vonsensibel 16.02.2021

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Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Bento, der Guardian, Bustle, Stern, Forbes und Co titelten in den letzten Jahren wiederholt, dass wir Millennials unter anderem die „Generation Einsam“ sind. Eines der erfolgreichsten Bücher im Segment „Sex & Beziehungen“ ist derzeit Lane Moores autobiographische Essaysammlung How To Be Alone, die das Alleinsein als ein typisches Lebensgefühl junger bis nicht mehr ganz so junger Erwachsener diskutiert – und übrigens sehr zu empfehlen ist. Wir sind heute vernetzter denn je und gleichzeitig so allein wie nie. Und das schon vor Corona.

Die Gründe sind vielfältig. Da wäre das Internet, das soziale Kontakte immer mehr in den nichtphysischen Raum verlagert. Da wäre der oben erwähnte Arbeitsstress, der uns oft die Freizeitplanung verhagelt, weil wir oft schlicht zu erschöpft sind, um nach Feierabend noch groß was zu unternehmen. Da wäre der wegfallende familiäre Bezug, der zur Isolation beiträgt. Da ist auch das Zerbröseln und Zerfasern alter sozialer Netze. Unifreundschaften, die wegen Wegzug einschlafen; weniger Kontakt zur Familie, weil man in einer anderen Stadt, vielleicht am anderen Ende der Republik, nach langer (langer langer) Suche einen Job gefunden hat; die Aufsplittung in die Menschen mit Kindern, die Anfang 30 in die Vorstadt ziehen und die Singles ohne Kinder (und Auto), für die die Stadt Lebensmittelpunkt (und der ÖPNV nicht verhandelbar) ist.

Wir tun uns zunehmend schwer mit dem Thema soziale Beziehungen. Man kann mit Ende 20, Anfang 30 quasi dabei zusehen, wie der Freundeskreis kleiner wird. Leute mit denen man früher regelmäßig Kontakt hatte, melden sich auf einmal garnicht mehr, man selbst lässt auch den ein oder anderen Kontakt einschlafen, weil die Lebensentwürfe einfach zu weit auseinandergehen. Bei unseren Eltern war das meist noch etwas einfacher, da hat man geschlossen mit Ende 20, Anfang 30 geheiratet, sich fortgepflanzt und dann die gemeinsame Vorstadtflucht betrieben. Und dann gepflegt mit 40 die Midlifecrisis bekommen, Affären, Scheidung, gute alte… ach, lassen wir das. Ich will damit sagen, dass es früher nicht unbedingt besser war, nur eben etwas geplanter, weniger fragmentiert.

Die Freundschaften allerdings, die man mit Anfang/Mitte 30 noch schließt, sind so wertvoll wie Bitcoin-Aktien im Jahr 2017 (was genau war das eigentlich? Kann mir irgendjemand Kryptowährung so erklären, dass es auch jemand versteht, der kein blässlicher Nerd in einem schlecht sitzenden Designeranzug ist, den er gerade von seiner ersten Million gekauft hat?). Diese Freundschaften basieren nämlich nicht mehr so sehr auf äußeren Umständen – gleiche Krabbelgruppe, gleiche Klasse, gleiches Seminar –, sondern auf purer Zuneigung, gemeinsamen Interessen, gleichem Level an Ratlosigkeit wenn es um das Thema Lebensplanung geht, gleichem Hass auf Politik, Medien, Arbeitswelt. Aber sie sind eben immer seltener und dank Terminstress, flexiblen Arbeitszeiten (lies: Überstunden), Kinderbetreuung, Elternbesuchen, Haushaltskram usw. viel komplizierter aufrechtzuerhalten, als Freundschaften zu Schul-, Ausbildungs- oder Unizeiten.

