vonJakob Hein 15.04.2020

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Seit der riesigen Weltwirtschaftskrise in den vorigen 20er Jahren entwickelte sich das beliebte Cartoon-Motiv eines Mannes, der, häufig in ein Nachthemd gekleidet, ein Schild durch die Straßen trägt, das vom Ende der Welt kündet. Ich gehe davon aus, dass dieses Motiv damals auf wahren Begebenheiten beruhend entstanden ist, und fürchte außerdem, dass wir ein viel umfassenderes 20er-Revival bekommen werden, als wir uns das mit irgendwelchen Serien eigentlich gewünscht hatten. Momentan ist die Krise sogar auf so einem Stand, dass sowohl Menschen mit dem Schild: „Das Ende ist nah!“ wie auch mit einem, auf dem steht: „Es ist alles in Ordnung!“ durch die virtuellen Straßen ziehen. Wichtig ist es in beiden Fällen, den Menschen, die das mehr oder weniger zufällig lesen, mitzuteilen, dass sie belogen und betrogen werden von denen, und da jeder von uns schon einmal von Menschen belogen und betrogen wurde, ohne dass uns jemand davor gewarnt hätte, erscheint uns das wissenswert und plausibel, so dass wir gern zuhören, und da sämtliche dieser Propheten schon sehr viel Zeit mit ihrer Theorie verbracht haben, konnten sie deren Plausibilitätslücken häufig schon in Ruhe verschließen mit dem Kitt, der durch fleißiges Googeln mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit irgendwann aus den Tiefen des Netzes zu fließen beginnt. Schließlich stimmen so viele verschiedene Dinge auf dieser Welt, die noch nicht in einen Zusammenhang miteinander gebracht wurden, dass allein schon durch die Juxtaposition zweier Wahrheiten ein erstaunlicher Effekt erzielt werden kann. Oder wussten Sie, dass der tägliche Wasserverbrauch in Jerusalem exakt der Menge an Wasser entspricht, die ein Hektar Regenwald benötigt? Ich sage es ja nur.

Ich möchte heute mal mein Schild in die Höhe halten und sagen, dass ich der kontroversen Meinung bin, dass die Lage sehr ernst ist, es uns aber weitgehend gutgeht in Deutschland.

Zum ersten bin ich entschieden nicht der Auffassung, dass es sich bei der derzeitigen Corona-Pandemie um eine Art harmlose Grippe handelt, die von irgendwelchen Kreisen zu einer gefährlichen Erkrankung verklärt wird. Wer diese Meinung vertritt, sollte dazu verpflichtet werden, in sensiblen Bereichen der Krankenhäuser die unserer Meinung nach gefährlichen Arbeiten zu verrichten. Wer diese Meinung vertritt, muss die Tausenden Toten von Italien und New York erklären. Wer diese Meinung vertritt, muss sich fragen lassen dürfen, ob es denn überhaupt noch eine Meinung im engeren Sinne ist, wenn es nichts auf der Welt gibt, dass ihn zu einer Veränderung dieser Meinung bringen könnte und ob es nicht eher ein Glauben ist, wenn keine Fakten geeignet sind, diese Auffassung zu verändern.

Aber zum zweiten bin ich auch nicht der Auffassung, dass unser Staatswesen versagt hat. Wir waren auf einem falschen Weg, aber zu unserem Glück noch nicht sehr weit auf diesem Weg gekommen, und darum haben wir ein recht großes und weit verzweigtes Gesundheitssystem, das Hilfe für praktisch alle und jeden bietet. Durch die aktuelle Krise wird hoffentlich nochmals deutlicher, warum ein Gesundheitssystem nie wirklich gewinnorientiert arbeiten kann, auch wenn es hier so laufen wird wie bei den Banken: Die hervorragend verdienenden Betreiber der gewinnorientierten Gesundheitseinrichtungen werden ihre Renditen der vergangenen Jahre behalten und werden die jetzt auftretenden Verluste einfach verstaatlichen, und niemand wird etwas dagegen sagen. Aber vielleicht könnte man hinterher einmal nachrechnen, was tatsächlich und unter dem Strich in der Summe aller Summen billiger gewesen wäre: Die Privatisierung des Gesundheitswesens oder die Aufrechterhaltung eines staatlichen Systems? Aber immer noch haben wir eine gute flächendeckende Versorgung, und es sieht nicht so aus, als würden bei uns signifikant viele Menschen daran sterben, nicht adäquat und gegebenenfalls sogar maximal gesundheitlich versorgt worden zu sein.

