vonsensibel 29.05.2021

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Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Die sozialen Medien, insbesondere TikTok und Instagram, sind voll mit Videos und Memes, in denen sich die Gen-Z über uns, die Gen-Y, lustig macht. Egal ob unsere Highwaist-Jeans (für die ich dem lieben Gott jeden Tag danke), unsere Faszination für 90er-Jahre Popkultur oder unsere notorische Unzufriedenheit mit dem Zustand der Welt, wir sind für die Gen-Z offenbar, was die Boomer für uns sind: langweilige Oldies, die ständig von der Vergangenheit schwärmen. Auf der anderen Seite belächeln wir ihre Schlaghosen, ihre winzigen Sonnenbrillen und ihre seltsame Sprache. Ein Plädoyer für mehr beiderseitiges Verständnis.

Liebe Gen-Z,

ich weiß, für euch sind wir die komischen Erwachsenen, die euch ständig was von Harry Potter und Friends erzählen, rumlaufen wie Seinfeld-Charaktere, auf diesem facebook abhängen, unablässig jammern, wie anstrengend Leben, Job und Dating sind und von unserer längst vergangenen Teenizeit schwärmen. Dazu müsst ihr wissen, dass wir im Gegensatz zu euch die Welt gerade noch so kennengelernt haben, bevor alles scheiße wurde. Wir haben die 90er noch aktiv miterlebt, das vielleicht letzte Jahrzehnt, bevor die Welt gefühlt in die irreversible Entropie gestürzt ist. Und sie werden für uns immer 10 Jahre zurückliegen, egal was ihr sagt. Wir dachten wirklich, dass die Welt in 2021 so aussehen würde, wie bei den Jetsons. Stattdessen haben wir mehr so Blade Runner mit weniger Regen (hallo Klimawandel) und Weltwirtschaftskrise.

Wir wurden mit großen Hoffnungen von der Wirtschaftswunder-Generation erzogen, die fast allesamt spätestens an dem Punkt enttäuscht wurden, an dem wir uns auf den Arbeitsmarkt begeben haben. Für euch ist es ein wenig anders, ihr seid direkt ohne große Erwartungen in der Dystopie aufgewachsen und macht eben das beste draus, #yolo nannte man das bei uns [brüchige Rentnerstimme aus]. Ich beneide euch nicht, bin aber gleichzeitig beeindruckt davon, dass ihr euch bei allen trüben Aussichten politisch trotzdem so engagiert, Fridays for Future wird einmal euer Vermächtnis. Ihr seid auch insgesamt woker als wir es noch in unseren Teeniejahren waren und ich beneide euch ein bisschen darum, dass ihr Billie Eilish und Lizzo habt, wo wir Britney und Christina hatten.

Wir sind die Generation, die den Umbruch miterlebt hat und manchmal können wir nicht anders, als an der Nostalgie festzuhalten, wie ein 90s-Kid an seinem Playboy. Für euch gibt es noch keine Nostalgie, aber wir werden euch daran erinnern, wenn ihr in 20 Jahren Ariana Grande und Nicki Minaj hört und euch die Collector’s Edition von Euphoria ins Regal stellt. Aber bei allen Unterschieden haben wir doch etwas gemeinsam: wir sind die beiden Generationen, die am klarsten sehen, was gerade alles schief läuft und die beiden Generationen, die neben den Kids am meisten zu verlieren haben.

Unsere Wut gepaart mit eurem Stoizismus ist vielleicht genau das Pulverfass, das es für eine kleine gesellschaftliche Revolte bräuchte. Vielleicht sollten wir also aufhören, uns über die jeweils andere Generation lustig zu machen und gemeinsam dafür kämpfen, dass die Zukunft wenigstens ein bisschen rosiger wird, als es die Gegenwart für uns alle gerade ist. Und dafür, dass tiefe Hüftjeans nie wieder ein Comeback hinlegen. Bitte.

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