vonsensibel 26.01.2021

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Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Ernährung, Sport, Meditation und diverse Heilmethoden sind die Götter, die wir Millennials massenhaft anbeten. Wir gelten als gesundheits- und körperbewusst, gleichzeitig wird uns oft eine gewisse Hypochondrie unterstellt; wir werden für unsere Ernährungsgewohnheiten gehänselt (Stichwort „Avocadotoast“) oder gar angefeindet, weil wir beispielsweise nicht mehr dem Fleisch huldigen, wie es die Wirtschaftswunderkinder taten. Hand hoch, wer schon einmal längere Diskussionen mit den eigenen Eltern geführt hat, die immer noch denken, ohne tägliches Wurstbrot würde man direkt an akutem Eisenmangel krepieren. Ok, könnt sie wieder runternehmen.

Und wir wären nicht wir, wenn wir das Thema Gesundheit nicht auch direkt mit Technologie verknüpfen würden: Wir entwickeln und nutzen dutzende Apps und YouTube-Kanäle für Meditation, Fitness oder Selbstoptimierung. Während ich diese Zeilen schreibe, schiele ich auf meinen Küchentresen, auf dem Curcumin-Kapseln, L-Glutamin, Manukahonig und Ashwagandha-Pulver neben Salz, Pfeffer und Olivenöl stehen. Nahrungsergänzungsmittel, oder Supplements, wie wir sie ganz leger nennen, gehören für viele von uns ganz selbstverständlich zur Lebensführung. Bei unseren Eltern war es noch der Löffel Lebertran, wir rühren uns lieber Adaptogene in den Kaffee und schmeißen Vitamin-Gummibärchen ein, während wir uns mit dem Jaderoller den Lymphstau aus dem Gesicht massieren. Klar, es ist eher die besser gebildete Mittelschicht, die das Privileg hat, sich so (kosten-)intensiv mit dem eigenen Körper zu befassen und bei weitem nicht alle Millennials achten auf Ernährung, Fitness und Gesundheit. Es ist dennoch ein ziemlich sichtbarer Megatrend innerhalb unserer Generation.

Das hat auch ganz praktische Gründe: Keine Generation vor uns konnte sich so umfassend über Gesundheit informieren und hatte so ein großes Warenangebot im Bereich Ernährung und Heilmittel bzw. -methoden wie wir. Self care ist unser Schlachtruf, mit dem wir den ungesunden Einflüssen unserer Zeit entgegentreten. Mit Workouts, gesunder Ernährung, bewussten mentalen Auszeiten wirken viele Millennials Arbeitsstress, Mediendauerfeuer und dem natürlichen Verfall unserer Körper ab 30 entgegen – oder versuchen es zumindest. Wir nehmen dabei unglaublich viel Verantwortung für unsere eigene Gesundheit auf uns, manchmal vielleicht sogar zu viel. Denn wer sich zum Alleinverwalter seines geistigen und körperlichen Wohls macht, trägt auch eine unheimliche Last und neigt zu Paranoia. Aus gesunder Ernährung wird da schnell Orthorexie, aus Workouts Fitnesssucht und aus self care eine teure Dauerbeschäftigung.

Es ist unter vielen Millennials beinahe schon verpönt, schlecht zu essen, was auf Dauer auch unheimlich anstrengend ist. Ich traue mich ja kaum noch zu sagen, dass ich mir manchmal nach einem Achtstundentag im Büro Nudeln mit Pesto mache, statt Bio-Seitansteak mit karamellisiertem Schmorgemüse und Chia-Topping, gegart über von mir selbst gehacktem Buchenholz. Foodshaming ist ein ernsthaftes Problem unserer Generation. Self care heißt auch, sich mal locker zu machen von irgendwelchen Ernährungsdiktaten – die leider oft einfach nur kommerzieller Humbug sind, an dem ein ganzer Wirtschaftszweig wahnsinnig viel Geld verdient. Ernährung ist in unserer Generation auch und vor allem ein Statussymbol, Paleo und Co. muss man sich erst mal leisten können.

Gleichzeitig erleben wir gerade auch eine regelrechte Revolution im Bereich Fitness und Bewegung, die hauptsächlich von Millennials angetrieben und zunehmend auch von medizinischer Forschung gestützt wird. Functional Fitness ist das neue Buzzword in Sachen körperliche Ertüchtigung, weg von einseitigen Kraftakten hin zu anatomisch wesentlich natürlicheren Bewegungsabläufen und Belastungen. Neben Bewegung werden auch gefühlt täglich neue Methoden in Sachen Schmerztherapie, Haltungskorrektur, Entzündungshemmung und generell ewige Jugend und Gesundheit auf den Markt geschmissen, von Ido Portal, Osteopathie, Faszienyoga über Intervalltraining, Gua Sha, Qi Gong, Tabata, Shiatsu und Reiki.

Das Internet verrät uns in wenigen Klicks ALLES über Erkrankungen und Zipperlein, inklusive Millionen von Tipps für Ernährung, Medikation, Therapie etc. Wir sind gewillt so ziemlich alles zu probieren, um unseren Körper wieder in Balance zu bringen. Und liefern uns nebenbei noch Glaubenskriege darüber, was denn nun die erhoffte Heilung bringt, beschmeißen uns mit CBD-Öl, Paleochairs und Omega-3-Kapseln. Die Leidenschaft mit der wir unsere jeweilige Gesundheitsphilosophie gegenüber Andersdenkenden verteidigen, würde selbst die alten Kreuzritter erschaudern lassen. Die Götter in weiß sind für meine Generation längst tot, an ihre Stellen tritt das – manchmal besser, manchmal schlechter – informierte, selbstverantwortliche Individuum.

