vonsensibel 09.10.2022

höchst sensibel

Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Es hat ganze 36 Jahre gedauert, aber seit 2022 darf ich mich auch endlich als Trekkie bezeichnen. Als Vintage Millennial kannte ich bislang nur die Original Series, die in den 90ern gefühlt zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Sat1 lief und auch heute noch ein guter Meme-Pool ist. Aber nachdem ich von mehreren Freund:innen über Monate bearbeitet wurde, Star Trek: The Next Generation doch mal eine Chance zu geben, habe ich mich eines Nachmittags im Februar vor den Fernseher gesetzt und bin gemeinsam mit Picard, Riker, Worf, Troi, LaForge und Data an Bord der NCC 1701-D in den Tiefen des Universums verschwunden. Jetzt bin ich mit allen sieben Staffeln von Roddenberrys Zukunftsversion aus den 1980ern durch und muss sagen: wie konnten wir es eigentlich so verkacken?

Ich meine damit nicht, warum wir noch keine Nahrungsrepklikatoren oder Phaser haben oder sich der interstellare Tourismus bislang auf einen kleinen Bereich unseres Sonnensystems beschränkt. Ich meine die wesentlich realistischeren Utopien, die Gene Roddenberry insbesondere in The Next Generation entworfen hat. Die Sternenföderation ist ein quasi-sozialistischer Gesellschaftsentwurf, ohne den faden Beigeschmack von Diktatur und kultureller Gleichschaltung, sie ist die Idealvorstellung einer Gesellschaft, die sich nicht monetären Interessen oder kriegerischen Gelüsten, sondern humanistischen Prinzipien und intergalaktischem Frieden verschrieben hat.

Diese Serie zu schauen in einer Zeit, in der das erste Mal seit 1939 ein Angriffskrieg in Europa stattfindet, weil ein alter Mann in Russland seine Männlichkeit beweisen muss, versetzt einem schon einen Schlag in die Magengrube. Der globale Frieden ist gerade so wacklig wie schon lange nicht mehr, Roddenberry zeigte dagegen in Zeiten des Kalten Krieges auf, wie selbst Erbfeinde wie Menschen und Romulaner zur Kooperation bereit sind, wenn die Umstände es erfordern. Während wir in den letzten 30 Jahren beobachten durften, wie westliche Mächte in Länder einmarschiert sind und erfolglos versucht haben, eine künstliche Demokratie zu installieren, verbietet die Oberste Direktive solche sinnlosen Unterfangen aus gutem Grund. Während unsere Gesellschaften sich 2020 darauf geeinigt haben, dass ein paar Millionen Coronatote weniger wiegen als eventuelle wirtschaftliche Einbrüche und eine temporäre Begrenzung persönlichen Hedonismus‘, ist ein ganzer Zweig der Sternenflotte mit nichts anderem befasst, als alle Krankheiten, die Mensch wie Alien befallen können, zu heilen. Und Dr. Crusher schreibt keine Rechnungen, denn Geld gibt es im 24. Jahrhundert nicht mehr. Technologischer Fortschritt und konsequentes Wissenschaftsvertrauen haben es obsolet gemacht, da es dank gerechter Verteilung und smarter Innovationen keine Knappheiten mehr gibt. Auch ohne Replikatoren und mit den heute schon vorhandenen Ressourcen müsste niemand mehr hungern, frieren oder an gut behandelbaren Krankheiten versterben. Stattdessen liefern sich 2022 immernoch Keyboard Warriors Kommentarschlachten darüber, dass Pronomen woker Unsinn seien, während Riker schon 1992 ein nicht-binäres Alien fragte, wie er sie am besten anspricht und ganz nebenbei seine eigene Pansexualität entdeckte. Soviel zum angeblich neuen „Wokeness-Quatsch“ der jüngeren Generationen.

Als Millennial, der es quasi seit Kindheit gewohnt ist, in einer Welt zu leben, die ein immer größeres Dumpsterfire ist, in das alte Männer fleißig Öl gießen, ist Roddenberrys Kreation bittersüßer Eskapismus. Ich habe die Hoffnung ja noch nicht aufgegeben, dass wir unsere Timeline doch nochmal korrigieren und statt Star Trek als  Science-Fiction-Phantasie abzutun, dem Gesellschaftsentwurf der Sternenföderation nacheifern. Roddenberry jedenfalls hat bis zu seinem Tod an uns geglaubt: “I believe in humanity. We are an incredible species. We’re still just a child creature, we’re still being nasty to each other. And all children go through those phases. We’re growing up, we’re moving into adolescence now. When we grow up – man, we’re going to be something!“. Wir dürfen Gene nicht enttäuschen.

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kommentare

  • Wenn es Nahrungsreplikatoren gäbe, wären sie verboten oder zumindest so stark eingeschränkt, dass ärmere oder gar hungernde Menschen sie sich nicht leisten könnten. Digitale Werke kann man praktisch kostenlos beliebig vervielfältigen, trotzdem hat es die Menschheit mit dem Urheberrecht geschafft, dies nur sehr kontrolliert für ausreichend zahlungskräftige Menschen zuzulassen, so dass Bildung in ärmeren Ländern für viele zu teuer ist.

  • Sehr schön. Danke für diese erfreuliche Erinnerung an Star Trek, TNG. Die Serie hat wirklich viel zu bieten, das sich auf unsere heutige Welt anwenden lässt.. Zu schön wäre es, wenn Menschen ihre Moralvorstellungen aus dieser Serie ableiten würden…

    Was wir bei Star Trek nicht vergessen dürfen, ist, dass die Zeit rund um 2022 und kurz danach noch nicht besonders blumig war. Von 2026 bis 2053 herrschte im Star Trek Universum der dritte Weltkrieg – danach ging es nur langsam aufwärts… https://memory-alpha.fandom.com/de/wiki/Dritter_Weltkrieg

    Es wäre zu schön, wenn wir einfach dieses dunkle Kapitel überspringen könnten.

    Ich wünsche ebenfalls viel Spaß bei Star Trek – Voyager und Deep Space Nine 🙂

  • Interessant, dass jemand h e u t e das Star Trek der 90er Jahre für sich entdeckt.
    Beneidenswert zu wissen, dass der Autor/ die Autorin noch sieben nicht weniger gute Staffeln der Trekserie Deep Space Nine vor sich hat, die der Next Generation folgte.

    Genieß es … kann man nur sagen … denn es wird nicht dabei bleiben.
    Die neueren Star Trek Serien „Discovery“ und „Picard“ haben sich – leider erfolgreich – darum bemüht, die Utopie des alten Trek zu zerstören – in jeder Hinsicht.

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