vonsensibel 24.03.2021

höchst sensibel

Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Ich habe eine Zauberkraft: ich kann mich unsichtbar machen. Also zumindest für die Politik. Denn ich bin Mitte 30, ledig, kinderlos und damit für politische Entscheidungen jeglicher Art vollkommen irrelevant.

Ich bin zu alt, um als “die Jugend” beschworen zu werden, für die progressive Parteien versuchen, bessere Bildungs- und Lebensbedingungen zu schaffen, zu kinderlos um Teil abstrakten “der Zukunft des Landes” zu sein, um die man sich zumindest bemüht und zu jung, als dass die Union sich auch nur ansatzweise für mich interessiert. Meine Rolle in den politische Entscheidungen dieses Landes bislang lässt sich etwa so beschreiben: bis zum Erbrechen qualifizieren, auf dem beschissenen Jobmarkt eine unterbezahlte Stelle annehmen für die man heillos überqualifiziert ist, arbeiten gehen, Leistung bringen und Fresse halten. Und sich ab und an noch anhören dürfen, dass man zu anspruchsvoll sei, weil man vorsichtig anmerkt dass es eher uncool ist, die erste Generation zu sein, bei der die Wohlstandswelle wieder zurückrollt. Das hat man jetzt in der Coronakrise auch wieder gemerkt, wir kamen in den Ansprachen und Entscheidungen der Politik nicht vor, es wurde sich gesorgt um die Bildung der ganz Jungen (zumindest angeblich), um die Isolation und Gefährdung der Alten (aus Wahlgründen, nicht aus Nächstenliebe), über den Stress der jungen Eltern, aber über die Einsamkeit und Entbehrung kinderloser und/oder partnerloser Millennials oder die Tatsache dass viele Mitte 30 gerade dank Corona ihre Lebenspläne an den Nagel hängen müssen, weil sie langzeiterkrankt sind, ihre Karrierepläne auf Eis liegen und die Familienplanung in eine ungewisse Zukunft rückt – darüber herrscht Schweigen.

Es wird gern vergessen, dass auch wir Zukunftswünsche und -ängste und Bedürfnisse haben. Viele von uns wünschen sich zum Beispiel mehr Sicherheit auf dem Arbeitsmarkt, weil nicht jeder einen gut verdienende:n Partner:in hat, die einen zur Not mit durchfüttern. Wir wünschen uns alternative öffentliche Verkehrskonzepte, denn das Auto können wir uns im Gegensatz zu den Generationen vorher nicht leisten (ich spreche hier übrigens von Akademikern, nicht prekär Beschäftigten). Wir wollen nicht mehr arbeiten, sondern sinnvoller. Wir sind die Generation, die den Wandel von der analogen in die digitale Welt komplett mitvollzogen hat, wir kennen die Vor- und Nachteile aus beiden Welten hautnah, und können nicht fassen, wie die Boomer in den politischen Ämtern oder auf Arbeitgeberseite smarte Digitalisierung seit Jahren hartnäckig ausbremsen (kleiner Hinweis: für jeden Mist Excel benutzen ist keine smarte Digitalisierung). Wir wollen das Klima und die Umwelt schützen – aber nicht um den Preis uns selbst arm zu machen, weil die Verwantwortung dafür allein in Konsumentenhand gelegt wird.

Nicht autozentrische Verkehrskonzepte werden regelmäßig gekippt oder verschoben, über die Arbeitsmarktpolitik der letzten 20 Jahre möchte ich lieber aus Blutdruckgründen nicht sprechen und was passiert, wenn Boomer die Digitalisierung in die Hand nehmen, hat uns Corona ja mal wieder eindrücklich vor Augen geführt. Unsere Wünsche und unsere Expertise werden schlicht nicht berücksichtigt. Das zermürbt. Meiner Generation wird ja gern Politikverdrossenheit vorgeworfen, vielleicht auch wenig verwunderlich, wenn Politik offenbar für jeden außer einem selbst gemacht wird. Warum sollte ich mich für ein System interessieren, das mich nicht mitdenkt?

Twitter-User “Zambian Influencer” veröffentlichte vor kurzem einen sehr treffenden Thread darüber, dass wir die most unique generation of all time sind. “We should be running the World!! The old guys don’t understand what’s going on anymore, the new guys don’t fully understand where what’s going on came from” lautet sein letzter Tweet. Ich finde das einen sehr richtigen Gedanken. Wir sind eine besondere Generation und vielleicht besser als alle anderen derzeit lebenden Generation ausgestattet, um mit den großen Umbrüchen dieser Zeit in Wirtschaft, Klima, Sozialem und Kulturellem umzugehen. Weil wir beide Bruchstücke kennen. Weil wir erfahren genug und noch nicht zu müde sind. Und auch wenn viele von uns nicht mehr den heiligen Dreiklang Heiraten – Hauskaufen – Kinderkriegen vollziehen, sind wir ein wichtiger Teil der Gesellschaft und wollen uns nicht länger von einer Politik und Arbeitswelt aufreiben lassen, die immer weniger für uns tut und immer mehr verlangt. Wir sind die zweitgrößte Generation in Deutschland nach der GenX. Und wir sind noch da, wenn es die Entscheider von heute nicht mehr sind. Ihr wollt Politik für die Zukunft gestalten? Dann schaut uns endlich an.

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