vonsensibel 14.05.2022

höchst sensibel

Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Ich schlürfe meinen Kaffee, scrolle durch meine Social Feeds und öffne wie jeden Morgen meine Astrologie-App – und an dieser Stelle rollen vermutlich schon die ersten (vor allem cis-männlichen) Leser die Augen. Astrologie ist für viele immernoch ein Hassobjekt, wird direkt gleichgesetzt mit Impfgegnern und anderem wissenschaftsfeindlichen Klientel. In meiner Generation erlebt sie allerdings seit einigen Jahren einen regelrechten Boom – und das vor allem unter gut gebildeten, absolut wissenschaftsbegeisterten Menschen. Statt cringy Horoskopen aus der Fernsehzeitung gibt es schicke, personalisierte Apps, tausende witzige TikToks und Memes, ich weiß von allen Freunden mindestens das Sonnenzeichen, von manchen auch die Big Three. Aszendentenraten ist ein Hobby von mir. Aber warum schauen so viele von uns zu den Sternen?

Nun ist es kein Novum, dass Menschen in Krisenzeiten Rat bei höheren Mächten suchen, egal ob Gottheiten oder eben Planeten. Und wenn eine Generation Krisen gewöhnt ist, dann die GenY, wir kennen seit spätestens 2008 keinen anderen Modus. Die einen flüchten sich in Galgenhumor und Memes, die andere eben in Astrologie. Diese Kulturtechnik ist für viele von uns eine Bewältigungsstrategie, um mit einer Welt klarzukommen, die immer chaotischer und feindseliger wird. Astrologie gibt ein Gefühl von Ordnung und gibt Antworten auf Fragen, die die Wissenschaft nicht beantworten kann. Sie hilft einigen von uns auch, sich selbst besser zu verstehen, mit eigenen Schwächen besser umzugehen und – ein enorm wichtiger Punkt – sich nicht für alles, was das Schiksal einem einschenkt, selbst verantwortlich zu machen, was im Neoliberalismus nur zu gern gepredigt wird. Und im Gegensatz zu den etablierten Kirchen ist bei der Astrologie jeder willkommen, egal welcher Sexualität oder welchen Geschlechts, Hautfarbe, Herkunft oder Behinderung spielen schlicht keine Rolle in diesem Glaubenssystem. Wobei man auch hier aufpassen muss, manche Anhänger:innen betreiben einen regelrechten Astrorassismus, wer das nicht glaubt, möge sich einmal die Fülle von TikTok-Kanälen und Memeseiten ansehen, die gegen Zwillinge oder Skorpione hetzen. Das Gute ist aber, im Gegensatz zum Kardinal, Patriarch oder Mufti haben die Personen, die hetzen und diskriminieren, keine Deutungshoheit. Astrologie ist egalitär und anti-hierarchisch, ein weiterer Punkt, warum sie so viele anspricht.

Es ist kein Zufall, dass die Hexerei durch die gesamte Geschichte Frauensache war, dass sich synkretische, stark auf magischen Ritualen fußende Religionen wie Voodoo oder Santería in den marginalisierten Gruppen der Sklaven und ethnischen Minderheiten etabliert haben. Magie und Mikroreligionen waren schon immer und sind immernoch Ausdruck von Selbstermächtigung gesellschaftlicher Gruppen, die durch etablierte Glaubenssysteme unterdrückt wurden. Warum ist es dann noch verwunderlich, dass in dem unterdrückenden System schlechthin, dem Kapitalismus, vor allem die jüngeren Generationen, die praktisch nur noch die Nachteile des Systems zu spüren bekommen, eben Astrologie zur Selbstermächtigung wählen? In einer Gesellschaft, die Wandel zum Guten immer zäher verhindert, in der man als Individuum immer weniger Handlungsspielraum und immer weniger das Gefühl hat, dass The Powers That Be einem zuhören, finde ich es absolut legitim, sich Trost in einem jahrtausendealten Glauben zu suchen, in dem uns zur Abwechslung mal nicht alte Männer alles kaputtmachen. Wir verwerfen dafür weder unser politisches Engagement, noch unsere wissenschaftliche Bildung. Ich (die einen nicht unerheblichen Teil ihrer Freizeit auf Medrxiv, NCBI und Co verbringt) möchte mir jedenfalls von niemandem mehr, der ohne Maske in Zug und Flieger sitzt, erzählen lassen, dass Astrologie unwissenschaftlich sei. Und niemand, der in NFTs investestiert, soll mir etwas über Esotherik faseln, im Grunde ist Crypto auch nichts anderes als Astrologie für FDP-Wähler. Also spart euch euren Hass und eure Häme, solange wir nicht versuchen, Krebs mit Räucherstäbchen zu heilen oder die Verteilungsfrage mit Mondritualen zu lösen, lasst uns unseren Glauben. Danke.

Und hier noch eine Liste wesentlich dümmerer Dinge als Astrologie, an die man glauben kann:

…dass die Pandemie von alleine weggeht, wenn wir einfach nichts mehr dagegen tun
…dass wir mit Volker Wissing eine Chance auf die Verkehrswende haben
…dass man durch harte Arbeit schon irgendwie reich werden kann
…dass das Individuum die Klimakrise verhindern kann
…dass Abtreibungen aufhören, wenn man sie verbietet
…Wladimir Putin
…Elon Musk
…dass der Markt regelt

 

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kommentare

  • Ich finde Astro“logie“ höchst albern, lasse aber jedem seinen Spaß an dieser vermeintlichen Selbstermächtigung. Selbstermächtigung wäre es aus meiner Sicht eher, wenn man sich ob seiner Probleme mit der Welt und dem eigenen Leben klarzukommen, professionelle Unterstützung zu Rate zöge.

    Was die Schwurbler, Querdenker, Maskengegner angeht – gibt es erstaunlich viele, die ebenso auf die Astrologie und Esoterik abfahren, vielleicht eher die älteren Jahrgänge, die schon länger auf diesem Planeten leiden und sich deswegen in die Sphären der alternativen Fakten und Problembewältigungsstrategien begeben haben. Isso.

    Als im Sternzeichen Zwilling Geborener der von Marktstrategen erfundenen Generation X mache ich mir große Sorgen, ob der Hass gegen Zwillinge und Skorpione in der Astrosekte nicht doch eines Tages zu Zwillings- und Skorpionjagden führt – auch wenn die HetzerInnen keine Deutungshoheit besäßen. Oft genug wiederholter und veröffentlichter Hass findet seine Empfänger und entfaltet seine Wirkung in den Köpfen.

    Wehret den Anfängen! ^^

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