vonsensibel 25.07.2021

höchst sensibel

Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Liebe Union,

wir müssen reden. Seit 16 Jahren bist du nun schon wieder in diesem Land an der Macht und seit 16 Jahren frage ich mich, was ihr eigentlich für dieses Land und besonders für meine Generation tut. Ich habe nämlich das Gefühl: gar nichts.

Als Millennial ist man in der Era Kohl aufgewachsen, wir sind die Generation die noch die erratischen Reden von Edmund Stoiber im Kopf hat, “in den Hauptbahnhof einsteigen” ist längst ein Treppenwitz unter Thirtysomethings. Dazu das epische Augenbrauengame von Theo Waigel, die Märchenonkel-Aura von Norbert Blüm, das polternde Pfälzisch von Kohl, für den Saumagen offenbar Haute Cuisine war – für uns Teenager wart ihr damals vor allem ein Haufen lustiger alter Männer, von Politik hatten wir noch keine wirkliche Ahnung. Inzwischen haben wir sie. Und finden euch überhaupt nicht mehr lustig.

Alle Verfehlungen, die ihr euch in den letzten 16 Jahren als regierende Partei mit wechselndem Juniorpartner so geleistet habt, würden den Rahmen dieses Beitrags sprengen, aber hier mal ein kurzes Best-Of: Die Flüchtlingskrise 2015, in der einige eurer obersten Köpfe mal so richtig gezeigt haben, welche völkisch-rassistischen Mentalitäten so in ihnen schlummern (I’m looking at you, Horst Seehofer) und statt guter Konzepte nur Chaos herrschte. Die immernoch nicht aufgeklärten NSU-Morde, bei denen es Unionspolitiker waren und sind, die eine vollständige Aufarbeitung behindern. Die Tatsache dass wir immer noch einen Paragraphen in unserem Strafgesetzbuch haben, der mich als Frau kriminalisiert, wenn ich darüber entscheiden möchte, ob in meinem Körper eine Schwangerschaft stattfindet, weil eure Partei Frauen eben immernoch als Menschen zweiter Klasse betrachtet. Eure Steuerpolitik, die eine faire Besteuerung extrem hoher Einkommen und Vermögen meidet, wie der Teufel das Weihwasser, was dazu führt, dass unsere Infrastruktur, unser Gesundheitssystem und unser Sozialsystem immer mehr kollabieren. Aber euch ist das egal, denn ihr müsst nicht mit dem Bus zur Arbeit, seid privatversichert und müsst nicht um Kitaplätze kämpfen. Eure Klimapolitik, die man seit Jahren bestenfalls als verblendet, schlimmstenfalls als böswillig bezeichnen kann. Statt wirklichen Plänen für die Zukunft haben wir einen Gesundheitsminister, der Klimaanlagen gegen Hitzetote vorschlägt. Ich finde, das fasst die arrogante Kurzsichtigkeit eurer Partei in Sachen Klima und Umwelt wirklich gut zusammen. Ich arbeite seit 9 Jahren in Vollzeit, zahle ein Drittel meines Gehalts an Steuern, habe keine Ahnung, wie ich mal eine lebenswerte Rente zusammengespart bekomme, kann dabei zusehen, wie die Leistungen meiner Krankenkasse immer weiter rationiert werden, wie der öffentliche Nahverkehr immer mehr an die Belastungsgrenze kommt, wie der Jobmarkt immer prekärer wird, muss hoffen dass ich mir auch in fünf Jahren noch die Miete in der Großstadt leisten kann (als VOLLVERDIENER! Mit STUDIENABSCHLUSS!), und muss Angst haben, dass ich mit 60 eventuell selbst zum Klimaflüchtling werde. Manchmal habe ich das Gefühl, für euch nur dummes Stimmvieh zu sein, das gefälligst Steuern zahlen und sich kaputtarbeiten soll, aber bitte ja keine Ansprüche auf ein gutes Leben stellen darf. Eure Politik denkt meine Generation und die danach schlicht nicht mit, was in 30 Jahren ist, ist euch schlicht egal, denn ihr seid dann entweder nicht mehr unter den lebenden oder habt euch mit eurem Vermögen abgesetzt. Und das wird sich noch richtig böse rächen, den irgendwann eskalieren all die sozialen Probleme, die ihr seit Jahren geflissentlich aussitzt.

