vonsensibel 03.07.2022

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Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Kapitalismus ist ja ein bisschen wie Flusen – egal wo man hinschaut, er ist einfach überall. Auch in unserem Privatleben, oder besser gesagt: der Gestaltung von selbigem. Hand hoch, wer sich schon einmal geschämt hat, weil er auf die Frage „und was hast du am Wochenende gemacht“ mit „Nichts“ geantwortet hat. Nichtstun ist in unserer Gesellschaft verpönt, auch die Freizeit soll bitte geschäftig sein, produzieren, sozialisieren, reparieren, konsumieren. Können wir uns davon auch mal lockermachen?

Als jemand, der neben seiner Lohnarbeit auch noch zwei bis drei kreativen Hobbies frönt (dieser Blog ist eines davon), fühlt sich Nichtstun fast illegal an. Man könnte doch schreiben. Oder malen. Oder konzeptionieren. Oder etwas mit anderen unternehmen, ein aktiver Teil der Gemeinschaft sein. Oder wenigstens lesen, irgendwas was schlauer macht. Damit man dieses Wissen wiederum produktiv nutzen kann. Nichtstun ist was für Rentner und kiffende Teens. Wie sehr uns dieses Dogma eingetrichtert wurde, konnte man auch gut im Lockdown beobachten: viele in unserer Gesellschaft sind angesichts der Aussicht, mal nicht 24/7 aktiv zu sein, nicht zu konsumieren oder etwas zu unternehmen, durchgedreht (einige sogar frei, aber das ist eine andere Geschichte).

Wir Millennials tun uns mit dem Nichtstun vielleicht sogar noch schwerer, als die Generationen vor uns, weil wir zum einen die erste Generation sind, die mit dem Internet aufgewachsen ist und damit permanent mit Optionen gefüttert werden, was man tun könnte/sollte/müsste und weil wir zum anderen eingetrichtert bekommen haben, dass wir besser sein müssen als die Konkurrenz, mehr Praktika machen, mehr Stationen in den Lebenslauf stopfen müssen, um überhaupt eine Chance im Wettbewerb zu haben. 40 Stunden Erwerbsarbeit, pah, da müssen noch mindestens drei Ehrenämter und ein bezahlter Sidehustle her. Achso und politisch engagieren müssen wir uns ja auch noch, weil sonst der Planet vor die Hunde geht. Und nebenbei noch jede freie Minute mit sozialen Verpflichtungen vollstopfen. Ganz schön anstrengend. Dabei mahnen einige Psychologen und Neurowissenschaftler schon länger, dass wir Phasen der Langeweile, des Nichtstuns brauchen, um kreativ und produktiv zu bleiben. Ich wette, dass Newton, Curie, Einstein und Nietzsche ohne Langeweile vielleicht nie zu ihren schlauen Erkenntnissen gekommen wären.

Zum Glück regt sich auch langsam Widerstand gegen die nimmermüde und doch so ermüdende Hustle Culture. Accounts wie The Nap Ministry auf Instagram, der das Motto „Rest is Resistance“ propagiert oder das Online-Magazin Hermette, das für einen Entwurf von Weiblichkeit steht, die sich zurückzieht aus der geschäftigen Gesellschaft und sich selbst genug ist. Es sind vor allem Frauen (of Color), die genug haben vom Hamsterrad, vom ständigen Aktivsein selbst im Privatleben, was wenig verwundert, da viele von uns ja neben der Erwerbsarbeit auch noch die emotional labor der Gesellschaft erledigen – wenn wir nicht gerade auf die Straße gehen müssen, um dagegen zu demonstrieren, wie rechtelose Brutkästen behandelt zu werden. Für Männer ist es vielleicht auch noch stigmatisierter, nicht permanent aktiv zu sein, Müßggang zu propagieren, das passt einfach nicht ins neoliberale Bild vom männlichen Machertypen.

Vielleicht sollten wir alle mehr nichtstun. Vielleicht kommen uns dabei genau die zündenden Ideen, um diese Gesellschaft besser zu machen und wir tanken die nötige Kraft, um sie auch umzusetzen. Vielleicht können wir uns damit aber auch einfach vor dem persönlichen Burnout bewahren. Die Powers That Be hassen diesen Trick. Also ruht euch aus. Slackt was das Zeug hält. Sagt alles ab, wie Tocotronic so schön singen. Coucht, als wäre es ein politischer Akt. Denn das ist es.

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