vonsensibel 29.09.2021

höchst sensibel

Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Seit ein paar Jahren ist es da, dieses diffuse Gefühl. Ich weiß nicht genau wann es angefangen hat oder ob es einen singulären Auslöser gab. Ich weiß nur, dass ich es fühle. Und alle Menschen in meinem Freundeskreis, die meiner Generation angehören, auch. Es beschleicht uns, wenn wir die Nachrichten lesen, auf die Arbeit gehen, im (Streit-)Gespräch mit älteren Generationen und zuletzt gestern, bei der Bundestagswahl. Ich bin ein Millennial und ich muss sagen: es reicht.

Es reicht dass wir uns seit Jahren von Boomern und GenX anhören dürfen, dass wir verwöhnt und hedonistisch seien, faul und übersensibel. Wir wurden auf einen Arbeitsmarkt gespuckt, der uns systematisch ausbeutet, schlecht bezahlt und immer weniger Sicherheiten (Stichworte: arbeitnehmerähnliches Beschäftigungsverhältnis und sachgrundlose Befristung) gibt. Wir können uns trotz Akademiker-Vollzeitjob meist nichtmal erträumen, Hauseigentümer zu werden, was in den Generationen vor uns noch möglich war. Wir sind wahnsinnig gut qualifiziert, meistens sogar in mehr als einer Disziplin, und wahnsinnig wenig wertgeschätzt von Arbeitgeberseite, denn in den Entscheiderpositionen sitzen die älteren Generationen, die ihre Rentenschäfchen schon halbwegs im Trockenen haben und es unheimlich finden, dass wir mit der digitalen Welt besser klarkommen, als sie. Dass wir es nicht einsehen, Arbeitszeit mit sinnlosen Aufgaben oder schwerfälligen, “historisch gewachsenen” Prozessen zu verschwenden ist nicht faul, sondern effizient.

Wir sind nicht übersensibel, wir sprechen einfach nur lieber über unsere psychischen Probleme, statt sie wie die Generationen davor in Alkohol zu ertränken oder in uns reinzufressen, bis es zu spät ist. Wir sind die Generation, die Jahrzehnte familiäre Traumata endlich aufarbeitet – bisschen Respekt dafür wäre nett. Und ja, wir reagieren sensibel darauf, wenn Menschen rassistische oder homophobe Dinge äußern, warum sollten wir es auch einfach hinnehmen, nur um den Frieden beim Familienessen und in der Kommentarspalte zu wahren?? Warum wird uns Mimosenhaftigkeit vorgeworfen, weil wir unsere Meinung äußern, statt feige zu schweigen? Ja, wir sind sensibler oder besser: wir sind sensibilisiert dafür, dass Dinge unfair sind und äußern dies auch. Denn im Gegensatz zu den zwei Generationen davor können wir uns nicht mehr einfach auf unsere private Insel der Glückseligen (Haus, sichere Rente, Kinder) zurückziehen und der Politik einfach den Rücken kehren, wenn sie uns zu blöd ist. Für uns werden die nächsten Jahre politisch entscheidend, wenn wir menschenwürdig in Rente gehen wollen, oder, you know, einfach nur alt werden ohne dass uns die Klimakatastrophe dahinrafft. Fragt uns nochmal, warum viele von uns keine Kinder einplanen.

Und ja, wir sind vielleicht ein bisschen hedonistisch, aber ganz ehrlich, wenn der Laden in den nächsten 30 Jahren komplett vor die Wand fährt, wollen wir wenigstens noch ein kleines Bisschen Spaß haben. Und jetzt kommt mir nicht mit “ja wenn ihr weniger dekadente Urlaube machen und Klamotten kaufen würdet, könntet ihr euch auch ein Haus leisten”. Habs mal kurz hochgerechnet und selbst wenn ich mich jeden Monat mit Markensneakern eindecken würde, würde das bei den derzeitigen Immobilienpreisen nicht aufgehen. Also sorry wenn wir bei den unsicheren Aussichen vielleicht eine leichte Scheiß-drauf-Haltung in Sachen Lebensplanung entwickelt haben und ich kann auch jeden GenZ verstehen, der sich inzwischen lieber auf TikTok flüchtet, als die Nachrichten zu schauen. Denn was macht die Politik? Die schert sich seit Jahren einen Dreck um uns. Zumindest die Parteien rechts von Linksgrün. Denn auch hier sind die Entscheider mehrheitlich Ü50 und damit aus den gröbsten Zukunftsängsten raus, der Wahlkampf von Union, FDP und zu weiten Teilen auch der SPD war eine einzige Clownshow für die Generationen nach 1980. Alles was ich aus den Wahlprogrammen herausgelesen habe war: Nach uns die Sintflut. Literally. Das Gefühl der Ohnmacht, des Nichtgehörtwerdens ist eine kollektive Erfahrung meiner Generation und der danach.

Es ist genug. Spart euch eure Häme, eure Kritik, eure Beleidigungen, wir wollen sie nicht mehr hören. Wir wollen keine gut gemeinten “Spartipps”, wir wollen ordentliche Jobs mit Perspektive. Wir wollen eine Klimapolitik, die uns nicht in ein paar Jahren zu Flüchtlingen macht. Wir wollen länger als zwei Jahre in die Zukunft planen können, ohne vom flexibilisierten Arbeitsmarkt zerrissen zu werden. Wir wollen wissen, dass wir nach 40 Jahren Erwerbsarbeit eine menschenwürdige Rente bekommen, so wie unsere Eltern. Wir wollen, dass unsere Expertise als die Generation, die den Übergang von der analogen in die digitale Welt am intensivsten miterlebt hat, wertgeschätzt und genutzt wird. Wir wollen keine Kritik mehr für unsere Lebensentwürfe, unsere Essgewohnheiten, unsere Sensibilität, unseren Umgang mit Geld, unseren Eskapismus, unsere Beziehungsmodelle oder sonst etwas. Nicht von Generationen, die den Struggle nicht kennen, den wir seit unserem Schulabschluss durchmachen. Nicht von Generationen, die das Prinzip Unsicherheit nicht jeden Tag aushalten müssen. Und jetzt entschuldigt mich, ich gehe ein bisschen auf TikTok abhängen, um mich vom Koalitions-Kasperletheater abzulenken.

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