Seit der Coronakrise habt ihr dann echt nochmal den Regler auf 11 gedreht, was eure Inkompetenz angeht. Den Anfang machte unser feiner Gesundheitsminister Jens Spahn, der als Bankkaufmann nicht nur absolut keine Ahnung von seinem Ressort hat, sondern sich auch noch an Maskendeals bereichert hat (nachdem er uns anfänglich noch erzählen wollte, Masken würden nicht gegen Corona schützen…), defekte Masken an vulnerable Gruppen verscherbeln wollte, sich im Lockdown zur Spenden-Dinnerparty mit seinen Unternehmerspezln trifft und Pflegekräfte als Kollateralschaden betrachtet. Wie dieser Mann noch im Amt sein kann, wundert mich jeden Tag. Sein englischer Kollege Matt Hancock nahm jüngst seinen Hut, weil er die Coronamaßnahmen im Privatleben verletzt hatte. Soviel Anstand hat Spahn nicht einmal. Dann hätten wir da unsere Bildungsministerin Anja Karliczek, ebenfalls fachfremd, deren Hygienekonzept an Schulen aus dicken Pullovern bestand – auf die Luftfilter warten die Schulen auch nach einem Jahr immernoch vergeblich. Friedrich Merz, der sich seit Monaten mit neoliberal-arroganten Äußerungen durch Twitter ätzt wie ein unangenehm betrunkener Onkel auf der Familienweihnachtsfeier. Und natürlich Armin Laschet. Euer Kanzlerkandidat. Der, den ihr aus euren Reihen als Fähigsten erkoren habt, die Geschicke des Landes zu leiten. Ein Mann mit der Kompetenz eines Frühstücksdirektors, der hinter seiner rheinisch-kumpeligen Fassade ein eiskalt berechnender Wirtschaftslobbyist ist, der bei Trauerreden zu Hochwasseropfern in Schulhofkichern verfällt, Krisenhilfen für Klimakatastrophen streicht, weil das ja künftig teuer werden könnte, der in Talkshows das Blitzen eines Psychopathen in den Augen hat, wenn ihm jemand widerspricht und sein Bundesland während der Coronakrise zum Versuchslabor erklärte, was sind schon ein paar tausend Tote, hauptsache seine Lobbyfreunde verdienen sich (und ihm) noch ein paar Milliarden in der Krise. Ein Mann, der Corona “nervig” findet und Klimawandel für eine neumodische Erscheinung hält. Ich würde Armin Laschet nicht mal die Verantwortung für einen Kleingartenverein geben, die Vorstellung dass dieser Mann einmal unser Land regieren könnte, weckt bei mir Auswanderungsphantasien.

Mich hat es ja in den letzten 16 Jahren immer fasziniert, dass die Boomer, also unsere Elterngeneration, euch immernoch so fleißig wählen, obwohl sie nicht mal besonders zufrieden mit euch sind. Und damit wären wir schon bei der einen Sache, die ihr besonders in den letzten Jahren wirklich, wirklich gut gemacht habt: Ihr habt es geschafft, der Nachkriegsgeneration einzureden, sie seien “die Reichen”, denen alle links von euch ihren hart ersparten Besitz wegnehmen wollen. Es war schon immer der größte rhetorische Coup von konservativen und neoliberalen Parteien, der Mittelschicht zu erzählen, die Linken wollten sie enteignen, während die wirklich Reichen champagnerschlürfend in ihre Parteikassen gezahlt haben, auf dass sie auch die nächsten 10 Jahre keine angemessenen Steuern zahlen müssen. Dieser Trick ist so einfach wie genial, denn wie Brecht schon ganz richtig konstatiert hat, kommt das Fressen immer zuerst, und Menschen Angst um ihre materielle Existenz zu machen ist stärker als jedes moralische Argument. Dass es gerade ihr seid, die seit Jahren die Mittelschicht nach unten drücken, ist blanke Ironie. Mein Verdacht ist, dass ihr euch mit einer Mischung aus dieser Masche und eurem Fischen am rechten Rand in den letzten Jahren in eurer Position gehalten habt. Und es ist an der Zeit, dass ihr aus eben jener Position verschwindet.

Ich bin mir fast sicher, dass selbst Angela Merkel dieses Jahr ihr Kreuz nicht bei der Union macht, denn bei all den Ausssetzern und personellen Vollkatastrophen war sie mit ihrer ruhigen, uneitlen, bedachten Art – bei allen Versäumnissen, die sie sicher auch zu verantworten hat – wie der letzte große Staatsmann, den eure Partei noch zu bieten hatte. Und wirkte zuletzt zunehmend enttäuscht und verbittert über ihre eigene Partei. Es ist Zeit für einen Wechsel. Ihr hattet 16 Jahre lang die Chance, gute Politik zu machen und sie einfach nicht genutzt. Ein paar Jahre bis Jahrzehnte in der Opposition bringen euch vielleicht zur Vernunft. Meine Generation hat jedenfalls eine lebenswerte Zukunft verdient. Und die kann es mit euch einfach nicht geben.

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