vonsensibel 28.12.2021

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Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Wenn im gesellschaftlichen Diskurs die Rede von Privilegien ist, dann geschieht dies meist entlang bestimmter Trennlinien. Finanzielle Priviligien, Privilegien aufgrund von Hautfarbe, Religion oder Herkunft, geschlechtliche Privilegien. Dabei wird – auch gerade jetzt, in Krisenzeiten – ein Privileg, das in unserer Gesellschaft reichlich unfair verteilt ist, gern vergessen. Das sollte sich ändern.

Wir reden in unserer Gesellschaft viel zu selten über emotionale Privilegien. Denn anders als Geschlechter-, Herkunfts- oder Finanzprivilegien lässt sich emotional privilege nicht so einfach politisieren, ist komplexer als andere Ordnungslinien. Googlet man den Begriff, ist die Trefferquote eher spärlich, noch gibt es wenige handfeste Studien und Definitionen, die sich dem Phänomen widmen. Emotionales Privileg existiert überall dort, wo der Einzelne in gesunde, fördernde soziale Beziehungen eingebettet und frei von psychischer Zusatzbelastung ist. Das hängt oft mit dem Vorhandensein anderer Privilegien zusammen. Jemand in einer harmonischen Paarbeziehung ist emotional privilegierter als ein Single oder jemand in einer gewalttätigen Beziehung. Jemand mit einem liebevollen, intakten Elternhaus ist emotional privilegierter als jemand, der ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern hat oder ohne Eltern aufgewachsen ist. Menschen, die ein gutes Verhältnis zu ihren Geschwistern haben, sind emotional privilegierter als Menschen, die mit ihren Geschwistern laufend Konflikte haben. Menschen, die einen Angehörigen verloren haben, sind emotional weniger privilegiert, als Menschen, deren Angehörige alle noch leben. Jemand der nie Trauma erleben musste, ist privilegierter als Menschen, die Missbrauch, Krieg, Gewalt, Mobbing oder Verlust erfahren haben. Jemand der sich nie Sorgen um Geld machen muss, ist auch emotional privilegierter als jemand, der ständig um die wirtschaftliche Existenz bangen muss. Alleinerziehende sind weniger emotional privilegiert als verpartnert Erziehende. Menschen die einen stützenden, erfüllenden Freundeskreis haben, sind privilegierter als Einsame. Psychisch Gesunde sind emotional privilegierter als Menschen mit psychischen Erkrankungen. Auch körperlich Gesunde haben ein großes emotionales Privileg im Gegensatz zu Menschen mit Vorerkrankungen, die ihr gesamtes (Sozial-)Leben um ihre Krankheit herum managen müssen und dadurch häufiger von Einsamkeit und Ausgrenzung betroffen sind. Emotionales Privileg entscheidet – vielleicht sogar noch stärker als andere Privilegien – darüber, wie glücklich wir im Leben sind. Keine kleine Sache, wie ich finde.

Während der Coronakrise hörte man sehr viel über Familien und die Belastung von Familien mit Kindern (Alleinerziehende ausgenommen). Wenig dagegen hörte man von den Singles, die seit 22 Monaten vereinsamen, die niemanden haben, der sie abends in den Arm nimmt, wenn die ganze Welt mal wieder wehtut. Oder von den psychisch oder anderweitig Vorerkrankten, die billigend als gesellschaftlicher Kollateralschaden betrachtet wurden, wenn man sich die inkonsequente, teils menschenverachtende Krisenpolitik ansieht. Oder von denen, die nicht das Privileg besitzen, ihre Familie oder ihren Partner jederzeit mit einer 20-minütigen Busfahrt zu besuchen, weil sie aus beruflichen oder anderen Gründen in einem anderen Bundesland, Land oder gar Kontinent leben, als ihre Familie. Der Politik und den Hedonisten in unserer Gesellschaft war es allerdings wichtiger, Weihnachtsmärkte aufzumachen und Leute ohne jegliche Kontrollverfahren in den Urlaub fliegen zu lassen, als durch adäquate Maßnahmen dafür zu sorgen, dass Menschen ihre weiter entfernte Familien nach fast zwei Jahren ohne kaum zu tragendes Risiko besuchen können.