Wer denkt, die Themen Freundschaften und Familienbande seien bei uns schon schwierig, der möge sich mal ein bisschen in der derzeitigen Datingwelt umsehen. Natürlich gibt es auch in unserer Generation noch die glücklichen, langjährigen Partnerschaften. Aber irgendwie werden sie, das belegen auch die Statistiken, immer weniger. Und irgendwie haben wir das mit diesem ganzen ungezwungene Ansprechen, Flirten, Kennenlernen etc. verlernt. Wie Lane Moore so schön beschreibt, sind wir alle so in unserer eigene Coolness und „keep it casual“-Mentalität gefangen, dass wir uns garnicht mehr trauen, uns unbefangen auf Flirts einzulassen. Interesse zeigen ist furchtbar out, man will ja auf keinen Fall verzweifelt wirken oder so, nein nein, besser gar nicht nach einem Date fragen, bevor man noch als der liebestolle Weirdo angesehen wird. Vor lauter Casualness entstehen dann auch zum Teil absurde Flirt- und Kommunikationsmuster irgendwo zwischen Benching, Double-Binding und unabgesprochener Polyamorie. Das zieht sich übrigens durch das komplette sexuelle Spektrum. Wir leben quasi die Bizzaro-Version der freien Liebe, die in den 60ern noch gesellschaftliche Schlagkraft hatte, jetzt dagegen zum Freifahrtschein geworden ist, Menschen mit denen man Körperflüssigkeiten teilt, respektlos und als perfekte Kommodifizierung der eigenen Bedürfnisse zu behandeln.

Besonders witzig ist das Datinggame übrigens als Frau über 30, die Männer dated. Denn hat man als Frau mal ein gewisses Alter erreicht, ist praktisch die gesamte Welt davon überzeugt, dass ihre Gedanken ab jetzt nur noch um eine Sache kreisen: Wie pflanze ich mich schnellstmöglich fort? Man wird von einer Person mit Interessen und Intellekt zu einem hormongesteuerten Uterus degradiert. Es mag für manch einen schockierend klingen, aber es soll Frauen geben, die auch in ihren 30ern keinen Kinderwunsch haben (vielleicht sogar nie einen haben werden) und vielleicht einfach nur jemanden suchen, mit dem sie gern ihre Lebenszeit verbringen möchten. So mit Händchenhalten und zusammen ausgehen und Sex ohne Prokreationsintention. Abgefahren, ich weiß, aber so ist es. Oder um mal Cyndi Lauper zu zitieren: „Girls (over thirty) just wanna have fun (too)“. Und selbst wenn wir Kinder haben wollen, heißt das selten „sofort“ und nicht unbedingt „mit unserem aktuellen Date“. Wer ist hier eigentlich hysterisch?

Ein gut gemeinter Rat ist es ja, wenn das mit dem Flirten und Kennenlernen im echten Leben schon so schwierig geworden ist, es mal online zu probieren. Wir sind ja schließlich auch die Generation Tinder. Vorteil: alle auf diesen Plattformen sind explizit dort, um jemanden kennenzulernen, schon mal eine gute Grundvoraussetzung. Problem: die Menge an Ausschuss ist dabei genauso hoch, wenn nicht gar höher als im echten Leben. Wer mal bei den einschlägigen Apps durch die schier endlose Zahl an Profilen geswiped ist (links versteht sich), die Jungs mit nacktem Oberkörper vor Autoreifen hockend oder Frauen mit Duckface und zur Unkenntlichkeit gefiltertem Gesicht (#wokeuplikethis) zeigen, der muss sich unweigerlich fragen, ob wir hier nicht als Gesellschaft versagt haben. Dennoch wünsche ich Justus (37, Camp-David-Poloshirt, hält David Guetta für Musik) und Mandy (33 [angeblich], Sonnenstudio-Abonnentin, hält den Bachelor für Kultur) alles, alles Gute. Aber ich schweife ab. Zu der eher spärlichen Auswahl an Profilen, die einen nicht lachwürgen lassen, kommt das Problem dass es für body chemistry eben noch keinen Algorithmus gibt, was in zahllosen sehr krampfigen und enttäuschenden Dates resultiert. Was nicht heißt, dass sich nicht auch viele glückliche Paare online gefunden haben. Aber die Chancen sind eben genauso niedrig wie IRL.

