vonSchröder & Kalender 03.09.2008

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.

In dem Band ›Weder Kain noch Abel‹ kommt auch Ingrid Zwerenz zu Wort. Sie wird interviewed von Karlen Vesper und Jürgen Reents. Auf die Frage der Interviewer wie sich Ingrid und Gerhard durchgeschlagen haben, obwohl beide Partner Schriftsteller sind, antwortet sie:
***
Die Regel ist: Schriftsteller heiraten Lehrerinnen, damit ein Einkommen in der Familie gesichert ist. Auf die Schreiberei allein ist kein Verlass. Wenn man nicht gerade einen Bestseller landet, hat man oft Durststrecken durchzustehen. Ich hatte von Anfang an meine eigene Schreibmaschine. Ich habe für die Zeitschriften ›Twen‹ und ›Pardon‹ geschrieben. Bei ›Twen‹ hatte ich sogar zeitweilig einen festen Job: Leserbriefe beantworten. Da habe ich immerhin 150 Mark im Monat bekommen. Willy Fleckhaus hat das Layout für ›Twen‹ entworfen. Er war einer der besten und berühmtesten Grafikdesigner im Nachkriegsdeutschland, hat auch die Suhrkamp-Editionen in den Farben des Regenbogens gestaltet. Heinrich Böll hat immer gesagt: »Fleckhaus ist der Heilige Layout.«

Sie haben bei ›Twen‹ mehr gemacht als Leserbriefe zu beantworten.

Ich habe auch als Autorin für ›Twen‹ gearbeitet. Die Zeitschrift spielte zwischen 1959 und 1971 eine wichtige Rolle für viele Jugendliche. Sie hat die Studentenbewegung, die Jugendrevolte, die so genannte sexuelle Revolution begleitet. Sie hat den bis dahin tabuisierten vorehelichen Sex und die Homosexualität zum Thema erhoben. Ich habe mein Scherflein dazu beigetragen, eine Kolumne unter dem Pseudonym Angelika Roth geschrieben. Ein Text befasste sich mit der Frage, dass Frauen über eigenes Geld verfügen müssen, um sich Emanzipation leisten zu können. Catharina (die Tochter) hat in jener Zeit ganz genau beobachtet: Wer ist der beständige Geldverdiener in der Familie? Nach und nach hat sie erkannt, dass meine journalistischen Arbeiten auch etwas wert sind.

Catharina hat übrigens auch ihren Anteil an Gerhards schriftstellerischem Werk. Kaum dass sie lesen und schreiben konnte, hat sie gemeinsam mit ihrer Freundin Inge geholfen, die Seitenanschlüsse bei den Durchschlägen eines Manuskripts zu kontrollieren. Inge stammte aus einer streng katholischen Familie. Einmal stand am Ende der letzten Zeile einer Seite das Wort »Schwein«. Was haben die beiden Mädchen gejubelt! sie dachten, Gerhard gebraucht ein unanständiges Wort. Dabei war an dieser Stelle wirklich das Tier gemeint.

War Catharina stolz einen Schriftsteller als Vater zu haben?

Ja. Als sie ganz klein war, hat sie sich immer sehr gewundert, dass die anderen Väter morgens aus dem Haus gingen. Eines Tages sagte sie: »Ich möchte mal wissen, wann die arbeiten!« Ihr Vaterbild war der schon morgens an seinem Schreibtisch sitzende Mann.


Ingrid Zwerenz mit Tochter Catharina, 1968

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Manche versuchen subtil, den Alltag in Deutschland unter der Nazidiktatur weichzuspülen.

Das ist richtig. Man hört noch oder wieder: »Unter Hitler, da konnte man als Frau im Dunkeln noch über die Straße gehen, ohne sich ängstigen zu müssen.« Das mag auf die brave NS-Frau zugetroffen haben, aber nicht auf die Antifaschistin, für die war es tags wie nachts gefährlich auf Deutschlands Straßen. Kürzlich las ich, dass Corinna Harfouch, eine Schauspielerin, die ich schätze, in ihrer Garderobe einen Nervenzusammenbruch erlitt, bevor sie die Szene für den Film ›Der Untergang‹ spielen sollte, in der sie als Magda Goebbels ihre Kinder vergiftet. Sie habe sich so sehr mit ihrer Rolle identifiziert, hieß es, und man habe Mühe gehabt, sie wieder aufzurichten. Nun halte ich den Streifen schon für ein Unglück. Aber ein Unglück kommt bekanntlich selten allein. Unsere Schauspieler brechen also zusammen, wenn sie das erbärmliche Ende der Volksverführer und Kriegsverbrecher nachspielen sollen. Mir sind ganz andere schreckliche Szenen ins Gedächtnis eingebrannt: Gerhard und ich haben uns seinerzeit sehr bemüht, dass das Erinnerungsbuch von Filipp Müller erscheint. Er war lange im KZ, musste in einer dieser Bedienungsmannschaften für die Verbrennungsöfen arbeiten. Die meisten sind von den Nazis als unliebsame Mitwisser ihrer Verbrechen kurz vor dem Ende umgebracht worden. Er war einer der wenigen Überlebenden. Filipp Müller berichtete unter anderem darüber, wie 1944 die Transporte mit den Juden aus Ungarn eintrafen. Die Nazis haben offene Scheiterhaufen errichtet und die Kinder lebendig in die Flammen geworfen. In Müllers Bericht findet sich eine Formulierung, die schaudern lässt: Er habe gesehen, wie die kleinen Feuerkugeln versucht haben, rauszurollen. Und die Judenmörder haben sie immer wieder mit ihren Stiefeln ins Feuer zurückgestoßen. Solch grausame Szenen können einen Nervenzusammenbruch rechtfertigen.

(IZ / KV / JR / BK / JS)

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https://blogs.taz.de/schroederkalender/2008/09/03/ingrid_zwerenz_ueber_schreibende_frauen_und_maenner_sowie_deutsche_nervenzusammenbrueche/

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kommentare

  • Es ist verdienstvoll, dass ihr Ingrid und Gerhard Zwerenz hier ein Forum bietet.
    Und Ingrid Zwerenz´ Ausführungen zu deutschen Befindlichkeiten und Nervenzusammenbrüchen sind an Eindringlichkeit nicht zu überbieten.

    Viele Grüße von
    Rüdiger Grothues
    [Open Nine Pub]

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