vonSchröder & Kalender 21.03.2007

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.

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Françoise Cactus, Wolfgang Müller und Wollita

Die Wollpuppe Wollita hatte sich entschlossen, uns den ›Ich sehe was, was Du nicht siehst!‹-Kulturpreis in Form eines miniaturisierten Ebenbildes ihres eigenen unschuldigen Körpers zu verleihen und zwar im ›Gnadenbrot‹. Ein Raum namens ›Gnadenbrot‹ ist ja für Literaten der geeignetste Ort überhaupt. Zuerst sang Wollitas Mutter Françoise Cactus von Stereo Total ›Außer Kontrolle‹.

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Publikum

Dann unterhielten sich Françoise und Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris über einige ihrer Initiationstitel aus dem März Verlag: Mammut, Bernward Vesper, Valerie Solanas nannte Françoise. Wolfgang Müller redete über Günter Amendts Sexfront und erinnerte sich an die Jahre als Sexualität in seiner Wolfsburger Schule noch ein Tabuthema war.

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Françoise Cactus, Wolfgang Müller und Martin Schmitz

Den ganzen Abend lang flickerten an der Wand die 155 Erstausgaben des März Verlags als Endlosschleife vorbei. Der Verleger Martin Schmitz stellte seiner Laudatio auf den März Verlag als Motto ein Zitat von Karl Heinz Bohrer voran: »Der März Verlag ist DER kulturrevolutionäre Verlag gewesen, weswegen ihn gewisse othodoxe und bornierte Leute, deren Wahrnehmungsvermögen wie das von Blockwarten oder Stromablesern funktioniert, auch nie mochten.«

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Richard Stein, der Wirt des Gnadenbrots hatte sein Lokal liebevoll mit Topflappen und Wollfäden dekoriert.

Zwischen diesen heiteren und ernsthafteren Programmpunkten aßen wir auf dem Podium das gute Essen des Gnadenbrots. Unten im Lokal aßen und tranken die Gäste. Nachdem Jörg Schröder sich für den Preis bedankt hatte, holte Barbara Kalender – wie die Gesetze des Potlasch es befehlen – zwei Efeukränze aus der Tasche und bekrönte damit Françoise und Wolfgang als elfte und zwölfte Preisträger des März-Efeu.

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Die März-Efeu-Preisträger

Diesen klandestinen Preis vergeben wir seit 1999 an Autoren, die wir selbst gern bei März verlegt hätten. Die Preisträger der vergangenen Jahre waren: Paulus Böhmer, Franz Dobler, Wiglaf Droste, Albrecht Götz von Olenhusen, Gerhard Henschel, Thomas Kapielski, Jürgen Roth, Jamal Tuschik, Johannes Ullmaier, Florian Felix Weyh.

Anschließend erzählte Barbara etwas über die Bedeutung des Efeus in der Mythologie: »Dionysos wurde häufig mit einem Efeukranz auf dem Kopf abgebildet. Im Griechischen heißt der Efeu ›Kissós‹ nach einem Jüngling im Gefolge des Dionysos, der alle durch seine tollen Sprünge ergötzte, bis er sich dabei einmal so schwer verletzte, daß der Gott ihn von seinen Leiden erlöste und in Efeu verwandelte, damit er auch weiterhin alles in seiner Nähe Befindliche umarmen konnte. Hedera helix kann fünfhundert Jahre alt werden und ist ein immergrünes Gewächs, das in der vollen Sonne ebenso wie im Schatten gedeiht. Er bildet eine dichte Bodendecke oder klettert mit Haftwurzeln an Wänden oder Bäumen empor, dazu braucht er keine Stütze oder Hilfe. Efeu ist aber kein ›Würger‹, der die Bäume umbringt. Das Trinken aus einem Efeuholzbecher sollte den Keuchhusten lindern, seine Beeren galten als Heilmittel gegen die Pest. Auch bei Wahnsinn hilft er: Man fülle einen großen Topf mit jungen Efeuranken, die noch nicht geklettert sind, und gebe zweieinhalb Liter Weißwein dazu. Einige Zeit ziehen lassen, dann gut auspressen. Mit dem Saft die Schläfen und die Stirn des Kranken alle zwölf Stunden einreiben. Im Volksbrauch ist Efeu das Symbol für Liebe, Freundschaft, Reichtum und Glück.« Den Efeu für die Kränze hatte uns Heike Oeltze von Lobenthal gespendet, er wuchs an ihrem Zaun in Caputh.

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Publikum

Nun sang Wolfgang ›lache wider willen!‹ und Françoise sang ›Eine kleine Schweinerei ohne Ende‹ beide Texte sind von Dieter Roth. Wir können uns nicht erinnern, wann wir zuletzt in einem Lokal waren, in dem das Publikum spontan mitsang und sich amüsierte wie im Karneval. Das hätte Dieter Roth gut gefallen – Literatur, Musik und Oberflächlichkeit aus Tiefe. Es lebe die Postmoderne!

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v.l.n.r. Barbara Kalender, Wolfgang Müller, Jörg Schröder, Françoise Cactus, hinter den Frontleuten der spiritus rector Martin Schmitz

Und so haben wir die kleine Wollita auf unserem Kamin platziert:

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(BK / JS)

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