vonsensibel 20.11.2021

höchst sensibel

Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Seit 20 Monaten haben wir Pandemie. Fünf Millionen Todesfälle weltweit. Davon fast 100.000 allein in Deutschland, Tendenz wieder rasant steigend. Kürzlich waren wir einer der Spitzenreiter an Neuinfektionen. Eine bis dato nicht abzuschätzende Dunkelziffer an Langzeiterkrankten. Millionen Kinder bei denen wir schlicht noch nicht wissen, was die Infektion in ihren kleinen Körpern später einmal auslöst. Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte, die kurz vor der Triage stehen, wie im Krieg. Tausende stille Traumata, die gerade jeden Tag passieren. Und immernoch gibt es Menschen, die die Seuche nicht ernst nehmen. Diese Realitätsverweigerung ist vielleicht – neben der systematischen Unterschätzung rechter Strukturen – das Gefährlichste, was Deutschland in der Nachkiegszeit erlebt hat.

Und ich rede nicht von Querdenkern, bei denen ohnehin alles verloren ist. Ich rede von einer großen stumpfen Gruppe, die es nicht schafft, angemessen in den Krisenmodus zu gehen. Von Kollegen, die auch nach einem Jahr die Maskenpflicht immernoch nicht verstanden haben. Arbeitgebern, die immernoch meinen, auf Präsenz in Großraumbüros zu pochen zu müssen und auf Testungen in dicht gedrängten Werkshallen pfeifen. Als wüssten sie nicht, was Arbeitsgerichte sind. Vor selbige kann man sie nämlich zerren, sollte man sich am Arbeitsplatz infizieren. Nur so als Lifehack. Volle Clubs, private Parties, Karneval in Köln, Weihnachtsmärkte ohne Einlasskontrollen, man ist ja geimpft, passt schon. Mit fast schon idiotischer Ideenlosigkeit wird 2G als Allheilmittel von Politik und Gesellschaft gesehen. Impfdurchbrüche – sowas kriegen doch nur die anderen. Dass der Impfschutz vor allem bei den vulnerablen Gruppen rasanter ausläuft als anfänglich gehofft, ach Makulatur, wir wollen es jetzt gefälligst wieder schön haben. Auch die Tests, die als On-Top-Strategie wirklich helfen könnten, der Katastrophe Herr zu werden, sind für manche schon zuviel verlangt, das sei ja “so unangenehm”. Ich habe Kinder mit Diabetes gesehen, die ihre tägliche Blutzuckermessung und Insulininjektion souveräner gehandhabt haben, als dieser Haufen lappiger, erwachsener Crybabies, die ich um mich herum teils erlebe. Wer den Nasentupfer nervig findet, wird ECMO hassen. Als jemand, der wie viele andere das letzte Weihnachtsfest allein zuhause verbracht hat, sich seit 20 Monaten nur noch sehr eingeschränkt bewegt was Reisen und private Treffen angeht, der seit 20 Monaten in vollkommen berechtigter Angst und Sorge leben muss, ist die fehlende Solidarität, die einem derzeit von allen Seiten entgegenschlägt, wirklich kaum noch zu ertragen. Da geht etwas in einem kaputt. Die Sturheit, mit der manche Mitmenschen eine Normalität herbeizwingen wollen, die es aktuell einfach nicht geben kann, ist pathologisch.