Und es ist nicht nur unser Körper, der uns beschäftigt. Wenn verfehlte Politik, unsicherer Arbeitsmarkt und Dramamedien uns zu einem gemacht haben, dann zur Generation Anxiety. Angsterkrankungen haben den Depressionen in Sachen Volkskrankheit schon den Rang abgelaufen und besonders Menschen in ihren späten Zwanzigern und frühen Dreißigern erkranken gerade nahezu epidemiehaft an verschiedenen Ängsten, von Agoraphobie bis Generalisierte Angststörung. Durch die Erfahrungen der Coronapandemie werden sich diese Zahlen in ein bis zwei Jahren dank tausender PTSD-Erkrankungen getriggert durch Trauer, Hilflosigkeit, Dauerangst, Existenznöten etc. um ein vielfaches erhöhen.

Politik und Gesellschaft sitzen das Thema geflissentlich aus. Ist ja auch unbequem zu fragen, warum Millionen von Menschen von der heutigen Lebenswelt offenbar so überfordert sind, dass ihre Psyche krank wird. Aussuchen tut sich das jedenfalls niemand, auch wenn so mancher alter Mann das vielleicht meint und uns Millennials eine selbstinszenierte Fragilität unterstellt. Klar, ist auch total schön, das eigene Leben von Ängsten bestimmen zu lassen, die manche Menschen sogar Job, Partnerschaft oder einfach jegliche Lebensfreude kosten. Von selbstgewählt kann nicht die Rede sein. Wir sind krank, weil wir dazu gemacht wurden.

Und damit sind wir wieder beim Thema Eigenverantwortung und den Mantras mit denen wir als Generation geformt wurden: Weltwirtschaftskrise? Dann musst DU schauen, dass du es auf dem Jobmarkt schaffst! Du willst gesund bleiben? Dann musst DU deine Ernährung, Lebensgewohnheiten etc. im Griff haben! Du willst deine Rente nicht in einem Pappkarton verbringen? Dann musst DU schon dafür sorgen, dass du genug Geld zurücklegst! Wir bekommen täglich Horrorszenarios präsentiert, wie wir unser Leben ruinieren können. Diese permanente Angst, etwas falsch zu machen, unser berufliches, gesundheitliches und privates Schicksal womöglich in die falsche Bahn zu lenken, obwohl uns doch Erfolg und Sicherheit versprochen wurden, ist die perfekte Petrischale für alle möglichen psychischen Erkrankungen.

Grund ist vermutlich die kognitive Dissonanz, die wir hier erleben: auf der einen Seite haben uns unsere Nachkriegs-Eltern mitgegeben, dass Sicherheit und wirtschaftliche Prosperität das wichtigste im Leben sind, auf der anderen sehen wir genau diese täglich dahinschwinden und versuchen uns damit zu arrangieren, dass selbst der Vollzeitjob manchmal nicht für den Unterhalt reicht. Anerzogene Erwartungshaltung und Realität knallen hier gewaltsam aufeinander und wir sitzen hilflos dazwischen. Und bevor jetzt wieder jemand schreit: Das soll überhaupt nicht relativieren, dass es Menschen gibt, denen es wirklich dreckig geht, die in Entwicklungsländern täglich um ihre Existenz kämpfen müssen. Ich kann die psychischen Erkrankungen in Industrieländern mit Sorge betrachten UND mir darüber im Klaren sein, dass täglich Menschen verhungern, Empathie ist kein Nullsummenspiel.

Dabei haben einige von uns nicht erst jetzt im Erwachsenenalter einen Knacks: ich kann mich noch lebhaft erinnern, wie zu Teeniezeiten Anorexie/Bulimie und Selbstverletzung quasi Dauerthema in der Bravo und auch in meinem unmittelbaren Freundeskreis waren. Diese Krankheitsbilder gab es zwar auch schon zu Sissis Zeiten, aber nicht in so gewaltiger Häufung wie seit Mitte/Ende der 90er. Irgendwas schien schon damals in unserer Generation geschlummert zu haben, ein stummer Schrei, eine Überfordertheit mit der immer bizarreren Realität, ein Selbsthass geschürt durch mediale „Schönheits“ideale und der Wunsch irgendwie dazuzugehören, egal auf welche verkorkste, selbstschädigende Weise.

Wir sind, um es leicht verallgemeinernd zu sagen, die Generation Mental Health. Und das ist vielleicht nicht mal etwas schlechtes, denn wo unsere Elterngeneration noch die Depressionen und andere seelische Erkrankungen in sich reingefressen (oder getrunken) haben, gehen wir sie offensiv an, radieren Stigmata und sorgen so dafür, dass die, die nach uns kommen, hoffentlich noch etwas besser mit ihren Erkrankungen umgehen können. Dabei ist es noch ein langer Weg, noch nehmen die Erkrankungen stetig zu, die Therapieplätze ab und es ist immer noch – trotz aller medialer Aufklärung – ein Tabu, offen mit psychischen Erkrankungen umzugehen. Wäre schön, wenn die, die nach uns kommen, nicht mehr verschämt rumdrucksen müssen, sondern so selbstverständlich über eine Therapie wie über einen Besuch im Fitti sprechen könnten. Oder noch besser: wenn sie gar keine Therapie bräuchten, weil wir die externen Faktoren verbessert haben. Das wäre neben Klimaschutz die vielleicht größte Revolution unserer Generation.

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