vonsensibel 26.10.2021

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Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Ich schwöre bei allem was mir heilig ist, wenn ich noch einen Text (geschrieben von Boomer- oder GenX-Redakteuer:innen) darüber lese, dass Millennials keine Häuser, Autos oder andere Besitztümer kaufen, weil wir “kein Interesse” mehr daran hätten und uns materielle Dinge einfach “nicht mehr so wichtig wären”, höre ich nicht mehr auf zu schreien. Wir kaufen uns diese Dinge nicht, weil wir sie uns nicht leisten können, Hans-Dieter. Und nein, das liegt nicht daran, dass wir nicht hart genug arbeiten oder zuviel Eiskaffee saufen.

Das liegt unter anderem an einem Arbeitsmarkt, der immer mehr auf Lohndumping setzt, und ja, das auch bei Akademikern. In meinem Freundeskreis sind von Informatikern bis Lebenskünstlern so ziemlich alle Berufsgruppen vertreten und so gut wie keine:r von uns verdient soviel, dass die Investition in eine Immobilie auch nur annäherend möglich wäre, die meisten von uns haben kein Auto oder haben es irgendwann verkauft, weil es eine finanzielle Belastung war. Ich kenne Leute, die mit zwei Abschlüssen von einem unterbezahlten Agenturjob zum nächsten krebsen, weil sie keine anderen Optionen haben. Der Arbeitsmarkt ist übersättigt, da nimmt man im Zweifel was man kriegt, egal wie scheiße bezahlt. Und bevor jetzt wieder irgendwelche Schlaumeier kommen: nein, wir können nicht alle Ingenieure oder Juristen werden. Zumal bei ersteren der Stellenstruggle auch schon real ist. Und auch wenn die Nominallöhne in den letzten 20 Jahren gestiegen sind, sind es die Reallöhne, also die tatsächliche Kaufkraft, nicht, da hier die Inflation reingrätscht. Fast alles kostet heute mehr, und das zeichnet sich an unseren Konten ab. Da braucht es weder Eiskaffee noch Avocadotoast.

Manchmal denke ich an die Schulzeit zurück und daran, dass unsere einzigen Lektionen in Sachen Finanzwissen die Spardose, die uns ein Herr von der örtlichen Sparkasse mit schlecht sitzender Krawatte mitgebracht hat, und das Planspiel Börse waren (alle die bei zweiterem mitgemacht haben, haben heute Crypto, fight me on this.) Alles was ich über Sparen und Geldanlagen weiß, habe ich mir über Youtube-Clips oder in mühsamen Gesprächen mit meinen Eltern angeeignet, wobei es manche Sparoptionen, die sie damals hatten, wie Bundesschatzbriefe, heute gar nicht mehr gibt, oder der Zinssatz so lächerlich ist, dass unter die Matratze stopfen aufs gleiche rauskommt. Und Gott bewahre, wenn man mal versucht, mit seiner Bank über dieses Thema zu sprechen – rest in peace die 40 Minuten Lebenszeit, die ich mal in einer Telefonwarteschlange verbracht habe, um etwas über ETF-Sparpläne zu erfahren. Kurzum: die Möglichkeiten, gewinnbringend zu sparen, sind schwieriger und komplexer geworden und nicht jeder von uns hat die zeitlichen oder intellektuellen Ressourcen, seinen Feierabend mit Recherche über Bitcoin zu verbringen.

Dazu kommt gesamtgesellschaftlich noch die immer größere Schere zwischen Arm und Reich, die sich durch die Pandemie noch verschärft hat und es für die weniger gut qualifizierten in unserer Alterskohorte fast unmöglich macht, Vermögen anzuhäufen. Es ist ermüdend, in den Medien immer wieder davon lesen zu müssen, “arm aber sexy” wäre unser selbstgewählter Lifestyle. Wir müssen über Geld reden. Dringend. Darüber wie der Staat unsere Renten langsam aber sicher in Luft auflöst. Darüber, wie Gehälter in manchen Branchen seit Jahrzehnten stagnieren oder sogar sinken. Darüber, dass Mieten in Großstädten ungehindert explodieren, die ländlichen Regionen aber immer mehr aussterben und damit keine Perspektive für uns bieten. Darüber dass es höchste Eisenbahn wäre, financial literacy in den Stundenplan aufzunehmen, damit die Generationen nach uns überhaupt noch eine Chance haben. Über unbezahlte Praktika, unterbezahlte Jobs, ein beschissen unfaires Steuersystem und soziale Absicherung. Was sagst du dazu, Hans-Dieter?

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kommentare

  • Inflation schnell erklärt:

    1) man druckt Geld OHNE dass es zu Wertschöpfung kommt (Immobilien im Kreis verkaufen)

    2) da Geld nicht arbeiten kann (leg einen 100€ Schein auf einen Tisch und sag ihm „Putz meine Küche“)

    sondern nur Menschen.

    D.h. nur Menschen können durch ihre Arbeit einen Mehrwert erschaffen (saubere Küche).