Ich habe das Gefühl, ein ganzes Land ist an Altersstarrsinn erkrankt. Gut, was erwarte ich auch von einer Nation, die seit 16 Jahren von der Gerontokratie der Union regiert wurde? Apropos Regierung, wo ist die eigentlich? Angela Merkel ist praktisch unsichtbar, Jens Spahn macht seinen Job, den er vorher schon zweihändig vergeigt hat, jetzt nur noch mit einer Hand, die Ampel übernimmt ja bald. Die ist wiederum zu sehr damit beschäftigt, ihrem gelben Juniorpartner Honig um den neoliberalen Bart zu schmieren in Sachen Tempolimit und Klimapolitik.  Dazu die Landesfürsten und -fürstinnen, die sich letzten Donnerstag – Wochen zu spät – endlich mal zusammen mit dem Bund beraten haben. Heraus kam bundesweit, wie nicht anders zu erwarten, auch wieder nur zahnlose Symbolpolitik. Kritische Stimmen von einzelnen Landesvertretern zum Bundeskurs werden einfach weggewischt, auch im Föderalismus siegt die stumpfe Mehrheit. Da wird ernsthaft flächendeckendes 2G nochmal an die Hospitalisierungsinzidenz gekoppelt, statt es einfach mal bundesweit durchzudrücken, am Arbeitsplatz sowie im ÖPNV soll 3G gelten. Wer das wie kontrollieren soll weiß übrigens niemand, in dem Papier heißt es dazu: „Aus Sicht der Länder stellen sich hinsichtlich der praktischen Umsetzung einer solchen Vorgabe gewichtige Fragen.“ Aha, man stellt sich also noch Fragen, statt endlich Antworten zu liefern. Ein harter kurzer Lockdown, Verbot von Großveranstaltungen, eine flächendeckende 2G plus Schnelltest Regelung, eine echte Homeofficepflicht, um den ÖPNV zu entlasten – das wären Instrumente, mit denen man der Katastrophe Herr werden könnte. Ein Tsunami fegt über Deutschland hinweg und unsere gewählten Spitzenpolitiker kommen mit einem fucking Regenschirm.

Sechs Wochen lang hat man einfach lieber Däumchen gedreht, als zu überlegen, was passiert, wenn die Intensivbetten aus sind. Was sie nun mancherorts bereits sind. Wisst ihr noch, die Intensivbetten, die man ja statt der “nervigen” Inzidenz als Handlungsmaß nehmen wollte? Ach egal, war ja Wahlkampf, da will man sich beim Pöbel nicht mit Verboten oder Mahnungen unbeliebt machen. Mein Instinkt sagt mir, dass auch deswegen kaum Maßnahmen im privaten Bereich getroffen werden, weil dann früher oder später auffiele, dass man ja am Arbeitsplatz auch Homeofficepflicht, strenge Testungen in den Werkshallen und andere Strategien einsetzen müsste und Gott bewahre, dass man den Wirtschafts- und Arbeitgeberverbänden mit irgendwas auf die Füße tritt, denen darf man nur nicht zu viel zumuten, die sollen doch weiter die Parteikassen auffüllen. Diese neoliberale Scheinheiligkeit ist wirklich kaum auszuhalten. Gut, Bayern und Sachsen wurden jetzt durch den Katastrophenfall zum Handeln gezwungen. Dass es trotz Impfungen noch einmal so finster kommen konnte, hat auch mich eingefleischten Pessimisten überrascht. Selbst die New York Times berichtete jüngst über den deutschen Patienten, unsere niedrige Impfquote und das völlige Eskalieren der Infektionen. Was wir gerade als ach so fortschrittliche, vorbildliche Industrienation in Sachen Krisenmanagement abliefern, ist einfach nur noch cringe.

Der Deutsche an sich mag es eben nicht, mal etwas anders zu machen als wir haben das schon immer so gemacht™. Jede Abweichung von der Routine ist ihm zuwider, “die Leute haben einfach zu lange keine Krise mehr erlebt” sagen meine Eltern in letzter Zeit oft kopfschüttelnd. Wir sind zu satt, zu bequem, zu überheblich geworden in den letzten Jahren. Das zeigte sich auch jüngst am katastrophalen Krisenmanagement angesichts der Hochwasser. Warnungen wurden zu spät verschickt – man wollte nicht unnötig Panik schüren. Bloß niemanden aufregen. Lieber Menschen ersaufen lassen, als vom normalen Dienstablauf abzuweichen. Deutsche Krisenpolitik wirkt zum Teil wie der Affe, der sich ganz fest die Augen zuhält. Was ich nicht sehe und anspreche existiert auch nicht. Man fühlt sich von der Politik im Stich gelassen, ich würde sogar soweit gehen zu sagen: einigen Entscheidern ist es schlicht egal, dass tausende Menschen sterben, hauptsache die Wirtschaft bleibt auf, denn in deren Lobbytaschen steckt man ja bis zur Hüfte. Und macht dann lieber Politik für Interessensverbände, als für diejenigen, die seit fast zwei Jahren am Limit des nervlich Aushaltbaren sind, allen voran den Beschäftigten im Gesundheitssystem.

