vonHeiko Werning 06.01.2020

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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In der schon jetzt womöglich absurdesten Debatte des Jahres 2020 muss doch noch mal der Umweltsaustall ausgemistet werden. Also, bitte – schön ordentlich Punkt für Punkt:

 

1) Es ist falsch zu sagen, das Umweltsau-Lied sei schlechte Satire. Das ist ein Reflex, der leider selbst unter den Verteidigern von Satire und speziell unter Satirikern selbst systematisch bei jeder Satire-Debatte zu beobachten ist: Alle wollen sich zunächst vom strittigen Objekt distanzieren, zumindest künstlerisch. Natürlich, so sagen sie, dürfe man so etwas machen, Satire darf ja schließlich alles, aber sie können es nicht lassen, immer sofort hinterherzuschieben, dass dies natürlich eine schlechte Satire sei. Ganz gleich, ob Mohammed-Karikaturen, Papst mit Pissfleck, das Erdogan-Schmählied von Extra Drei oder das folgende Böhmermann-Gedicht und jetzt eben die Umweltsau: Immerzu muss jeder sein unglaublich erhabenes eigenes Niveau betonen, indem er oder sie sich zuerst vom niveaulosen Streitgegenstand distanziert. Das ist aber nicht nur im Regelfall verlogen, sondern es schadet auch der Sache. Erstens: Es ist für den Streit vollkommen unerheblich, ob die Satire gut oder schlecht ist, und deshalb hat dieses Argument in der Auseinandersetzung schlicht nichts zu suchen. Zweitens: Es ist letztlich immer Geschmackssache, ob man eine Satire gut oder schlecht findet. Es gibt ja sogar Leute, die Karikaturen in der Süddeutschen Zeitung oder Dieter Nuhr lustig finden. Vor allem aber drittens: Wenn man für die Kunstfreiheit der Satire eintritt, sollte man diese nicht in einem fort geringschätzen. Man gibt damit den Angreifern nämlich immer bereits ein kleines bisschen Recht, indem man ihnen devot entgegenruft: „Ihr habt ja Recht, das Ding ist schlecht, klar, aber hey, erlaubt sein muss es trotzdem.“ Die Angreifer auf die Satirefreiheit haben aber nicht Recht. In nichts. Sie sind dumm, ignorant und bösartig. Man muss ihnen nicht entgegenkommen, man muss sie bekämpfen.

 

2) Das Umweltsau-Lied ist keine schlechte Satire. Es mag nicht umwerfend originell oder bahnbrechend witzig sein, es ist eben eine ganz klassische Lied-Parodie, wie sie Standard ist im Kabarett- und Comedy-Gewerbe oder im Schülertheater. Und übrigens auch auf den Lesebühnen. Die Umweltsau-Parodie hätte ohne Weiteres auch auf der Lesebühne „Der Frühschoppen“ erklingen können, die dieses Genre seit 30 Jahren liebevoll pflegt. Sie hätte ebenso gut von den Brauseboys in ihrem Jahresrückblick gesungen werden können. Oder in der Heute-Show. Und in allen Fällen hätte das Publikum, dieses Urteil traue ich mir nach 25 Jahren als Bühnenkomiker zu, freundlich und belustigt reagiert. Das Lied hätte, wie wir das immer nennen, „funktioniert“, man hätte damit schön Lacher geerntet. Denn die Satire ist technisch sauber gebaut. Man kann über einzelne Reime streiten, aber das ist Schnöseltum. Abgesehen davon, dass die Vorlage, also das Original-Oma-im-Hühnerstall-Lied, ja nun auch keine Hochkultur ist, sondern bereits selbst ein eher rumpeliges Nonsens-Kinderlied darstellt. Es ist also absolut angemessen, es mit gleichen Mitteln zu parodieren, und formal ist das sogar besonders gut gelungen, weil der WDR dafür einen Kinderchor genommen hat, weshalb die Umweltsau-Satire besser ist, als wenn die alten weißen Männer vom Frühschoppen sie gebrummt hätten. Ansonsten erfüllt der Song alle Satire-Kriterien lehrbuchmäßig: ein aktuelles politisches Thema wird im Rahmen einer gerade geführten Debatte aufgegriffen, überspitzt und pointiert, zudem, dazu gleich noch, ist der Aussagekern zutreffend. Und ganz lustig ist das Liedchen auch noch.

