vonJakob Hein 26.12.2015

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Als ich am gestrigen Weihnachtstage zur Mittagsstunde die Toilette aufsuchte, um dort … meine Hände wie immer in Unschuld zu waschen, schaltete ich wie „zufällig“ das Radio ein, in dem „selbsttätig“ gerade der Deutschlandfunk eingestellt war, wo „unerwartet“ gerade die Weihnachtsansprache des derzeitigen Papstes in Rom lief. Ich wollte nach ostasiatischer Tradition gern ein wenig Geräuschkulisse im Bad erzeugen, damit weder meine Mitbewohner noch ich durch die dort von mir eigentlich erzeugten Klänge unser Gesicht zu verlieren Gefahr laufen würden.

Das „Programm“ war eine Übernahme von Radio Vatikan, wo man die Originalaufnahme (ab 7:00) auch heute noch hören kann. Der Papst würde der Stadt Rom und dem Erdkreis seinen Segen spenden, obwohl dieser Papst erstmalig in der medialen Neuzeit mit der folkloristischen Tradition bricht, diesen Segen auch in verschiedenen Weltsprachen zu versuchen. Umso mehr musste die Ansprache übersetzt werden.  Und nun kann ich ja nicht so viel Italienisch, aber dass giovane „Jugend“ heißt und reggione vermutlich „Regionen“ und so weiter – das kann ich mir sogar zusammenreimen.

Zunächst war ich mir nicht ganz sicher, in den ersten zwei Minuten war es noch nicht so auffällig. Doch dann schienen sich die Zufälle zu häufen und schließlich war ich mir ganz sicher. Der „Übersetzer“ wusste immer schon vorher, was der Papst in den kommenden Sekunden sagen würde. Der „Übersetzer“ sprach die zukünftigen Sätze des Papstes dabei mit einer Gelassenheit aus, als bereite es ihm überhaupt keine Anstrengung, die italienischen Worte des Heiligen Vaters vorherzusehen, aus der romanischen in eine indogermansiche Sprache zu übersetzen und dann mit einer schönen Radiostimme zu präsentieren. Man bekam deutlich den Eindruck, dass er diese Rede auch schon Tage vorher in jeder beliebigen Sprache hätte einsprechen können.

So dass ich bei mir dachte: „Ich weiß zwar nicht, wer das da gerade im Radio ist, aber er kann die Worte des Papstes vorhersehen.“

Unheimlich.

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