vonsensibel 13.03.2021

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Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Wir leben in der „Age of Spin“, wie Comedian Dave Chapelle es nennt. Wir sind die erste Generation, die mit dem 24-Stunden-Nachrichten-Strom aufgewachsen ist, lokal wie global, angefangen beim Fernsehen bis hin zu Twitter, facebook, Instagram. Egal, welche Seite man aufruft oder welchen Sender man einschaltet, alles ist immer wahnsinnig laut und unglaublich nah, ob es sich nun in Bad Salzuflen oder Myanmar abspielt.

Drama, Blut, Blaulicht, Vergewaltigung, Terror, Krise – das sind die visuellen und semantischen Marker, mit denen seit Jahren Nachrichten gemacht werden. Für unsere Generation bedeutet Nachrichten fast immer schlechte Nachrichten (im doppelten Sinne). Panik steigert die Auflage und erhöht die Klickzahlen. Nach dem Amoklauf in München, meiner alten Heimatstadt, habe ich sämtliche Medien, die ich auf facebook abonniert hatte, auf unfollow gesetzt. Für mein Seelenheil.

Wir lebten vor Corona in einer vergleichbar sicheren Zeit und fühlten uns dennoch so unsicher wie nie, dank einer medialen Berichterstattung, die irgendwie nur noch negativ fokussiert ist. Klar läuft viel schief, islamistischer und rechter Terror, korrupte Politiker, vergewaltigende Hollywoodmogule sind sicher kein Grund für positive Meldungen und es ist die Aufgabe der Medien, hier sorgfältig zu recherchieren, aufzudecken, zu berichten. Betonung auf sorgfältig. Stattdessen werden die Social-Media-Feeds und Nachrichtenspalten von vielen Medien seit Jahren mit unbestätigten Meldungen und widerlich überspitzten Headlines geflutet.

Das hinterlässt Spuren. Diese permanenten Reize führen auf Dauer zu einer Abstumpfung, wenn man überall nur noch Leid und Weltuntergangsszenarien sieht, löst das kein konstruktives Gefühl von „Wie kann ich helfen? Wo kann ich die Welt positiv verändern? Wo kann ich mich politisch engagieren?“ aus, sondern eher ein permanentes Gefühl der emotionalen Überforderung. Kein Wunder, dass man da Peter Lustigs guten Rat befolgt und einfach mal abschaltet. Der digital detox ist ja inzwischen auch so ein Ding, mit dem unsere Generation kokettiert. Aber ist das die Lösung, zum medialen Lotusesser zu werden und einfach gar keine Nachrichten mehr zu konsumieren?

Eine andere Strategie, mit der unsere Generation der Nachrichtenflut begegnet, ist ja eine Art narzisstischer Eskapismus, der auf Instagram, Youtube, Snapchat und Co gepflegt wird. Schöne Bilder, geiler Designscheiß und light entertainment als Antithese zum Krisendauerfeuer. Die Waffen der Massenzerstreuung. Egozentrisch, klar, aber eine vielleicht ganz nachvollziehbare Übersprungshandlung. Das trägt dann zum Teil auch bizarre Blüten, wie die Berufsstände des Infuencers, Social-Media-Stars und Lifestyle-Bloggers, die unsere Generation eingeführt hat. Menschen die vor einem weißen IKEA-Regal und mit GEMA-freier Musik im Hintergrund in die Kamera grinsen und wahlweise über Haarconditioner oder eSports dozieren „verdienen“ jährlich 6-stellige Beträge durch Werbeverträge. Wer mit Haarpflege und Gaming nicht so viel anfangen kann und ein beliebiges Soundprogramm auf dem PC hat, kann sich noch als Cloud Rapper versuchen.

Wir sind also die Generation, in der die Wand zwischen Medium und Konsument endgültig eingerissen wurde, jeder kann jederzeit überall hin senden, ohne eine entsprechende redaktionelle Ausbildung oder technische Ausstattung zu haben, das ist gleichzeitig sehr demokratisch und unheimlich anstrengend. Und bisweilen sogar gefährlich. Denn dank dieser Demokratisierung kann sich heutzutage jeder dahergelaufene Depp einen halbwegs erfolgreichen Blog basteln, in dem er Verschwörungstheorien, Lügen und Propaganda verbreiten kann – mit einem rasant wachsenden Leserkreis. Die Coronakrise hat diese mediale Schattenwelt noch einmal in ganz neue Klickzahlgefilde katapultiert. Mit diesen Seiten wird seit Jahren Stimmung gemacht, sie nennen sich Meinungsmagazine oder tragen gar dreist das Wort „Nachrichten“ im Namen. Dabei ist es übrigens vor allem die Generation der Boomer und die Gen X, die diese Medien betreibt und konsumiert. Die Gründe dafür sind vermutlich eine Gemengelage aus dem Gefühl, nicht mehr mit der komplexer werdenden Realität mithalten zu können, nicht mehr wie die Generationen davor das Recht als Welterklärer gepachtet zu haben und natürlich der Zorn alter Männer, denen es nicht passt, dass die Welt (scheinbar) nicht mehr ihnen gehört. Liebe Boomer, erklärt uns doch mal, warum ihr als Generation Tagesschau irgendwie besonders empfänglich seid für so einen Mist?

