vonsensibel 23.10.2021

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Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Das Wort „Nostalgie“ stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus den Worten nóstos für Rückkehr und álgos für Schmerz zusammen. Eine schmerzhafte gedankliche Rückkehr, so definierten die alten Griechen das bittersüße Gefühl des Zurückträumens an vergangene Zeiten. Bis ins 20. Jahrhundert galt Nostalgie als psychische Krankheit, die vor allem Soldaten befiel und Ängste und Depressionen auslöste. Heute bescheinigen Forscher wie Richard Cheston oder Constantine Sedikides der Nostalgie positive Wirkungen auf unsere Psyche, sie hilft uns, eine kontinuierliche Identität zu erhalten und das Zurückdenken an positive Ereignisse löst nachweislich Glücksgefühle aus. Das besondere an Nostalgie ist, dass man sie erst nach einer gewissen Lebenszeit empfindet und sie gefühlt mit dem Alter immer mehr zunimmt. Mit Mitte 30 beobachte ich mich jedenfalls sehr oft dabei, wie ich an die gute alte Zeit zurückdenke.

Als Millennial ist man ein Grenzgänger, wir sind in das Zeitalter vor dem Internet hineingeboren worden und haben in unseren formative years erlebt, wie die Welt von einer analogen zu einer digitalen wurde. Unsere Jugend durften wir noch unbeschwert von den Krisen der Welt verbringen. Nachrichten gab es nur in der Tagesschau, statt 24 Stunden auf dem Handy und bis 9/11 haben wir uns kaum für sie interessiert. Bis zu unserer Teenie-Zeit gab es nur die reale Welt, Gummitwist, Kindergeburtstage, Baggerweiher, durch den Wald stromern, Eisdiele, Italienurlaub, Samstagmorgencartoons auf RTL II (aber nicht zu lange vor der Kiste sitzen!), Free Willy und König der Löwen im Kino sehen und schrecklich weinen. Dann kamen Internet und Handy. Wir sind die Generation, deren Lebenswelt von fünf Quadratkilometern über nacht praktisch unendlich wurde. Kein Wunder dass wir uns ein bisschen verlaufen haben. Klar, unsere Eltern haben den Anfang des Internets auch miterlebt, aber sie waren zu dem Zeitpunkt schon in ihrer Lebensplanung gefestigt, hatten sich schon so gut in der analogen Welt eingerichtet, dass die digitale bis heute für sie eher eine Nebenrolle spielt. Unser Handy haben wir damals tatsächlich noch zum telefonieren benutzt (stundenlang!). Manchmal denke ich verträumt an diese Zeit zurück, wenn mein jetziges Smartphone mich mal wieder im 24-Stunden-Strom aus Nachrichten und Entertainment zu ertränken droht.

Und egal wie groß das Angebot von Netflix und Co ist, es wird nie das unfassbare Glücksgefühl ersetzen, dass man gespürt hat, wenn man seine Lieblingsserie einschalten konnte, nachdem man eine Woche lang darauf hingefiebert hatte (Bonuspunkte, wenn man es geschafft hat, die Folge auf VHS aufzunehmen, ohne Anfang oder Schluss zu verpassen). Wir hatten weniger Angebot und waren damit so viel glücklicher. Internet war für uns damals ein besonderer Ort, an den man sich aktiv begeben musste [Modemeinwählgeräusch], statt uns komplett zu umgeben und einzunehmen. Wir konnten uns plötzlich Wissen aneignen, ohne Bücher zu lesen, magisch und tragisch zugleich. Und apropos Wissen: wir dachten damals doch wirklich, wenn wir uns durch ein halbwegs gutes Abi quälen und dann Studium oder Ausbildung durchziehen, könnten wir alles werden, was wir wollen. Wie zuversichtlich wir da noch waren. Wie groß und spannend die Welt damals noch aussah. Wie sehr wir uns darauf gefreut haben, erwachsen und unabhängig zu sein. Mitte 30 ist man dann in der Realität angekommen, arbeitet meist in einem komplett anderen Job als man damals dachte oder wofür man mal studiert hat und stellt fest, dass Erwachsensein hauptsächlich aus Arbeit, Rechnungen zahlen und Abwasch besteht, während man im Stundentakt Katastrophenmeldungen aufs Handy bekommt.

Ich glaube, Nostalgie ist das prägendste Gefühl meiner Generation, keine Alterskohorte fetischisiert die Vergangenheit so gern und viel wie wir, wir lieben die Serien, Klamotten, Games, Spielsachen, Süßigkeiten unserer Jugend so sehr, dass daraus ein ganzer Markt geworden ist. Und so stellen wir uns unsere kleine Mietwohnung lieber mit diversen Popkultur-Paraphernalien voll, die uns an unsere Kindheit und Jugend erinnern, statt in einen Satz ordentliches Porzellan zu investieren. Vielleicht sind wir auch empfänglicher als andere Generationen dafür, zurückzuschauen, weil das Nachvorneschauen für uns nicht mehr so einfach ist. Unsere Lebensentwürfe gehen nicht mehr auf klare Ziele zu, sondern schwimmen irgendwie von Etappe zu Etappe, Job zu Job, Stadt zu Stadt, Beziehung zu Beziehung, wir fahren permanent auf Sicht und kommen nie so richtig an. Da ist es nicht verwunderlich, dass wir uns in die wohlige Nostalgiedecke kuscheln, die uns ein Gefühl von Stabilität gibt. Egal wie chaotisch die Realität gerade ist, in Orange County scheint immer die Sonne, Buffy rettet immer die Welt und Super Mario läuft immer in die richtige Richtung.

Und uns ist schon klar dass die 90er und frühen 2000er keine Jahrzehnte der Glückseligkeit waren, in dem es nur Gilmore Girls, Blink-182, Trollfiguren, Zuckerarmbänder und VIVA gab. Aber für uns war es die Zeit, in der die Welt noch halbwegs in Ordnung schien, Zukunft noch ein brauchbares Konzept war. Durch die Pandemie hat sich diese kollektive Rückbesinnung gefühlt sogar noch verstärkt, denn wenn die globale Krise eins gezeigt hat, dann dass unsere Zukunft jederzeit komplett kippen kann. Und so hängen wir zwischen einem übermächtigen gestern und einem ungewissen morgen und fragen uns: was machen wir denn jetzt?

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