer zu tun, sondern mit dem Taxifahrer einer etablierten Organisation, die hohe Standards liefert.

Häh? Natürlich habe ich es „mit irgendeinem Autofahrer zu tun“. Häufig hat mein Fahrer vermutlich aus sentimentalen Gründen ein Bild von seinem Bruder oder Cousin auf einer Taxilizenz im Auto zu hängen. Aber das ist schwer herauszufinden, weil mittlerweile ohnehin mit kaum noch einem Taxifahrer eine Art von Gespräch zustande zu bringen ist. Die Kollegen sind schlecht gelaunt, genervt und unterbezahlt. Einmal hatte ich unweit meiner Wohnung mit meinem Sohn ein schwereres Möbelstück gekauft und die Idee, es mit einem Taxi nach Hause befördern zu wollen. Die ganzen qualvollen zehn Minuten musste ich die Fahrt damit verbringen, vom Fahrer über die Kürze der Strecke beschimpft zu werden, für die ich nichts konnte. Als wir endlich entkommen waren, weinte mein Sohn vor Erleichterung. Ich hätte mich ihm gern angeschlossen, konnte mich aber zusammenreißen.

Sicherheit: Apps wie Uber wollen Privatleute zu Personenbeförderern machen. Diese mit erheblichem Kapital ausgestatteten Unternehmen unterlaufen die Sicherheit und Qualität der Personenbeförderung in Deutschland und Europa. Wer garantiert die Versicherung? Im schlimmsten Fall geht der Fahrgast bei einem Unfall leer aus.

Der schlimmste Fall bei einem Verkehrsunfall ist sicher nicht, dass man „leer ausgeht“, aber davon mal abgesehen: Das verstehe ich jetzt nicht, Herr Schlenker. Sind das nun mit erheblichem Kapital ausgestattete Unternehmen oder nicht? Weil, wenn ja, dann hätte ich eine gute Vorstellung davon, wer die Versicherung garantieren könnte.

Sollte ein geregeltes Qualitätsmanagement im Beförderungswesen durch Internetbewertungen ersetzt werden? Eine Internetbewertung greift erst im Nachhinein, wenn es zu spät ist! Wir wissen, dass Startup-Apps wie MyTaxi und Uber gern von Fahrern genutzt werden, die schon früher keiner Taxizentrale angeschlossen waren und sich oft keinem übergeordneten Qualitätsmanagement unterstellen. Kommt es zu Problemen, haben Kunden keine Taxizentrale, die hilft.

Es gibt ein geregeltes Qualitätsmanagement im Beförderungswesen? Klar sind diese Bewertungen immer subjektiv und man muss sich da durchfinden. Aber es gibt ein Qualitätsmanagement, das mir als Taxikunden schon im Voraus hilft? Davon war mir bisher nichts bekannt und bemerkt habe ich es auch nicht. Aber vielleicht ist es ein sehr diskretes Qualitätsmanagement, dass unbemerkt im Hintergrund läuft. Die Art von Qualitätsmanagement, das man braucht, um … (nochmal Dieter Schlenker fragen). Und wenn es irgendwo jemanden gibt, dem schon mal in seinem Leben eine Taxizentrale geholfen hat, dann möge der sich bitte melden. Seit wann helfen Taxizentralen? Wenn man nach 15 Minuten Schneegestöber wagt, dort noch einmal anzurufen, dann kann einen zwar die innere Wut über den Tonfall und das Desinteresse der dortigen Mitarbeiter wärmen, mehr Hilfe sollte man aber von dort nicht erwarten.

Vielleicht kann man sich Hilfe von dort erwarten, wenn man ein noch unentschlossener Selbstmordkandidat auf der Suche nach letzten Gründen ist oder ein wahnsinniger Weltterrorist, der letzte Zweifel an seiner Absicht, die Weltherrschaft an sich zu reißen, zerstreuen möchte. Ist das das „geregelte Qualitätsmanagement“, was gemeint ist?

Die Leute von Uber sind nicht unbedingt sympathisch, sie sind auch nicht klein oder pfiffig. Aber sie verdienen ihr Geld durch die riesige Lücke, die das Taxigewerbe mit zu verantworten hat. Die Taxifahrer sind schlecht bezahlt und wenig qualifiziert, was vermutlich damit zusammenhängt, dass die Unternehmer noch ausreichend Geld verdienen wollen. Freundlichkeit und Professionalität sind somit nicht zu erwarten und dass das Auto zum TÜV geht, ist in Deutschland ohnehin eine Selbstverständlichkeit. Wer schon mal versucht hat, eine kurze Fahrt zu machen, weiß auch, dass es mit dem Beförderungsgebot nicht weit her ist und auf dem Land sollte man sich sowieso lieber auf den Daumen zum Trampen oder seine eigenen Füße verlassen.

Und so ist man nicht sicher, ob Dieter Schlenker Kritik an Uber übt oder den Ist-Zustand seiner eigenen Branche beschreibt, wenn er sagt:

Es besteht die reale Gefahr, dass durch Uber und Co. der gut regulierte Taxi-Markt komplett dereguliert wird. Die Folgen wären Dumpinglöhne, Fahrgäste, die nicht versichert sind, unsichere Autos und Fahrer, die weder ausgebildet noch identifizierbar sind.

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2014/10/11/taxigewerbe-versucht-sich-in-entschuldigungen-drunter-und-uber/

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kommentare

  • Kann ich voll unterschreiben!
    Den Service gibt es schon lange nicht mehr, wann hat der letzte Taxifahrer eine Tür aufgehalten, das Gepäck in den Kofferraum gehievt?
    Hier ist es ab 22 Uhr fast unmöglich ein Taxi zu bekommen, es muß aus einer anderen Stadt geordert werden, was mit höheren Kosten verbunden ist.
    An Feiertagen ein Taxi im voraus bestellen, wo denken sie hin?
    s kann ihnen passieren, das sie an solchen Tagen kein Taxi, sondern ein „Mietwagen“ geschickt bekommen mit wieder höheren Kosten. Beschwerde zwecklos, auch beim Kreis als Aufsicht.

