vonsensibel 16.07.2022

höchst sensibel

Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

Mehr über diesen Blog

Überall in den sozialen Medien wird sie mir – ungefragt – angepriesen, wird gefeiert, erklärt, gar zum Status-Objekt erhoben: Hook-Up-Culture ist hip, mit möglichst vielen Menschen schlafen (besonders für Cis-Het-Frauen) ein Zeichen für sexuelle Selbstbestimmung, Offenheit, Freiheit, Coolness. Aber ist sie das wirklich?

Niemand will wieder zurück in die verklemmten 50er, aber das was ich gerade beobachte, scheint mir ein klassicher Fall von Überkompensation zu sein. Wenn mir auf TikTok Leute ihren „Body Count“ präsentieren und damit kokettieren, dass sie jedes Wochenende mit jemand anderem ins Bett steigen, löst das in mir mehr Besorgnis als Bewunderung aus. Und nicht nur weil der Begriff „Body Count“ wirklich wahnsinnig geschmacklos ist. Body count ist ein Terminus aus der Kriegsrhetorik, im Vietnamkrieg galt der body count, also die bloße Zahl an getöteten Vietcong, eine Zeit lang als Indikator für den Erfolg der militärischen Kampagnen der Amerikaner. Wie sehr kann man die Menschen, mit denen man den intimsten Akt teilt, degradieren?

Neben dieser Degradierung stößt mich ein weiterer Aspekt an der Hook-Up-Culture speziell im heterosexuellen Kontext ab: sie ist nicht feministisch und spielt dem Patriarchat in die Hände, indem sie weibliche Körper zur Dienstleistung reduziert. Auch wenn manche sie als Befreiung weiblicher Lust verkaufen wollen, sieht es in der Realität doch anders aus (und ich meine nicht mal die orgasm gap, die bei One-Night-Stands noch massiver sein dürfte, als ihn langfristigeren Arrangements). Sich sexuell leicht verfügbar zu machen ist für mich kein Akt der Ermächtigung und da wir als Frauen diejenigen sind, die im schlimmsten Fall mit einer ungewollten Schwangerschaft dasitzen, frage ich mich, wo da eigentlich der benefit sein soll. Endokrinologisch gesprochen sind One-Night-Stands, egal zwischen welchen Geschlechtern, außerdem blanker Selbstbetrug, denn Hormone wie Vasopressin und Oxytocin gaukeln uns auch beim unverbindlichen Sex Bindung vor, so sind wir evolutionär gestrickt. Nur dass es eben keine Bindung gibt, sondern einen würdelosen Abschied am nächsten Morgen. Von den diversen „Mitbringseln“ die einem so eine Begegnung bescheren kann, ganz abgesehen, Mediziner:innen schlagen schon Alarm, dass die Fälle von Syphilis, Gonnorhoe und Clamydien in den letzten Jahren in den westlichen Ländern steil zugenommen haben. In Zeiten von Corona und Affenpocken stellt sich dann wirklich die Frage, wieviel man eigentlich riskieren will, nur um mittelmäßigen Sex zu haben.

Aber bei Hook-Up-Culture geht es eben nicht mehr um Qualität, sondern um Quantität. Sie ist die Kapitalisierung von Sex. Sex wird zur perfekten Ware, immer verfügbar, Qualtität schwankend, ok, dafür mit minimalem emotionalen Kapitaleinsatz. Statt echter Nähe gibt es Fast-Food-Begegnungen, die den Hormonspiegel mal für ein paar Tage auffüllen, um danach umso stärker die innere Leere zu spüren, das angefressene Selbstbewusstsein, das dann wieder durch die nächste Begegnung gestärkt werden muss. War die Freie Liebe der Hippies noch die berechtigte Revolte gegen eine vollkommen in bürgerliche Zwänge gegossenen Sexualität, die nur innerhalb einer Ehe stattfinden durfte, ist Hook-Up-Culture ihr mutierter Sprössling. Und wer nicht mitmacht ist prüde oder hat irgendeinen Fehler. Ich finde der Fehler liegt eher in einem System, das vor allem jungen Menschen weißmachen will, dass viele Sexualpartner:innen ein Statussymbol seien und in dem Menschen sich lieber in belanglosen Sex flüchten, als zu lernen, es einfach mit sich selbst auszuhalten. Freie Liebe bedeutet deshalb erst recht, sich auch gegen One-Night-Stands und Belanglosigkeit entscheiden zu dürfen, sich nicht dem sozialen Druck fügen zu müssen und gewisse Ansprüche an Sex und sexuelle Gesundheit hochhalten zu dürfen.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/sensibel/freietriebe/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert