vonsensibel 20.04.2022

höchst sensibel

Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Jeden Winter spüre ich sie, diese Sehnsucht, diese Vorfreude. Jeden Winter, wenn meine Jeans mal wieder bis zu den Knien nass und meine Hände durchgefroren sind, freue ich mich auf ihn: den Frühling. Aber seit drei Jahren ist diese Vorfreude weg.

Dazu muss man fairerweise sagen, dass Frühling genau wie Dauerwellen und Hafenrundfahrten etwas ist, das als Konzept immer wesentlich geiler ist, als in der Umsetzung: für Allergiker (hi!) ist es eine Hassliebe, das Wetter ist meistens schlicht anstrengend (Sonne: Pulli aus, Wind: Pulli wieder an) und vom nervigen Deutsche-Basic-Bitch-Spargelfetisch, der jedes Jahr im April meine Social Feeds flutet, will ich gar nicht anfangen. Durch Corona wurde diese Zeit zusätzlich negativ konnotiert. Frühjahr ist seitdem für mich mit der traumatischen Erinnerung verbunden, über Nacht in einer anderen Welt zu sein. Neben Krokussen schießen seit drei Jahren um diese Zeit Infektionszahlen in die Höhe. Die Vorfreue ist Ennui gewichen.

Konnte man sich im Winter völlig hemmungslos zurückziehen, weil es draußen ohnehin unleidlich war, muss man nun wieder permanent abwägen zwischen sozialen Aktivitäten und Ansteckungsangst, wie schon in den letzten zwei Jahren. Die ohnehin schon durchwachsenen Frühlingsgefühle sind vollends permanenter Anspannung gewichen. Internationale Statistiken zeigen, dass die Suizidrate seit 50 Jahren im Frühling ansteigt – schon vor Corona war der Clash zwischen depressivem Innenleben und dem Druck sozialer Erwartungen problematisch, die Pandemie macht es für viele nicht einfacher. Dabei will ich nicht in Hoffnungslosigkeit verfallen (und Du, wenn Du das liest, solltest es auch nicht!). Die letzten beiden Sommer waren ja – trotz Corona – einigermaßen lebenswert und ich kratze alle Zuversicht zusammen, dass es auch dieses Jahr so wird. Wir müssen nur die Zeit bis dahin irgendwie überstehen.

Mit hilft es gerade ungemein, auf jeglichen sozialen Druck zu pfeifen, mich hemmungslos bei strahlendem Sonnenschein mit einem Buch auf die Couch zu lümmeln oder Videospiele zu zocken und mich nur dann rauszubewegen und mit Freunden zu treffen, wenn ich mich wirklich danach fühle und mein Sicherheitsgefühl es zulässt. Ist das gesund? Keine Ahnung. Es hält mich jedenfalls davon ab, durchzudrehen. Die Musikerin Em Beihold beschreibt den aktuellen Gemütszustand vieler sehr schön in ihrem Song “Numb Little Bug”: “Do you ever get a little bit tired of life/ Like you’re not really happy but you don’t wanna die/ Like you’re hanging by a thread but you gotta survive/ ‚Cause you gotta survive.” Weitermachen ist absolut alternativlos, aber man kann auch einfach mal offen sagen, dass Leben schon mal geiler war. Bleibt die Hoffnung, dass es bald wieder geiler wird. Sobald Infektionszahlen und Pollenlast wieder sinken, werde ich wieder wie aus meinem Bau kommen wie Punxsutawney Phil. Und mich auf den Sommer freuen.

Wenn Du unter Suizidgedanken leidest, wende Dich bitte an Therapeut:innen, Ärzt:innen oder die Telefonseelsorge: 0800 – 111 0 111.

 

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