 

3) Oma ist nun mal eine alte Umweltsau. Der Aussagekern des Liedes ist zweifelsfrei korrekt: Der ökologische Zustand des Planeten ist erbärmlich, wir stehen mitten im größten Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier und am Beginn eines vom Menschen verursachten Klimawandels, der schon jetzt zu katastrophalen Verheerungen führt, die jeder, der nicht völlig ideologisch borniert ist, mit eigenen Augen und Sinnen erleben kann. Meeresverschmutzung, dreckige Luft, ökologisch tote Landwirtschaftswüsten … man könnte endlos weitermachen, und keines dieser Probleme ist durch die junge Generation verursacht worden, sondern eben durch die Eltern-, die Großeltern-, die Urgroßeltern-Generationen und auch noch durch die davor. Richtig Fahrt aufgenommen hat die globale Umweltzerstörung mit der Industrialisierung und dem sogenannten Wirtschaftswunder, das dafür gesorgt hat, dass jeder mit Auto und Elektrogeräten ausgestattet wurde samt zugehöriger Infrastruktur. Die Zuspitzung auf Oma als Umweltsau ist also sachlich vollkommen richtig. Wer jetzt damit kommt, dass Oma aber die Socken noch gestopft und nicht weggeschmissen hat, denkt kindisch naiv und nicht politisch. Oma mag noch Knöpfe angenäht haben, aber sie hat eben auch Parteien gewählt, die die Umweltzerstörung politisch ermöglicht haben, sie hat gewollt, dass regelmäßig Fleisch auf den Tisch kommt und dass sie mit Opa im Auto herumfahren kann. Das gilt natürlich auch für Uropa, Mama und Papa, aber zum einen steht Oma hier selbstverständlich stellvertretend für die gesamte ältere Generation, was jedem mit minimaler Textauffassungsgabe sonnenklar ist, und zum anderen kommt hier die zweite Sachebene hinzu, nämlich die Kontextualisierung: Das Lied steht ja nicht im luftleeren Raum, sondern greift gezielt in die aktuelle Debatte um die Fridays for Future ein, die wiederum nun einmal einen Aufstand von jungen Menschen gegen die älteren darstellen. Natürlich verhält sich auch die junge Generation nicht vorbildlich umweltgerecht, aber sie fordert immerhin, das zu ändern. Die reaktionäre Gegenhaltung dagegen zielt genau auf die Abwehr dieser Forderung. Es ist also sehr wohl auch ein Generationenkonflikt, und genau das greift das Umweltsau-Lied durchaus gekonnt auf.

 

4) Opa ist auch eine alte Umweltsau, aber das hat mit dem Oma-Lied nichts zu tun. Die Gender-Kritik am Lied ist schlicht albern. Erstens steht Oma hier, wie gerade ausgeführt, als Stellvertreterin für die Erwachsenen und nicht als Stellvertreterin für ihr Geschlecht, und zweitens muss eine Parodie nun einmal ihre Vorlage berücksichtigen.