Auch habe ich den Eindruck, dass die schwierige Entscheidung über einschneidende Maßnahmen mit Augenmaß getroffen wurde. Natürlich hätte man viel früher einen Lockdown verhängen können. Aber zu einer Zeit, als die Infektionszahlen in Deutschland noch gering waren, Comedians noch Auftritte vor Tausenden von Menschen feiern und Fußballvereine noch in voll besetzten Stadien spielen wollten, wären diese Maßnahmen auf großen Widerstand gestoßen. Wären die Maßnahmen dann erfolgreich gewesen und die Infektionszahlen somit niedrig geblieben, hätte das zu einer noch größeren Unzufriedenheit in der Bevölkerung geführt. Wozu, wäre gefragt worden, müssen alle in Deutschland in Geiselhaft genommen werden für ein paar Dutzend Infizierte? Diese Entwicklung hätte wohl dazu geführt, dass das Murren über die Einschränkungen viel früher und viel lauter gewesen und die Maßnahmen noch schlechter durchzuhalten gewesen wären. Die Osterferien waren in ganz Deutschland geplant und somit zwei Wochen gewissermaßen schon auf der Haben-Seite, so bekam man fünf Wochen recht weitgehender Quarantäne hin, auch wenn man natürlich immer sagen kann: Es ist nicht weitgehend genug, solange sich Infizierte und unter Infektionsverdacht Stehende nicht sämtlich selbst töten.

Das alles gab uns auch die dringend benötigte Zeit für die schwierige Aufgabe, das einzige mit Herdenimmunität vergleichbare Ziel zu erreichen, was kurzfristig erreichbar ist – nämlich die Aufklärung weiter Bevölkerungsteile über diese Pandemie, ihre Mechanismen und ihre Bedeutung für das Individuum. Wir müssen nämlich verstehen, dass die tatsächliche Herdenimmunität praktisch nur unter Hinnahme unvorstellbarer Todeszahlen erreichbar ist. Wenn sich unter Normalbedingungen 70 Prozent der Bevölkerung infizieren und ein bis zwei Prozent an dem Virus sterben, dann würde das eine Millionen Todesopfer für Deutschland bedeuten. Wenn das innerhalb weniger Monate geschähe, würden die Zahlen sicher höher liegen, weil dann die Kapazität des Gesundheitssystems doch überfordert werden würde. Also müssen wir alle durchhalten, bis endlich ein Impfstoff verfügbar ist, mit dem wir dann die Herdenimmunität erreichen können, ohne dass Millionen sterben.

Von besonderem Wert hat sich dabei auch das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks herausgestellt, auf das sich viele Menschen gern verlassen haben.

All diese Prozesse wurden in Deutschland erkennbar so durchgeführt, dass sich die Expertinnen und Experten verschiedener Fachgebiete in absoluter Ernsthaftigkeit und Respekt vor den Expertisen der anderen zusammengesetzt und dabei einen gangbaren Weg verhandelt haben. Und wenn auch jedes Todesopfer eines zuviel ist, hat es doch den deutlichen Eindruck, als wäre die Zahl der armen Menschen, die an dieser schrecklichen Krankheit sterben, verhältnismäßig gering.

Denn weltweit wird deutlich, dass ein Lockdown eine feine Sache zur Virenbekämpfung ist, dieser aber schwere wirtschaftliche Nebenwirkungen hat, die umso ausgeprägter sind, je länger er anhält. Und die Rede ist ja hier nicht von Vorstandsgehältern, auch wenn über diese gesprochen werden muss. Die Rede ist von einer Weltwirtschaftskrise, die mit Sicherheit auch Opfer fordern wird, und auch die Mitarbeiter im Gesundheitswesen wollen bezahlt werden, auch wenn ihre Arbeit nur eine Dienstleistung und keine wertschöpfende Tätigkeit ist.

Das heißt, dass es keinen Lockdown bis zu einer weltweiten Herdenimmunität und auch nicht bis zum Ende der Pandemie geben kann. Ich habe den Eindruck, dass die schwierige Abwägung dieser Entscheidungen bei uns recht gut läuft, und ich bin bereit, dafür notfalls auch im Nachthemd mit einem Schild über den Alexanderplatz zu laufen. Dort ist es ja im Moment menschenleer.

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