Die deutsche Pandemiepolitik ist eine Kapitulation gegenüber Kapitalismus und Bequemlichkeit. Sie ist Volksverrat zu Gunsten von Wirtschaftsverbänden und Querdenkern. Ein historisches Versagen auf ganzer Linie. Die neue Regierung hat einen riesigen Müllhaufen zu beseitigen bei Amtsantritt. Dann wird es für viele tausend Menschen schon zu spät sein. Ich würde am liebsten jeden einzelnen Verantwortlichen für diese Misere auf die Intensivstation schleifen und zusehen lassen, was ihr Handeln anrichtet. Ich will juristische Konsequenzen. Ich will so manchen politischen Akteur hinter Gittern sehen für dieses himmelschreiende Maß an Menschenverachtung. Vielleicht sollten die Krankenhäuser auch dazu übergehen, die Leichensäcke vor Bundestag und Ministerien abzuladen. Oder die Großraumbüros und vollgestopften Werkshallen geschlossen bestreikt werden. Wir sind zu zahm. Wir sind zu leise. Vielleicht ist es Zeit für eine Revolte der Anständigen. Der Leistungsträger. Der Systemrelevanten. Vielleicht kann das dem sturen deutschen Michel mal das Fürchten lehren. Wenn es eine verheerende Pandemie schon nicht schafft.

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kommentare

  • Sie sprechen mir mit jeder Zeile aus der Seele! Leider stimmt es aber auch, dass die Medien ihren Job auch nicht gut gemacht haben. Als Wahlkampf war, gab es kaum noch Berichte über Corona und auch nach der Wahl war das Pandemiethema lange in der Versenkung verschwunden, obwohl viele Wissenschaftler, allen voran Christian Drosten warnten. Die Medien als 4. Gewalt hätten auch schon früher mehr Druck ausüben können, nachfragen, informieren und Coron zurück auf die Agenda setzen. Das ist m.E. auch zu spät passiert.

  • Ich will auch. Dass die öffentlich-rechtlichen Medien, auch die taz, in dieser Phase hinter die Kulissen der desaströsen Poltik schauen. Und zwar konkret, nicht mit den Klagen in der Wiederholungsschleife. Ich bin so sauer, weil ich (allerdings freiwillig) dem mdr Sachsen ausgesetzt bin. Was dort an volkstümelnder Berichterstattung zugemutet wird ist ein Skandal. Dem Wehklagen der so arg gebeutelten Opfer von Regierungspolitik wird (auch zeitlich) mehr Raum gegeben als den verantwortungsvollen Akteuren in manchen Landkreisen und Gemeinden.
    Der Ethos des Journalistenberufs hat Kollateralschaden genommen zu. Die Medien sind deshalb Teil des Problems, nicht der Lösung. Ok. Ich nehme die taz ein bißchen aus.
    Jeder sollte seinen Job machen! Dann müsste man nicht (vielleicht?) auf eine Revolte der Anständigen hoffen.

  • Danke, danke, danke!!!!

    Bitte mehr davon – es ist so haarsträubend, was hier seit Pandemiebeginn (NICHT) läuft … und täglich weitere Menschenleben kostet.

    (Aber ist ja bequemer, undifferenziert auf tatsächliche und vermeintliche „Impfgegner:innen“ einzudreschen und dabei nicht einmal mehr zwischen unfreiwillig z.B. wegen einer offiziell seit dreißig Jahren ignorierten, daher nicht „attestierfähigen“ schweren systemischen Erkrankung wie ME/CFS oder KPTBS versus („Kochtopus“/Atlas/Cato + Mercer/Bannon – CA/SCL + PHrMA & Co. -gepushter)* narzisstischer „Covidiotie“ – und vermutlich diversen Graustufen dazwischen – zu unterscheiden …: hilft ungemein, wie wir sehen.)

    [Übrigens: es soll sicher heißen: „_den_ deutschen Michel das Fürchten lehren“?]

    * s.u.a.: https://www.dailydot.com/debug/leaked-chats-ex-cambridge-analytica-patrick-fagan-hart-group/

    [Wäre schon nice, wenn Ihr meinen Kommentar freigeben würdet …]

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