vonsensibel 30.01.2022

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Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Ich konnte mich in den letzten Tagen nicht wirklich entscheiden, über was ich als nächstes schreiben soll. Entscheidungen treffen zählt ohnehin zu meinen unliebsten Aktivitäten. Damit bin ich ein typischer Vertreter meiner Generation. Wie hunderte Memes, TikToks und Instaposts thematisieren, sind Millennials eine extrem enscheidungsunfreudige Alterskohorte, egal ob es um kleine Dinge wie den Wocheneinkauf oder große Lebensentscheidungen geht. Ein Erklärungsversuch.

Ein Faktor ist sicher die Tatsache, dass keine Generation vor uns soviele Wahlmöglichkeiten hatte, auf allen Ebenen. Wir sind es von Kindheit an gewohnt, im Supermarkt nicht eine, nicht zwei sondern zehn verschiedene Optionen ein und desselben Produktes zu erwerben. Ich habe schon mit Freunden gesprochen, die einen gesamten Samstag damit verbracht hatten, den besten Wasserkocher zu recherchieren. Wir haben in Deutschland die Wahl aus 15 Streaminganbietern, die jeweils hunderte von Filmen und Serien im Angebot haben, sich für das abendliche Entertainment zu entscheiden ist inzwischen eine Herausforderung geworden. Ganz ehrlich, ich bin fast überrascht dass nicht mehr Beziehungen auseinandergehen, weil man sich beim besten Willen nicht einigen kann, was man zusammen auf Netflix schaut. Und apropos Dating: dank einem (scheinbaren) Überangebot an Partneroptionen auf Tinder und Co. haben einige von uns so eine Entscheidungspanik bekommen, dass sie es garnicht mehr hinbekommen, sich auf eine Person einzulassen, ohne rechts und links auf die Alternativen zu schielen. Wir haben so viele Möglichkeiten, dass die Angst, sich falsch zu entscheiden, bisweilen lähmend ist.

Dazu kommt, dass wir eine Generation sind, in der sich ein gesellschaftlicher Bruch vollzieht, der sich bei unseren Vorgängern, der GenX, schon abgezeichnet hat. Wir sind die Generation der pluralistischen Lebensentwürfe, während unsere Eltern uns noch mehrheitlich das Modell Familie vorgelebt haben, kommt das für viele von uns aus intrinsischen oder extrinsischen Gründen nicht mehr in Frage. Auf der einen Seite ist es großartig, diese Freiheit zu haben und ich möchte keinesfalls in die Zeit zurück, in der Unverheiratete als Abnormalität galten und dysfunktionale Ehen aufrechterhalten wurden, nur um den gesellschaftlichen Schein zu wahren. Aber es bedeutet eben dass viele von uns spätestens mit Mitte 30 vor der Entscheidung stehen: Haus und Kinder oder weltreisender Freigeist? Karriere und viel Geld oder lieber viel Freizeit und weniger auf dem Konto? Konservativ-bewährter Weg oder progressiver Individualismus? Immer mit dem Grundgefühl, dass nur eine der Weggabelungen wirklich zum Glück führen kann. Dass das eine gewisste decision anxiety erzeugt, ist klar. Da wären wir auch schon bei dem großen Wort Glück. Denn auch das hat unsere Generation von Werbung, Social Media, selbsternannten Lifecoaches und nicht zuletzt dem Kapitalismus selbt eingetrichtert bekommen: dass Leben immer glücklich sein muss, in jeder Sekunde und dass es immer noch besser geht, man nie zufrieden sein soll, grass is always greener. Dass das eine Lüge ist, wussten schon die alten Griechen. Die Eudaimonie beschreibt seit der Antike das gute Leben, permanente Glückseligkeit und das permanente jagen nach der nächsten Befriedigung gehört hier allerdings nicht zum Deal, das wäre Hedonismus. Gut leben heißt gemäß dieser Lehre auch, sich im Zweifel für die Moral zu enscheiden statt für die eigenen Triebe, es bedeutet sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein. Selbstreflexion statt 24 Stunden “Live, Love, Laugh”, Genügsamkeit statt Warenfetisch.

Neben der Angst, die falsche Entscheidung zwischen Lebensglück und -unglück zu treffen, schwingt aber denke ich noch eine viel schlimmere Angst bei vielen von uns mit: die Angst, egal welche Entscheidung man trifft, kein Glück zu finden. Die Welt ist in den letzten 20 Jahren immer unsicherer geworden, der Jobmarkt ist ein einziger Albtraum, der Immobilienmarkt erst recht, gesellschaftlich entwickelt sich vieles seit einigen Jahren zum Schlechteren. Das Gefühl sich einfach nicht mehr richtig zu entscheiden zu können, weil alle Optionen irgendwie “meh” sind und die Zukunft ohnehin so ungewisse wie noch nie, lähmt meine Generation. Zwei Jahre Pandemie haben dann noch ihr Übriges getan um uns alle an decision fatigue, wie Psychologen es nennen, erkranken zu lassen. In einer Welt die derzeit nur aus nebliger Ungewissheit besteht, kann einen selbst die Entscheidung für oder gegen einen Nachmittagsspaziergang überfordern.

Vielleicht ist eine Lehre aus der Eudaimonie besonders heilsam, wenn einem Entscheidungen schwerfallen: das Konzept der Autarkie, also der Idee, Glück nicht in äußeren Umständen sondern allein in sich selbst zu finden. Zugegeben, keine kleine Lektion, aber für meine Generation – und in dieser Pandemie für uns alle – vielleicht das beste Heilmittel gegen Zukunftsangst, schlechte Laune und Entscheidungsparalyse. Wie toll wäre es denn, zu wissen, egal wie man sich entscheidet, es wird alles gut, wenn auch nicht nach einem festen Plan? Lernen, trotz Unsicherheiten ein gutes Leben zu führen, das ist die Challenge und wir sind nicht die erste Generation, die vor ihr steht und werden nicht die letzte sein. Das Prinzip Zuversicht ist jetzt gefragt. Ansonsten hilft es sicher, sich vom Überangebot freizumachen, nicht immer das vermeintlich bessere zu suchen und nicht jeder Entscheidung staatstragende Bedeutung zuzumessen. Kauf den verdammten Wasserkocher einfach.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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