    Ach abends in der Dunkelheit aussteigen und klingeln, wo kommen wir denn da hin, man sieht doch das Taxi und wegen Sicherheitsbestimmungen bleibt der Fahrer im Fahrzeug sitzen, hupen ist in geschlossenen Ortschaften ja verboten, wie austeigen.
    Wird man als ortsfremder eingestuft, artet es häufig in Stadtrundfahrten aus.
    Nein, diese Gewerbe hat sich selbst die neuen Entwicklungen zuzuschreiben.
    Wäre es noch mit dem Service der 60er und den realistischeren Preisen kompatibel, hätte ich eine Bahncard und würde mein Auto abschaffen und Taxis nutzen, so jedoch nicht.

    Da helfen auch die wenigen Lichtblicke nicht, wenn man einmal auf einen unterbezahlten, jedoch menschlichen dunkelhäutigen trifft, der seinen Job trotz der miesen Bezahlung sehr gut macht.

  • Wenn man die Aussagen von Herrn Schlenker so auseinanderzieht wirkt es natürlich wenig elegant. Aber seine Absicht ist doch klar, es fürchtet um seine Pfründe, die Veränderung.
    Dass diese eine dubiose, in den Niederlanden registrierte Firma abschröpfen soll, ist ihm nicht geheuer. Mir im übrigen auch nicht, alleine schon, weil ich kein Smartphone besitze und Uber ohne nunmal nicht funktioniert. Zu meinem Glück bin ich nicht zu scheu, per Anhalter zu reisen wenn’s sein muss, andere jedoch könnten zu dem Kompromiss gezwungen werden.
    Zum Thema Taxi und Taxifahrer allgemein: Ich mag Taxi fahren, ob man mit dem Fahrer quasseln kann interessiert mich nicht sonderlich und bisher hatte ich überwiegend gute Erfahrungen. Man macht vielleicht bessere Erfahrungen, wenn man die Dinge gelassener und gleichmütiger sieht. Andere Berufsgruppen sind auch mal pampig, die Supermarktkassierer und -kassiererinnen zB oder was weiß ich wer noch. Ich auch, ich bin auch ab und zu pampig!

  • Oh man, was muss dem Autor dieses Artikels so alles passiert sein, das er einen so emotionalen Artikel schreibt.
    Das es auch anders geht, beweisst dieser Artikel: http://www.taz.de/Kolumne-Immer-bereit/!147067/
    Hier gibt es also auch noch einen professionellen Taxifahrer der Menschen mit seinem Service begeistern kann.
    Vielleicht hätte der Autor sich im Vorfeld mal mit dem Herrn Schlenker unterhalten sollen bevor er so einen Artikel schreibt.
    Es ist schon komisch wenn 99% aller Journalisten grundsätzlich immer nur schlechte Erfahrungen mit Taxifahrern beschreiben.
    Bestes Beispiel ist das Navigationssystem. Darf ein Taxifahrer so etwas nicht benutzen? In Berlin gibt es 13000 Strassen mit teilweise versteckten Hausnummern. Muss ein Taxifahrer die alle kennen?
    Was machen Sie denn bei Uber? Da geben Sie als deren Handlanger schon alles in die App ein und der Fahrer fährt danach. Ist das besser? Ist das die große Lücke die das Taxigewerbe mit zu verantworten hat?
    Herr Schlenker klagt gegen Uber wegen diverser Verstöße gegen geltende Gesetze. Außerdem ist das Vermittlung von Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung.
    Ja, ich bin auch aus der Branche und ich kann Ihnen versichern, dass es jede Menge hochprofessionell arbeitende Taxifahrer gibt. Ich selbst bin seit 24 Jahren alleinfahrender selbstständiger Taxiunternehmer. Ich habe jede Menge Stammkunden, bin mit vielen anderen Profis vernetzt um gegenseitig den Kunden besten Service zu bieten. Beim Berliner Taxifunk bin ich als VIP-Premiumfahrer mit VIP+ Taxi gespeichert. Für den Premiumfahrer habe ich einen 8-stündigen Lehrgang gemacht um auch noch die Feinheiten in diversen Gesetzen kennen zu lernen und diese mit einer Prüfung zu bestätigen. Darüber hinaus war ich bei einigen selbstbezahlten Fahrertrainings. Bei mir können Sie mit Kredit- o. EC-Karte, PayPal oder mit Paysmart bezahlen.
    Ich stimme Ihnen zu, dass die Bezahlung bei Taxifahrern mehr schlecht als recht ist Aber das wird der Mindestlohn im nächsten Jahr ausgleichen und vermutlich bis zu 50000 Fahrern den Job kosten.
    Schwarze Schafe gibt es in jeder Branche und es nervt mich sehr wenn Fahrgäste vergrault werden.
    Wenn aber Fahrgäste diverse Gesetzesverstösse hinnehmen und sich nie beschweren, wird sich aber auch nix ändern.
    Mit besten Grüßen
    Michael Sagawe

  • Am Schlimmsten ist es (meiner Wahrnehmung nach) in Frankfurt. Da half einmal nur noch, dass ich dem Taxifahrer mittels meinem iPhone, Google maps und Zeichensprache den Weg erklärt habe. Selbst das Navi im Taxi in Gang zu bringen, war zu viel verlangt …

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