vonsensibel 20.02.2022

höchst sensibel

Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Machen wir mal eine repräsentative Umfrage: Hand hoch, wer in den letzten 12 Monaten auf die Frage “Wie geht’s dir?” mit “Ok.”, “Naja…” oder “Joa…” geantwortet hat. Ah, sind doch einige. Denn was soll man auch antworten, “gut” wäre eine maßlose Übertreibung, “schlecht” wäre etwas zu dramatisch. Weltweit befinden sich Millionen von uns seit etwa einem Jahr in einem Gefühl, das der Psychologe Adam Grant im April 2021 so schön onomatopoetisch mit “blah” beschrieb, wahlweise auch “blaerg” oder “meh”. Etwas weniger lautmalerisch nennt Grant dieses Gefühl “languishing”, also “schmachten” oder “darben” und prognostizierte, dass es das bestimmende Gefühl für 2021 und danach sein wird. Er hatte Recht. Woher kommt dieses Gefühl der permanenten psychischen Mittelmäßigkeit?

Während uns die Nachrichten der Pandemie 2020 wie ein Schock trafen, aber auch noch eine gewisse Hoffnung da war, dass die Weltgemeinschaft das schnell in den Griff bekommen würde (hahaha…), sind die akuten Ängste und Depressionen ebenso wie die Hoffnung in 2021 in einen Zustand des “Meh” übergegangen. Wir haben uns an den Pandemiealltag gewöhnt, funktionieren im Arbeitsalltag und im sozialen Kontext, aber viel mehr ist da nicht. Wir versinken zwar nicht in klinische Depressionen, aber uns geht es auch nicht gut genug, dass wir Freude, Zuversicht und Motivation empfinden – außer man gehört zu den naiven Dummköpfen, die wirklich denken, der Freedom Day würde eine Zeitenwende bringen, als würde es etwas an der bescheidenen Lage der Welt ändern, weil die Politik das so sagt. Als letztes Jahr die Nachrichten von der Impfung kamen, hätten wir eigentlich alle extrem aufatmen müssen, vielen gelang es nicht, weil wir schon zu sehr im Sog des “Meh” waren. Und 2022 zieht sich der Zustand einfach weiter, wurde dank explodierender Inzidenzen für viele noch schlimmer.

Und so verfallen wir weiter in eine Art Lethargie, einfache Dinge über den normalen Tagesablauf hinaus fühlen sich auf einmal schwer bis unerreichbar an: man könnte längst mal die Wohnung ausgemistet haben, sich an einen Trainingsplan machen, einen Text schreiben (dieser hier hat drei Anläufe gebraucht), ein gutes Buch lesen, sich mit Freunden treffen (sofern es für das eigene Sicherheitsempfinden ok ist) – stattdessen liegt man bis 11 im Bett, hängt auf der Couch, binged sich durch Serien oder scrollt ziellos durch Social Media. Grant betonte in einem Podcast mit Yale-Professorin Laurie Santos, dass die Gefahr des Meh-Gefühls eben seine fehlende Brisanz ist, anders als bei akuten Erkrankungen haben wir nicht den dringenden Bedarf, etwas zu ändern und verharren so monate- oder wie jetzt sogar jahrelang darin.

Für die Menschen meiner Generation ist dieses Gefühl vielleicht sogar ein bisschen vertrauter, als für die Generationen vor uns: schon lange vor Corona war das Internet voll mit Memes, die sich darüber amüsieren, dass wir unseren Wäscheberg nicht bewältigt bekommen, freitagabends mangels Energie um 20 Uhr ins Bett gehen und insgesamt einfach sehr ziel- und motivationslos durchs Leben stolpern, i.e. exakt der Zustand, der gerade so viele Menschen in der Pandemie erfasst. Warum meine Generation das “Meh” so sehr mit sich herumschleppt hat verschiedenen Gründe, die wenigsten davon selbstverschuldet. Wenn man durch 9/11 im Teenageralter eindrücklich miterlebt, wie die Welt sich von heute auf morgen ändern kann, nichts sicher ist, dann prägt das. Wenn man das Gefühl hat, jegliche Motivation und Tatkraft laufen ins Leere auf einem Arbeitsmarkt, der einen nicht wertschätzt, dann prägt das. Wenn die eigene Zukunft durch Klimakrise und Wirtschafskrisen wackliger wird, dann prägt das. Wenn Zuversicht schwierig und die eigene Handlungsfähigkeit durch immer komplexere Umstände eingeschränkt sind, ist das der perfekte Nährboden für “Meh”. Und nun also noch Corona obendrauf als Verstärker.

Heißt das nun, dass uns dieses Gefühl auch 2022 und darüber hinaus begleiten muss? Nicht zwingend. Grant erklärt, dass es durchaus Strategien gibt, um der Lethargie entgegenzuwirken: sich selbst kleine, gut erreichbare Ziele setzen, Tätigkeiten finden, die einen in den Flow-Zustand versetzen. In seinem Fall was das Ziel, seine Familie beim wöchentlichen Mario Kart Turnier zu schlagen. Es müssen aber keine Computerspiele sein (wobei ich aus eigener jüngster Erfahrung sagen kann, dass sie sich dafür gut eignen), wichtig sind Dinge, die Erfolgserlebnisse erzeugen ohne zu überfordern. Von Puzzlen über Gitarre spielen lernen bis hin zu Gärtnern kann das alles sein, haupsache es ist aktiv, nicht passiv. Serienbingen oder endloses Scrollen durch Social Media dagegen sind ein Garant dafür, in der “Meh”-Zone zu verharren. Ich hoffe auch sehr, dass es ein Leben nach dem Meh gibt. Manchmal träume ich regelrecht davon, ausgelassen durch die Straßen zu laufen, voller Energie und Lebensfreude, meine Wohnung ist in tadellosem Zustand, ich mache regelmäßig Sport und plane wie ein Wahnsinniger Urlaube, Konzerte, Feiern, auf Instagram bin ich nur noch, um von meinen Abenteuern zu berichten. Bis dahin gebe ich Wordle vielleicht doch noch eine Chance.

 

 

 

 

 

 

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