vonJakob Hein 31.10.2015

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Eine Kneipe irgendwo im Land. Immer am 20. werden die karierten Tischdecken gegen frisch gewaschene ausgetauscht. Es ist der 17. gegen 21.45.

Er
Pförmkatelismus.
Der
Was?
Er
Ich sage: Pförmkatelismus.
Der
Was soll das denn sein?
Er
Muss das denn immer gleich irgendwas sein? Ich sage einfach Pförmkatelismus und fertig.
Der
Aber warum sagst Du Fördekalismus?
Er
Pförmkatelismus.
Der
Oder so. Aber warum sagst Du das?
Er
Einfach so.
Der
Bist Du besoffen oder so?
Er
Nein.
Der
Aber Du kannst Dich doch nicht einfach hier hinsetzen und Förm…
Er
…Pförmkatelismus…
Der
…sagen.
Er
Warum denn nicht?
Der
Was soll denn das bedeuten?
Er
Das weiß ich nicht. Keine Ahnung. Ist denn das so wichtig?
Der
Natürlich ist das wichtig. Warum sagst Du das denn sonst?
Er
Wenn ich Dir sage, dass Pförmkatelismus der Finnische Ausdruck für eine Nachspeise aus Boysenbeeren mit Magerquark ist – geht’s Dir dann besser?
Der
Das ist aber nicht so.
Er
Wieso? Könnte doch sein.
Der
Nein. In Finnland gibt’s keinen Quark. Hat mein Schwager erzählt, der war mal in Koupio zum Angeln.
Er
Na dann eben nicht. Pförmkatelismus.
Der
Hör jetzt endlich auf mit dem Schwachsinn! Warum sagst Du in einem Fort diesen Schwachsinn? Hör auf damit, Du machst mich wahnsinnig.
Er
Wir leben in einem freien Land. Da werde ich doch wohl sagen können, was ich will.
Der
Aber doch nicht jeden Schwachsinn.
Er
Doch. Eben auch jeden Schwachsinn. Pförmkatelismus. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.
Der
Du dürftest das von mir aus auch mal sagen. Aber Du sagst es ja nicht mal. Du sagst es andauernd. Jetzt schon zum zehnten, gefühlt hundersten Mal. Man muss doch nicht jeden Schwachsinn immer wieder wiederholen, nur weil man das darf.
Er
Ich will das aber sagen.
Der
Aber das ist doch unteres Kindergartenniveau. Einfach nur etwas zu machen, bloß weil man das machen darf.
Er
Ich bleibe dabei: Pförmkatelismus. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.
Der
Außerdem, sagt ja nicht man diesen Schwachsinn, sondern Du sagst den andauernd. Und es mag wohl sein, dass Du ihn sagen darfst, aber mir kommt es so vor, als ob Du ihn immerzu sagen musst. Und ja: Du darfst so einen bedeutungsfreien Schwachsinn sagen, aber das hat keinen Wert an sich. Du kannst hier und heute jederzeit bedeutungsfreien Schwachsinn sagen und wir können froh sein, dass das Stück Welt, auf dem wir leben, derzeit gerade einer der Orte ist, wo sowas uneingeschränkt möglich ist. Aber – und jetzt kommt das große Aber: Das ist doch noch lange kein Grund, stolz darauf zu sein, dass man bedeutungsfreien Schwachsinn von sich gibt. Die Idee der Meinungsfreiheit war doch nicht, dass man gehofft hat, dass nun die Menschen endlich aufhören würden, wohlbegründete Argumente aufzuführen oder lösungsorientierte Beiträge in die Diskussion zu bringen, sondern dass es nicht bestraft wird, wenn jemand bedeutungsfreien Schwachsinn von sich gibt. Meinungsfreiheit ist theoretisch wunderbar, aber sie bewirkt doch keine Wunder. Bedeutungsfreier Schwachsinn wandelt sich durch sie nicht auf einmal zum Tiefsinn, bloß weil er erlaubt ist.
Er
Du willst doch nur, dass ich nicht mehr Pförmkatelismus sage.
Der
Das stimmt sogar. Ich will das nicht. Mir geht es auf die Nerven, wenn jemand sinnfreie Worte in einem Gespräch verwendet.
Er
Du bist ein Feind der Meinungsfreiheit. Ich darf nicht einmal mehr Pförmkatelismus sagen, schon reagierst Du mit Denkverboten.
Der
Nein. Ich bin ein großer Freund der Meinungsfreiheit. Aber Dein Förmchen…
Er
… Pförmkatelimus …
Der
… ist kein Teil von Meinungsfreiheit, das ist einfach nur Schwachsinn, der nichts zum Meinungsbildungsprozess beiträgt. Ich finde, dass das Beharren auf Sinnlosigkeiten Feindseligkeit gegenüber der Meinungsfreiheit ausdrückt.
Er
Aber ich bleibe bei Pförmkatelismus.
Der
Nichts anderes hatte ich erwartet.

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