Emotionales Privileg wird im politischen Diskurs wenig bis garnicht beachtet. Das liegt vor allem an der historisch eingebrannten Idee der Kernfamilie, also dass der Ottonormalbürger bzw. die Ottonormalbürgerin schon irgendwie in eine funktionierende (bitte möglichst heteronormative!) Familie eingebettet ist, die all die Verfehlungen des Staates in Sachen emotionaler Fürsorge auffängt. Dieses – inzwischen für sehr viele Menschen nicht mehr real existierende – Modell ist nach wie vor der perfekte Ausgangspunkt konservativer und neoliberaler Politik. Es ist ein bequemes Modell, weil es alle möglichen Formen von politischer Vernachlässigung erlaubt: zu wenig Sozialhilfe (“na die Leute können sich ja bei der Familie Geld leihen”), zu wenige psychologische Behandlungsangebote (“Depressionen kann ja der Partner abfangen”), Ausbeutung auf dem Arbeitsmarkt (“50-Stunden-Woche ist doch OK, die Hausfrau kümmert sich um den Rest”), steuerliche Benachteiligung von Singles („selbst schuld, wer nicht verheiratet ist“), die übrigens in Deutschland so hoch ist wie in kaum einem anderen Land, und vieles mehr. Die Folgen dieser Ungleichverteilung sind zwar nicht so schnell sichtbar, wie bei anderen Privilegien, Einsame stehen nicht beim Arbeitsamt Schlange und Menschen mit Vorerkrankungen haben meist nicht die Kraft, Demonstrationen zu organisieren. Aber sie sind wirkmächtig und für viele in unserer Gesellschaft buchstäblich tödlich. Besonders jetzt, in Pandemiezeiten.

Ich wünschte, wir würden in einer Gesellschaft leben, in der man mehr aufeinander schaut, in der die, die emotional privilegiert sind, sich mehr um die kümmern, die es nicht sind. Man kann statt Geld auch Liebe und Aufmerksamkeit spenden. Das vergessen dieser Tage viele in ihrem Egoismus, statt Solidarität in der Krise wird lieber der Rückzug ins eigene warme soziale Gefüge praktiziert, die anderen stehen derweil in der Kälte. Und es wäre schön, endlich eine Politik zu erleben, die emotionalen Privilegien Rechnung trägt. Die Singles genauso berücksichtigt, wie Familien. Die Menschen mit Vorerkrankungen jeglicher Art besonders schützt und fördert, die Ableismus-Debatte ist ja schon lange an dieser Forderung dran, bekommt aber nach wie vor zu wenig Gehör. Die Angebote für psychosoziale Beratung ausbaut, statt sie einzustreichen. Die Verwitweten, Alleinerziehenden, Verwaisten soviel Aufmerksamkeit schenkt, wie der zahnpastalächelnden Vater-Mutter-Kind-Familie auf dem Wahlplakat. Die städtebaulich Orte der Begegnung schafft statt tote Konsumwüsten und infrastrukturell dafür sorgt, dass Menschen auch ohne Auto mobiler sind, um Freunde und Familie zu besuchen. Dazu braucht es aber Entscheider in der Politik, die nicht mit einem Gesellschaftsmodell operieren, das seit den 1980ern bröckelt und für Millennials und die Generationen danach immer unrealistischer ist. Und mehr Menschen in der Politik oder in beratender Funktion, die wissen, wie Menschen funktionieren, es braucht mehr Soziologen, Psychologen, Kulturwissenschaftler und Anthropologen und weniger Juristen, BWLer und Finanzwissenschaftler, die für meinen Geschmack schon viel zu lange am Menschen vorbei regieren. Ist das eine sozialromantische Forderung? Vielleicht. Würde sie unsere Gesellschaft besser machen? Auf jeden Fall.

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