vonJakob Hein 19.05.2020

Reptilienfonds

Heiko Werning und Jakob Hein über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Ok – gerade habe ich den aktuellen #Tatort gesehen und ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll.
Ich hatte ein Forschungsprojekt, in dem wir die Darstellung psychisch Kranker in den Tatorten und Polizeirufen der 1970er bis 1990er Jahre analysierten. Und auch in dem aktuellen Film war wirklich fast alles dabei, was eine stigmatisierende Darstellung von Psychiatrie und psychisch Kranken ausmacht:
Die „Klinik“ ist eine Art Sekte des „renommierten“ Professors, der natürlich ein miserabler, falsche Diagnosen ausstellender Wicht ist und bald ermordet wird. Seine „Patienten“ vergiftet er mit den genau falschen Psychopharmaka (damit sie auf ewig in „seiner“ Klinik bleiben müssen) und die Oberärztin deckt das mit einem Falschgutachten, weil er sie dafür „zu seiner Stellvertreterin“ macht, offensichtlich Motiv genug, alle ethischen und ärztlichen Prinzipien zu verraten.
Der Pfleger arbeitet nach einer Nachtschicht auch noch die Tagschicht und in seiner Nachtschicht ist er natürlich sexuell übergriffig gegenüber der Patientin, die an „Borderline“ UND einer „paranoiden Schizophrenie“ gleichzeitig „leidet“. Immerhin wird gesagt: „Das ist selten, aber es kann vorkommen.“
Natürlich wird niemandem in dieser „Klinik“ geholfen und als die arme Patientin/Opfer vom guten Kommissar endlich befreit wird, da ihre 1-jährige (!) richterliche Unterbringung durch das Wirken des rundum guten Kommissars endlich aufgehoben ist, tanzt sie frohgemut im Sonnenlicht. Denn eine psychiatrische Klinik ist schließlich wie ein Gefängnis – niemals zuvor hat die arme Kranke im vergangenen Jahr das Sonnenlicht gesehen.
In den Therapiegruppen erzählt immer eine/r von seinen Eltern und die anderen machen sich über ihn/sie lustig – so sind die psychisch Kranken nunmal. Als die Therapeutin kurz die Gruppe verlässt, eskaliert die Situation sofort in Richtung eines demonstrativen Suiziversuchs, den natürlich nicht die Therapeutin, sondern der menschlich gute Kommissar professionell auflösen kann.
Und selbstverständlich gibt es keine Möglichkeit, diese „Kranken“ erfolgreich zu „therapieren“, denn in Wahrheit sind sie grundböse und sogar Mörder!
Schrecklich, dämlich, ekelhaft – mit dieser stereotypen, seit 50 Jahren nicht enden wollenden Darstellung von Psychiatrie, wie es sie in der Form nur im deutschen Fernsehen gibt und gegeben hat, stigmatisiert man nicht nur das ärztliche und pflegerische Personal, das auf diesen Stationen jeden Tag so gut wie möglich zu helfen versucht, sondern vor allem auch Menschen mit psychischen Erkrankungen!
Wenn Ihr dieses Bild von Psychiatrie Millionen von Zuschauern immer wieder vermittelt, wird dadurch mit Sicherheit immer wieder in Einzelfällen verhindert, dass Menschen psychiatrische Hilfe suchen, die ihnen womöglich sogar das Leben retten könnte.
Hört einfach auf damit! Danke.

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