Aus diesen Gründen bleiben viele von uns – freiwillig oder unfreiwillig – solo. Und das hat Konsequenzen. Wer single ist, ist zwar wahnsinnig frei und selbstbestimmt, aber eben auch: oft einsam, finanziell stärker belastet als Menschen in Paarbeziehungen, mit weniger emotionalen Ressourcen ausgestattet, mehr unter Druck, sich um sein soziales Netz zu kümmern etc. Single sein ist anstrengend und wird von unserer Gesellschaft (immer noch) so unfassbar wenig wertgeschätzt. Single ist immer irgendwie die Werkseinstellung, die man schnellstmöglich überschreiben muss, ein Mangelzustand, etwas trauriges und beschämendes. Für die Boomer-Generation war „alleinstehend“ ein noch größeres Stigma, ein schlimmes Schicksal das einzelne ereilte, die niemanden zum Heiraten gefunden haben („der Onkel Klaus ist ja so ein ewiger Junggeselle [betroffenes Gesicht]“). Wir machen das Ganze etwas massentauglicher, müssen aber immer noch daran arbeiten, eine Gesellschaft zu schaffen, die Singles genauso unterstützt wie Verpartnerte, monetär, sozial, emotional.

Jetzt, in der Zeit der Pandemie, bedeutet Singlesein für viele von uns die blanke Einsamkeit. Es bedeutet, sich abends meistens allein mit seinen Ängsten und Sorgen auseinanderzusetzen und es bedeutet den vollkommenen Entzug körperlicher Zuwendung, wenn auch die Umarmungen und kuscheligen Abende auf dem Sofa mit Freunden wegfallen. Ich warte immernoch sehnsüchtig auf die Politikeransprache, in der auch mal darauf eingegangen wird, wie Einsamkeit gerade nicht nur die Alten, sondern auch uns jüngeren zu schaffen macht. Aber irgendwie scheinen wir sowieso in dieser ganzen Pandemierechnung nur eine leistende Größe zu sein: “Arbeiten gehen und Fresse halten” ist derzeit das Mantra für meine Generation. Und das, wenn die Politik so halbherzig weitermacht, noch für Monate. Die Pandemie verdichtet ein Problem, das unsere Gesellschaft schon immer hatte: das Vergessen der Alleinstehenden. Sieht man übrigens auch daran, wie Alleinerziehende systematisch nicht mitgedacht werden bei der Familienpolitik und auch jetzt vor der unschaffbaren Aufgabe stehen, Lohnarbeit und Care Arbeit unter einen Hut zu bringen, ohne Partner der einem den Rücken freihält. Dabei zeigen die Statistiken ja deutlich, dass die Paarbeziehung als Nonplusultra der gesellschaftlichen Ordnung langsam ausgedient hat. Und in Krisenzeiten wie diesen viele auf der Strecke lässt, die eben nicht den einen „Schatzi“ in ihrem Leben haben, der selbst bei Ausgangssperre für einen da ist.

Warum also nicht mal umdenken statt zu versuchen, ein Modell aus den 1950ern, das für viele einfach keine Realität mehr ist, weiter zum Kern politischer Entscheidungen zu machen? Warum nicht mal eine Arbeitsmarktpolitik schaffen, die Alleinerziehende nicht an den Rand des Zusammenbruchts bringt? Warum keine steuerlichen Erleichterungen für Singles, die ohnehin schon mehr für Wohnung, Interne, Auto etc zahlen müssen? Und auch privat wäre es vielleicht an der Zeit, vom Romantikideal der lebenslangen glücklichen Paarbeziehung abzulassen, das sich nur für wenige erfüllt. Vielleicht sollten wir anfangen, Freundschaften genauso zu zelebrieren, wie Paarbeziehungen, anfangen, unsere Zeit und Emotionen fairer zu verteilen. Vielleicht hilft es auch, sich davon freizumachen, wie man vermeintlich glücklich werden will, sondern sich lieber vorzunehmen, dass man glücklich wird, ob verpartnert, solo, in einer offenen Beziehung, ohne Kinder, mit Kindern, durch Hobbies, Ehrenämter oder Freundschaften. Hier könnten wir uns unseren anerzogenen Millennial-Individualismus doch echt mal zunutze machen. Und den Lebensentwurf finden, der zu uns passt.

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