vonsensibel 14.01.2021

höchst sensibel

Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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In der Psychiatrie wird Wahnsinn allgemein als ein Geistezustand beschrieben der sich durch folgende Dinge auszeichnet: das Verhalten bewegt sich außerhalb der Grenzen der Vernunft, die Folgen des eigenen Handelns werden nicht mehr bedacht, es kommt zum Ausfall kognitiver Fähigkeiten und einer verzerrten Realitätswahrnehmung. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ein großer Teil unserer Gesellschaft angesichts der Pandemie wahnsinnig geworden ist.

Und damit meine ich nicht mal die intellektuellen Amöben, die sich auf Quer“denker”-Demos drängeln oder in Kommentarspalten ihre geistige Diarrhö verteilen. Nein, ich meine den großen Teil unserer Gesellschaft, der einfach weiterhin so tut, als sei alles wie immer. Kolleg:innen oder Vorgesetzte, die immernoch emsig im Arbeitsmodus verharren, ohne die immensen psychischen Auswirkungen der Pandemie auch nur anszusprechen. Tausende Menschen, die Weihnachten im großen Familienkreis feiern als sei nichts, verdrängen was gerade auf Intensivstationen los ist. Die sich auf Skipisten drängeln und weiterhin mit der ganzen Freundesblase privat treffen. Die Toten, das sind die anderen. Politiker:innen, die immernoch stur darauf beharren, bloß keine zu harten (aber dafür endlich sinnvollen) Maßnahmen anzuordnen, bloß nicht zu weit vom Gewohnten abweichen, das liegt dem deutschen Gemüt nicht. Arbeitgeber, die immernoch meinen, business as usual feiern zu müssen, inklusive voller Mehrmannbüros, voller Pendelzüge und Überstunden. Do they know it’s crisis time at all?

Wir erleben gerade den größten globalen Ausnahmezustand seit dem zweiten Weltkrieg. Die schlimmste Pandemie seit 100 Jahren. DAS. IST. NICHT. NORMAL. Angesichts dessen, was seit Monaten passiert, so zu tun, als wäre alles wie immer, hat eine pathologische Dimension, vor der selbst Wahnsinnsikonen wie Medea oder Charles Manson in Ehrfurcht erstarren würden. 40.000 Tote. Tausende Menschen, die vielleicht nie wieder gesund werden. Jeden Tag Angst, Sorge, Isolation, Trauer, Verzweiflung, Depression, seit 11 Monaten. Jeder der da noch so tut, als sei alles normal sollte sich wirklich mal eine ordentliche Dosis Benperidol gönnen. Mit schuld an der massenhaften Psychose ist mit Sicherheit ein kapitalistisches System, dass es uns aberzogen hat, die dauernde und unermüdliche Produktivität infrage zu stellen, egal was. Und wenn ein Meteorit auf die Erde rasen würde – wir würden noch bis zum letzten Moment Exceltabellen mit sinnlosem Mist befüllen, einfach weil wir es “ja schon immer so gemacht” haben. Es ist aber auch die grundsätzliche Bereitschaft der breiten Gesellschaft, jede Änderung des Status Quo so lange zu ignorieren, bis sie einem persönlich das Genick bricht. Weil “nicht sein kann, was nicht sein darf”, wie es so schön in Morgensterns Gedicht heißt.

Ich muss gerade viel an die Kurzgeschichte Bartleby, The Scrivener von Herman Melville denken. In der Geschichte lehnt sich der Titelheld, müde ob seiner offenbar sinnlosen, stupiden Tätigkeit als Kopierer, eines Tages einfach gegen selbige auf. “I would prefer not to” sind seine Worte des Widerstands gegen ein System, das sich stur selbst erhält, verlernt hat, sich zu hinterfragen. In der letzten Zeit möchte ich das auch oft sagen. Ich würde es vorziehen, wenn wir endlich in den angemessenen Krisenmodus verfallen würden. Ich würde es vorziehen, wenn wir uns mal kurz fragen, wieviel Menschenleben und -schicksale wert sind im Vergleich zur Konjunktur und Unternehmensumsätzen. Ich würde es vorziehen, wenn jede:r Einzelne mal innehalten würde und sich überlegen, was er oder sie dazu beitragen können, die Pandemie kleinzukriegen. Ich würde es vorziehen, wenn wir endlich aufhören, wie das dumme Volk in Des Kaisers neue Kleider die Realität zu verweigern, weil sie nunmal gerade nicht besonders erquicklich ist. Stell dir vor es ist Krise und alle schauen endlich hin.

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