vonsensibel 04.07.2021

höchst sensibel

Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Ich schaue gerade Drei Meter über dem Himmel auf Netflix, eine italienische Teenieserie, deren zentrales Element der Sommer ist, mit all seinen Farben, Klängen und vor allem Gefühlen. Azurblau strahlt der Himmel vor dem sich eine bezaubernde, sorbettofarbene Kulisse an der Adriaküste entfaltet, in der sich Romanzen, Dramen und Komödien abspielen, untermalt vom feinperligen Soundtrack aus Italo-Klassikern und Indiepop. Man kann den Jasmin förmlich in der Luft riechen, während sich die Hauptcharaktere in der Hitze und den Wellen des Mittelmeers küssen, streiten, versöhnen. Und während ich mich so durch die Folgen suchte, versetzt es meinem Herzen einen kleinen Stich.

Wenn man über 30 ist, sind diese aufregenden, endlosen Teeniesommer schon länger vorbei. Natürlich genießt man auch heute noch die lauen Sommerabende im Straßencafé, die Grillfeste, das Freibad, den Baggersee und die Eisdiele. Aber es ist einfach nicht mehr das gleiche. Waren die Sommerferien früher gefühlt drei Monate lang, fühlt sich der Sommer heute an, als würde er zwei Wochen dauern. Und so hechelt man ihm verzweifelt hinterher, um so viel wie möglich von ihm aufzusammeln, so viel wie möglich zu erleben, alle Eindrücke abzuspeichern, wie Frederick seine Farben sammelt, um im Winter von ihnen zu zehren. Statt dolce far niente wird Sommer zu einem durchgetakteten Zeitslot, aufgeladen mit unhaltbaren Erwartungen. Er ist irgendwie immer zu kurz, zu wenig, zu blass. Dazu kommt natürlich noch der Klimawandel, statt warmer, normaler Sommer werden extreme Hitzewellen und verregnete Gewitterwochen nebst Hochwasser, wenn wir so weitermachen, immer mehr zur Normalität. Aber auch abseits dieser erschreckenden globalen Entwicklung verliert der Sommer im Erwachsenenalter etwas von seinem Zauber.

Mit über 30 heißt Sommer vor allem lästige Urlaubsplanung, das taktische Rausschneiden der vermeintlich besten zwei Wochen aus dem Urlaubskalender, um so viel Sonne wie möglich mitzunehmen, nur um dann doch wieder mit einer kompletten Regenwoche dazusitzen, egal ob zuhause oder an der Algarve. Und auch emotional sind die Sommer heute nicht mehr so aufregend. Die hitzigen Gefühle sind kühler Nüchternheit gewichen, das Energielevel ist nicht mehr das gleiche, die endlosen Sommernächte enden früher, man muss ja auch früh raus und am Wochenende winkt die Steuererklärung. Trotzdem liebe ich diese Jahreszeit nach wie vor, liebe es, wie die Menschen im Sommer alle ein bisschen entspannter und freundlicher sind, man selbst ein bisschen mutiger und offener ist, als in den trägen, dunklen Wintermonaten. Mein Sommer-Ich ist so viel besser als mein Winter-Ich. Den letzten Sommer hat uns leider die Pandemie genommen, zumindest denjenigen unter uns, die sie ernstnehmen, und auch der diesjährige Sommer ist für viele, vor allem, wenn sie noch auf ihre Impfung warten, weit entfernt von unbeschwert. Mit über 30 macht sich da ein bisschen Verlustangst im Herzen breit, sind die guten Sommer doch eh schon so rar gesäht. Sommer wird, so mein Gefühl, mit zunehmenden Alter, immer mehr zu einer Idealvorstellung, der man immer nacheifert, sie aber nie erreicht. Umso mehr ergreift es einen, wenn man ihn doch mal wieder erlebt, den perfekten Sommermoment, wenn die warme Abendluft wie elektrisch aufgeladen und alles möglich scheint.

Und jedes Mal, wenn sich der Herbst wie eine nasskalte Decke über uns legt, war es doch wieder nicht genug, hätte der Sommer aufregender, sonniger, bunter, erholsamer, unbeschwerter sein müssen, lässt er uns zurück mit dem Hunger nach mehr. Sehnsucht ist ein zweischneidiges Gefühl, zugleich schön und schlimm, und so suhle ich mich jedes Jahr spätestens im September mit Serien, Musik und Filmen in der Sommernostalgie, schaue Linklater und Deray, höre Bruno Martino, Sergio Mendes, Jack Johnson und Tame Impala, wie ein Junkie, der sich Methadon spritzt. In Drei Meter über dem Himmel stehen zwei Charaktere kurz nach Ferragosto am Strand unter einem Vordach und sehen dem ströhmenden Regen zu, der azurblaue Himmel ist bleiernem Grau gewichen, der Sommer endet und es macht sich Melancholie breit. Ich finde kaum etwas beschreibt Erwachsensein so sehr, wie diese Szene. Was bleibt, ist die Sehnsucht.

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