Ok, man muss sich natürlich nicht die ganze Zeit Angst und Hass reinziehen, es gibt ja auch genug seichte mediale Unterhaltung auf sämtlichen Kanälen. Und mit seicht meine ich Kinderbecken. Bei Wassertiefstand. Nackte Menschen daten sich auf einer Insel, Starköche halten gefühlt von Früh bis Spät ihre schweißperlige Visage in die Kamera, Heidi sucht das nächste Magermädchen, dem eine steile Karriere als C&A-Model blüht, picklige Teenager geben vor einer Jury aus Restprominenten ihre Adéle-Imitation zum Besten und irgendwelche sozial offenbar noch nicht rehabilitierten Medien“persönlichkeiten“ fressen auf einer Insel Käfer. Wenn die Aliens je hier landen sollten, haben wir einiges zu erklären, fürchte ich.

Bei der Menge an schwachsinniger Show- und Scripted-Reality-Unterhaltung fragt man sich bange ob es nun die (akademisch gebildeten!) Medienmacher sind, die sich weigern, Formate zu erschaffen, die nicht wirken, als hätte Vollassi Toni sie in einem Fiebertraum erdacht, oder ob es das Publikum ist, das nach solchen Formaten verlangt. Egal wie die Antwort ausfällt, schön ist sie nie. Unsere Generation ist mit dieser Art der hirnlosen Abendunterhaltung aufgewachsen, Big Brother war damals der Anfang vom bitteren Ende. Viele von uns haben es dadurch auch schon verlernt, einem Narrativ zu folgen oder sich länger als zehn Minuten auf etwas zu konzentrieren, an die Stelle von stringenter Informationsaufnahme tritt die inszenierte Dauerreizstimulanz (selbst während ich diesen Text hier schreibe, schiele ich immer wieder aufs Handy). Viele meiner (akademisch gebildeten!!) Altersgenossen ziehen sich regelmäßig GNTM, Dschungelcamp und Co rein und sehen darin absolut kein Problem. Aber eigentlich sollte es eine Revolte derer geben, die sich nicht länger diese Flut aus Stammhirnunterhaltung geben möchten. Schlag den Raab, grill den Hänssler – kurz: mach kaputt, was dich kaputtmacht.

Gleichzeitig rückt bei der unfassbaren Menge an Informationen, die täglich über den Äther gejagt werden, die informationelle Entropie immer näher – und Maxwells Dämon kann uns da auch nicht mehr retten. Wir müssen verdammt aufpassen, von diesem Strudel nicht irgendwann vollends erfasst und weggespült zu werden. Unsere Generation hat hier vielleicht noch den großen Vorteil, diese Entwicklung miterlebt zu haben und noch zu wissen, wie die Welt ohne 24-Stunden-Liveschalte ausgesehen hat. Wir wissen also, was in den heutigen Medien so alles schief läuft, wie man es anders machen kann und, wenn das nicht möglich ist, wohin wir zurückkehren könnten, wenn der digitale Burnout uns zermürbt hat.

Bis dahin ziehen wir uns eben auf Insta und Co zurück, statt uns diesen Müll zu geben. Was nicht heißt, dass dort alles Friedefreudeeierkuchen ist. Sich ständig anzusehen, wie andere auf dem Coachella oder am Sandstrand chillen, während du aus deinem Bürofenster den Nieselregen betrachtest oder permanent Schönheits- und Fitnessideale (vom ableism mal ganz zu schweigen) vorgesetzt zu bekommen, die man als Normalo gar nicht erreichen kann, macht im schlimmsten Fall sogar eher unglücklich. Der Trick ist es, sich hier gezielt den Content herauszusuchen, der „joy sparked“, der vielleicht inspiriert oder einem den nötigen Arschtritt verpasst, auch mal mehr rauszugehen, um das eigene Profil mit mehr schönen Bilder befüttern zu können, statt eine ungesunde Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und Lifestyle zu evozieren.

Ja, wir Millennials haben ein schwieriges Verhältnis zu Medien. Während für unsere Eltern Fernsehen noch als elektrisches Lagerfeuer zelebriert wurde, vor dem man sich als Familie versammelt und sich von Kulenkampff, Steger und Co. unterhalten ließ, schwimmen wir permanent durch den nicht enden wollenden Newsstream. Immer irgendwo zwischen schlechtem, Peter-Lustig-induziertem Gewissen und geiferndem Verlangen nach mehr, mehr, mehr. Wir sind durch die Medien schlauer geworden, aber auch ängstlicher, politisch aufgeklärter aber auch orientierungsloser, vernetzter und einsamer, selbstbewusster und selbstkritischer. Und irgendwie haben sie uns – vielleicht stärker als jede Generation vor uns – zu dem gemacht, was wir sind.

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