vonsensibel 20.12.2020

höchst sensibel

Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Die Pandemie trifft jeden anders. Seit zehn Monaten ist die Welt nun im Griff von Corona und nur langsam, dank einer rasanten Impfstoffentwicklung, ist eine Besserung in Sicht. Zehn Monate in denen für viele von uns – zumindest diejenigen, die sich nicht wie egoistische Arschlöcher verhalten – das Leben still steht. Und noch ein Weilchen stillstehen wird. Wie schlimm muss es gerade für die ganz Alten unter uns sein, die nun garkeinen Besuch bekommen, für die Einsamkeit ohne facetime und Watchparties nochmal eine ganz andere Dimension hat? Wie komisch muss es sich anfühlen, sein Studium oder seine Ausbildung in der Isolation zu starten, statt großer Freiheit und Kontakte knüpfen zuhause zu sitzen und sich Sorgen zu machen, wie man ohne Nebenjob sein Studium finanzieren oder in diesen Zeiten an einen Ausbildungsplatz kommen soll? Und wie fühlt es sich eigentlich gerade für uns in den Dreißigern an, durch die Pandemie ins Wartezimmer des Lebens gesetzt zu werden?

Die Dreißiger sind ein komisches Jahrzehnt, ein cooles Jahrzehnt eigentlich, in dem man sich selbst endlich so richtig kennenlernt. In dem man sich vielleicht auch ein bisschen lieber mag als in seinen awkward twenties. Eigentlich eine Zeit in der man viele wichtige Entscheidungen für sein Leben trifft, Weichen stellt, in der die private und berufliche Zukunft immer stärker zur Gegenwart gerinnt. Eigentlich. Manche von uns wollten dieses oder nächstes Jahr vielleicht beruflich durchstarten oder nochmal umsatteln und sind jetzt schon so mit funktionieren und nicht zusammenbrechen beschäftigt, dass sie keine Kapazitäten mehr haben. Manche merken in den Dreißigern die ersten körperlichen und seelischen Verschleißerscheinungen, sind nicht mehr so belastbar wie mit 25, fühlen sich dadurch vielleicht auch von Corona etwas stärker bedroht, als ein 20-Jähriger, der noch nie Rückenschmerzen oder Depressionen hatte. Manche wollten vielleicht endlich die akademische Ausbildung angehen, für die sie in den Zwanzigern mühselig gearbeitet und gespart haben und fragen sich nun, wozu. Manche sind gerade junge Eltern, kümmern sich gleichzeitig um die eigenen pflegebedürftigen Eltern – die sie im Moment kaum gefahrlos betreuen können – und wissen so langsam überhaupt nicht mehr, wie das alles weitergehen soll. Manche wollten ihrem Singledasein vielleicht endlich mal ein Ende setzen. Manche hegen vielleicht schon länger den Wunsch, eine Familie zu gründen, und haben nun mit Mitte oder gar Ende 30 das Gefühl, ihnen läuft die Zeit davon, jemanden dafür kennenzulernen. Die Angst, es könnte irgendwann biologisch zu spät sein, ist sicher kein schönes Gefühl.

Wir sind an einer komischen Schwelle, haben schon viel in unsere Lebensplanung investiert und sind doch oft noch lange nicht da, wo wir hinwollten. Denn, auch das zeichnet uns Millennials ja leider aus: wir brauchen dank Wirtschaftskrise, verkorkstem Arbeitsmarkt, noch verkorsterem Datingmarkt und immer unsteteren Biografien auch länger, um bestimmte Schritte in der Lebensplanung zu erreichen, als es noch bei unseren Eltern der Fall war. Und so sind gerade viele an einem Nexus, an dem sich große Dinge entscheiden sollten – Corona suspendiert all diese Entscheidungen auf unbestimmte Zeit. Die heute 20-Jährigen haben noch ein bisschen Zeit vor sich, haben noch einen Puffer für das ganze sich-selbst-finden, den-passenden-Partner-finden und Fehler machen, den wir nicht mehr haben. Zumindest gefühlt.

In den Dreißigern gewaltsam auf Pause gedrückt zu werden, ist keine schöne Erfahrung. Diese Jahre sind eine Zeit, die für viele von uns ohnehin schon durch familiäre, berufliche oder emotionale Mehrfachbelastung geprägt sind und die andauernde Gefahr durch Corona packt da noch eine ordentliche Schippe drauf. Vor einem Jahr habe ich mir nichts aus meinen grauen Haaren gemacht, heute schaue ich sie argwöhnisch im Badezimmerspiegel an, so ein Hauch Dorian-Gray-Dramatik (no pun intended) überkommt mich dabei schon. Wird es nach fast zwei Jahren Zwangspause nebst psychischem Burnout und anschließender Rekonvaleszenz zu spät für manche Dinge sein? Werden manche nach knapp zwei Jahren Dauerbelastung zwischen Care-Arbeit, Lohnarbeit und Arbeit an der eigenen mentalen Verfassung vielleicht einfach zu ausgebrannt für vieles sein? Müssen wir wegen dieses verdammten Coronavirus vielleicht ein paar Träume endgültig an den Nagel hängen? Oder macht uns die Pandemie nur mal wieder die alte Weisheit bewusst, dass das Leben ohnehin wenig für Pläne übrig hat und wir aufhören sollten, zu eisern an selbigen festzhalten?

Letztens habe ich mal wieder Samuel L. Jackson in einem Film gesehen. Jackson hatte seinen ersten nennenswerten Schauspieljob mit 40, startete erst Mitte 40 wirklich in Hollywood durch, heute ist er ein Star. Vielleicht sollten wir in den Dreißigern (und auch diejenigen über 40) uns damit trösten, dass auch nach der motherfucking Coronapandemie Zeit für ein paar große Lebensschritte sein wird. Sie werden vielleicht anders aussehen, als wir es uns vorgestellt haben, aber vielleicht werden sie deswegen nicht weniger schön sein.

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