vonsensibel 21.05.2021

höchst sensibel

Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

Mehr über diesen Blog

Wenn man die magische 30 überschritten hat, beobachtet man so einige Veränderungen, einige erfreulich, einige…weniger. Für viele Millennials tritt in diesen Jahren etwas ein, wovor sich jeder Erwachsene insgeheim fürchtet: die eigenen Eltern werden alt. Warum das für unsere Generation zur Belastungsprobe wird.

Wenn die eigenen Eltern altern, ist das ein schleichender Prozess. Manchmal vergessen sie Dinge, sind nicht mehr so flexibel wenn es um Treffen geht, haben immer mehr Wehwehchen oder gar ernste Erkrankungen, die Fürsorglichkeit verschiebt sich, man hat immer mehr das Gefühl, auf die Eltern aufpassen zu müssen, Dinge für sie regeln zu müssen, ihre Arztbesuche zu managen, Worte wie „Pflegeversicherung“ und „Barrierefreiheit“ schleichen sich in die Konversationen. Nun ist das der normale Lauf der Dinge seit Anbeginn der Menschheit und auch die Generationen vor uns haben sich damit auseinandersetzen müssen. Aber – kontroverse These – sie hatten es dabei ein bisschen leichter als sehr viele von uns. Denn wenn uns als Millennials eine Sache auszeichnet, dann die Fragmentierung unserer Lebensläufe. Sehr viele von uns wohnen eben nicht mehr im gleichen Ort, geschweige denn Bundesland, wie die Eltern. Die verzweifelte Suche nach Jobs zwingt uns zu maximaler geografischer Flexibilität. Sich zu kümmern bedeutet damit einen erheblich größeren Zeit- und Nervenaufwand. Dazu kommt noch die Tatsache dass viele von uns auch mit Mitte 30 noch nicht verpartnert sind und uns, sollten wir nicht zufällig Geschwister haben (was in unserer Generation auch nicht mehr selbstverständlich ist), im Ernstfall komplett allein um die Eltern kümmern müssen. Und selbst wenn wir Geschwister haben, leben diese vielleicht auch am anderen Ende der Republik und so müsste man zwischen Job und Pflege pendeln und nebenbei vielleicht noch irgendwie Dating und Freundschaften auf die Reihe bekommen, um nicht den Rest des Lebens in Einsamkeit zu verbringen. Eine Aussicht, die wie ein Damoklesschwert über vielen von uns baumelt.

Und als sei der zeitliche und nervliche Aspekt nicht unerfreulich genug, kommt der finanzielle auch noch oben drauf. Jedes zweite Wochenende in die Heimat pendeln muss man sich erstmal leisten können, für eine Generation die sich selbst mit Anfang 30 dank prekärer Arbeitsverhältnisse gerade so die Wohnung, Essen und ein bisschen Freizeitspaß leisten kann, kann es ein echtes Problem werden, jeden Monat 80-200 Euro für Zugfahrten oder Benzingeld rauszuschmeißen. Erspartes haben viele von uns nicht. Es ist absolut kein schönes Gefühl, die Eltern im Ernstfall nicht finanziell unterstützen zu können, für viele von uns ist es Realität, leihen wir uns doch teilweise noch Geld von ihnen, weil Arbeitgeber und Wohngesellschaften (Bye bye, Mietendeckel) fleißig daran arbeiten, unser verfügbares Einkommen stetig schrumpfen zu lassen.

Ich finde, der Generationenvertrag sollte auch beinhalten, sich würdevoll und möglichst stressfrei um die eigenen Eltern kümmern zu können, wenn die Zeit gekommen ist. Das Recht auf Pflegezeit besteht zwar de facto, aber auch die bezuschussten sechs Monate reichen nicht, wenn man kein Geld für Bahnfahrten hat oder in einem arbeitnehmerähnlichen Pseudoanstellungsverhältnis hängt, bei dem man bei jeder kleinen Unannehmlichkeit für den Arbeitgeber um seinen Job bangen muss. Die Pflege der Eltern muss viel selbstverständlicher in die Arbeitswelt integriert werden, so wie es Mutterschutz und Elternzeit auch sind, Arbeitsplätze müssen sicher, ordentlich bezahlt und langfristig sein, um im Fall der Fälle für die Eltern da sein zu können, auch wenn diese nicht drei Häuser weiter wohnen. Da viele von uns selbst vermutlich dank Rentenentwicklung später nicht mehr in Würde altern können werden, wäre es nett, uns zumindest jetzt ein bisschen zu unterstützen, damit nicht eine ganze Generation noch vor ihrem 50. Lebensjahr im Pflegeburnout landet, um dann die eigene Rente mit Flaschensammeln zu finanzieren. Es wird spannend, ob die Politik unsere Generation hier vielleicht mal zur Abwechslung nicht hängen lässt.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/sensibel/thekidsarentalright/

aktuell auf taz.de

kommentare