  • etwas vergessen:

    der „klassische“ Weg des Gelds EZB -> Privatbanken -> Unternehmen

    ist so auch nicht mehr.

    die EZB greifft DIREKT in den Markt ein und kauft Unternehmens-Anleihen (Schuldscheine wo drauf steht „ich Schulde Dir 100€“ die Unternehmen drucken um sich z.B. von VW.

    Jetzt tut die EZB so als ob das ganze Geld drucken keine Kkonsequenzen hätte.

    https://www.bloomberg.com/opinion/articles/2020-02-07/louis-vuitton-gets-help-from-the-ecb-for-16-billion-tiffany-deal

    <- scheinbar hatte der Chef von Louis Vuitton die Telefonnummer von La Garde oder ihrem Vorgänger Draghi

    "Hey Draghi alter Kumpel, ich will für 16 Milliarden ein Unternehmen kaufen, Bock meine Schuldschein zu kaufen?"

    Draghi: Na klar.

  • Hallo sensibel,

    es ist sogar viel schlimmer als Du vermutest.

    Wir müssen nicht nur über Geld sprechen,

    wir müssen über das Geld-System sprechen,

    ob es so viel mit Vernunft zu tun hat, wie homo sapiens (der Weisse Mensch) immer vermutet, oder eben nicht?

    D.h. die einfache Frage: Wie entsteht Geld?

    Sollte in jeder Schule zum Pflicht-Programm sein (neben den Basics des tatsächlichen Überlebens im ÜberwachungsKapitalismus, wie mache ich einen Pfannkuchen, wie koche ich einen Kaffee, viele lernen das von ihren gestressten Eltern leider nicht).

    Kurze Version:

    Man nahm dem Staat das Recht Geld zu drucken und verlagerte es auf ein undemokratisches aber „unabhängiges“ Organ die Zentralbank (früher Bundesbank, jetzt EZB Frankfurt).

    Nur diese Bank hat das Recht auf einen Knopf zu drucken und „mal eben“ zig Milliarden aus dem Drucker zu lassen.

    Jetzt das nächste Problem/die nächste Frage: Wer bekommt das Geld?

    Antwort: die Privatbanken können sich für aktuell 0% (also quasi „umsonst“) so viel Geld von der EZB Leihen wie diese lustig sind.

    Leider machen die Privatbanken aber ihren Job nicht und suchen aktiv nach Unternehmer (Entrepreneurship) die Ideen haben, dafür Geld brauchen um Jobs zu schaffen in DE.

    Nein. Man trägt es lieber in’s Casion (aka Wallstreet aka Börse) oder „investiert“ es in die Immobilienblase (die sich seit 2008 schon wieder massiv mit frisch gedrucktem Geld aufgebläht hat).

    Wenn ich Dir jetzt erkläre dass sowohl der Wert eines Hauses als auch einer Aktie, als auch einer Firma (sehr beliebt!) sich wie einer Sammler-Briefmarke verhält:

    Ist die Nachfrage hoch: steigt der Preis/Wert automatisch (der Kurs einer Aktie hat zum Teil NULL damit zu tun, dass Unternehmen X so gut gewirtschaftet hat, nein, es kommt vor allem darauf an: Ist die Nachfrage nach dieser Aktie hoch? (Kurs steigt)

    oder gering (Kurs fällt).

    D.h. umso mehr Geld gedruckt wird, umso mehr Geld die Banken in Aktien und Immobilien „pumpen“ umso höher steigen die Kurse der Aktien und die Preise der Immobilien (welche die Banken sich dann im Kreis herum verkaufen, als wäre das „Wertschöpfung“ d.h. als ob das IRGENDJEMAND EFFEKTIV etwas bringen würde).

    D.h. was müsste sich ändern?

    1) Die Jugend muss aktiv eine lebenswertes hier und jetzt (Zukunft ist zu wage, zu spät) einfordern

    2) wo 0% Kredite in Gute Projekte und Gute Ideen fliessen die Arbeitsplätze in DE schaffen (Hitler wurde immer dann gewählt, wenn die Wirtschaft schlecht lief, keine Jobs, keine Perspektive)

    3) Konzepte des Nachhaltiges (über)Leben sollte überall nicht nur in der Schule erforscht, gelehrt und auch gelebt werden.

    4) die die Ressourcen verschwenden sollen dafür ordentlich in die Staatskasse zahlen.

    D.h. ein SUV muss mindestens 10.000€ Steuern im Jahr kosten, welche direkt in Subvention von e-Mobilität und Erneuerbare Energien (bräuchten dringend eine große Batterie welche den Strom-Preis (wieder an der Börse!) stabilisiert)

    PS: Die Menschen tun immer so als hätten ihre Taten keine Konsequenzen.

    Als wenn Milliarden an Steuern hinterziehen, Porsche Cayenne fahren, sich selbst feiern und Oma die Miete erhöhen keine Konsequenzen hätten.

    So geht es auf keinen Fall (lange) weiter.

    Nicht-Nachhaltig bedeutet: es wird enden.

    Trefft euch!

    Tauscht euch aus!

    Lasst es Konsequenzen haben!

    PS: der e-Euro ist eine versteckte Währungsreform.

    Im Grunde werden alle bisherigen Euros für ungültig erklärt, damit das ganze Spiel wieder von vorne los gehen kann.

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