 

5) Für das Omasau-Lied wurden keine Kinder instrumentalisiert. Die Kinder haben freiwillig, dem Vernehmen nach gerne und mit Zustimmung ihrer Eltern mitgemacht. Wer Kinder in dem Alter hat, wie ich beispielsweise, zweifelt keinen Moment daran, dass das stimmt. Meine Kinder jedenfalls würden mir schön was erzählen, wenn ich ihnen verbieten wollte, bei so was mitzumachen, wenn sie es gut finden, und ebenso, wenn ich sie zwingen wollte, dabei mitzumachen, wenn sie es nicht gut finden. Klar, bei den Rechten, die sich jetzt über die Instrumentalisierung von Kindern beschweren, mag es zu Hause so üblich sein, dass die Kinder nicht mitreden dürfen und keine Meinung haben, in etwas progressiveren Familien aber ist das anders. Abgesehen davon: Solange Kinder als Messdiener, Hupfdohlen in Schützenvereinen oder Karnevalsumzügen, auf Wahlplakaten, in der Werbung oder bei sonstigen gutbürgerlichen Schweinereien eingesetzt werden, solange ist das Instrumentalisierungs-Argument sowieso vollkommen abwegig.

 

6) Das Gegenteil ist richtig: Die Omasau-Gegner instrumentalisieren Kinder und fügen ihnen womöglich ernsten Schaden zu.  Ich jedenfalls möchte mir nicht vorstellen, wie die Kinder, die mit Freude an dem Lied mitgewirkt haben und die in dem Video zu sehen sind, nun durch diese Debatte tatsächlich traumatisiert werden. Das aber ist den selbst ernannten Kinderschützern selbstverständlich vollständig egal. Kein Wunder, denn Kindeswohl ist ihnen sowieso gleichgültig, was sich ja bereits an der politischen Agenda ihres Kampfes gegen das Lied und damit gegen Umwelt- und Klimaschutz zeigt. Die wollen halt einfach weiter ungestört Autofahren, und dabei wurden traditionell schon immer Kinder umgenietet, wenn sie an der falschen Stelle im Weg herumstanden.

 

7) Natürlich durfte der WDR das Lied produzieren und senden. Diese Vorwürfe sind so dermaßen bescheuert, dass es gar nicht wert ist, groß drüber zu reden. Satire ist unstreitig Teil des öffentlich-rechtlichen Unterhaltungs- und Bildungsauftrags, das Lied ist eine klassische Satire, eine angebliche Verhetzung älterer Menschen findet darin nicht statt, was jeder erfasst, der über minimale Texterfassungs- und Satirekompetenz verfügt. Es mag Menschen geben, die darüber nicht verfügen, es ist aber nicht Aufgabe des WDR, sein Programm am dümmstmöglichen Zuschauer auszurichten, sonst dürfte er ja nur noch den Musikantenstadl und Dieter Nuhr senden. Abgesehen davon darf man guten Gewissens davon ausgehen, dass die meisten Leute, die sich über das Lied empören, das gar nicht tun, weil sie wirklich glauben, es verhetze oder verletze alte Menschen. Sie wittern nur eine gute Gelegenheit, ihre politische Agenda gegen Umwelt- und Klimaschutz und gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen durchzusetzen.

 

8) Das einzig Skandalöse auf Seiten des WDR ist das Verhalten von Intendant Tom Buhrow, der sich durch die Löschung des Lieds und die Kritik an seinen Produzenten zwar nicht als Umweltsau, aber eben doch als Kollegenschwein profiliert hat. Womit lustigerweise eine der Hauptforderungen der rechten Angreifer tatsächlich im Nachhinein noch seine Berechtigung erfahren hat, nämlich die nach dem Rücktritt des offenkundig inkompetenten und/oder überforderten Mannes.

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2020/01/06/aufgepasst-ihr-umweltsaeue/

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kommentare

  • Super! Danke! Da Dieter Nuhr erwähnt wird: Ich toleriere den natürlich, aber ich gucke seine Sendungen nicht. Aber Tom Buhrow, der überforderte, soll ja gesagt haben, Satire solle nur auf die Mächtigen abzielen. Dann müsste das Erste die Sendungen von Nuhr sofort absetzen. Der hat nämlich die Umkehrung dieses Prinzips zu seinem Prinzip gemacht.

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