vonsensibel 16.12.2020

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Egozentrisch, unentschlossen, arbeitsscheu – wer sind wir Millennials wirklich? Dieser Blog sucht Antworten.

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Ich weiß garnicht, wann das angefangen hat. Wahrscheinlich mit meinem Uniprofessor in meinem ersten Studium, das ich nach vier Semestern hingeschmissen habe. Der meinte in seiner Begrüßung der Erstsemester: „Jeder Zweite von Ihnen wird es nicht schaffen, der Arbeitsmarkt ist hart.“ Bäm. Da kommst du frisch von der Schule, Abi, große Freiheit, alles neu, alles aufregend, und kriegst noch vor dem Ende deiner ersten Uniwoche quasi das Hartz-IV-Formular in die Hand gedrückt. Und da soll man dann noch motiviert seine Ausbildung als „Bildungselite“ hinlegen. Schönen Dank auch.

Aber wir Millennials sind ja auch anspruchsvoll, stöhnen die Arbeitgeber: Da erwarten wir doch echt so kackenfrech nach Schule und Ausbildung auch noch einen sicheren Arbeitsplatz, der bei 40 Stunden plus x genug Geld für Miete, Kleidung, Essen und Hygieneartikel abwirft und uns gerade so viel Freizeit gibt, um auch mal schöne Dinge zu tun. Alles nur weil unsere Eltern uns einfach zu oft erzählt haben wie toll wir doch sind – wie soll man denn solch hohe Erwartungen erfüllen??

Natürlich gibt es sie, die sicheren, ordentlich bezahlten Jobs bei fairen Arbeitgebern. Wer Jura, Medizin, Maschinenbau oder BWL studiert hat, wird vielleicht nicht so schnell beim Arbeitsamt vorstellig oder muss mit 30 immer noch in einem 15-Quadratmeter-WG-Zimmer hausen (zehn Quadratmeter, wenn wir von München, Berlin oder Hamburg sprechen). Aber eine Gesellschaft kann eben nicht nur aus Jurist:innen und Betriebswirt:innen bestehen, sondern braucht auch Lehrer:innen, Übersetzer:innen, Sozialarbeiter:innen, Ärzt:innen, Architekt:innen, Friseur:innen, Pfleger:innen, Kellner:innen, Schauspieler:innen und Sanitäter:innen. Egal ob als heillos überarbeiteter Lehrer oder als obszön unterbezahlte Pflegekraft – dankbar sollen wir sein, dass wir einen Job haben. Dass wir nicht „auf der Straße“ sitzen, nicht arbeitslos sind.

Die Arbeitslosen werden regelmäßig als Schreckgespenst durch die Abendnachrichten und Schlagzeilen getrieben – pass nur auf, dass du nicht in dieser Statistik landest! So nehmen uns Politik und Arbeitgeberlobby seit Jahren an die Kandare. Es ist ja auch nicht so, dass es nicht genug Arbeit für alle gäbe. Die wird nur lieber verdichtet, wie man so schön euphemistisch sagt, wenn es darum geht, dass auf einmal eine statt drei Krankenschwestern für einen ganzen Flügel verantwortlich ist und in Firmen die 50-Stunden-Woche zum Regelfall wird. Alles für die Lohnkosteneinsparung! Alles für fette Vorstandsboni! Hurra hurra, neoliberale Marktwirtschaft!

Das Problem ist aber, wie so oft, dass zu viele – vor allem in meiner Generation – das Spiel mitspielen. Die sich gefallen lassen, was täglich in der Arbeitswelt passiert. Die sich gar nicht mehr trauen auch nur leise Kritik zu äußern, wenn der Chef meint, seine Mitarbeiter noch ein bisschen mehr auszunutzen, noch ein bisschen geiziger mit Wertschätzung umzugehen. Oder die sich vom schicken, instagram-tauglichen Sichtbeton-Office und dem „familiären“ Team darüber hinwegblenden lassen, dass sie viel zu wenig verdienen, zu viele Überstunden machen und am Ende doch nur Quatschprojekte für den Senior übernehmen, die ihnen für den Lebenslauf nichts bringen.

Aber vor allem unsere Generation hat es ja irgendwie verlernt, für ihre Rechte aufzustehen. Die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften sind seit Jahren rückläufig, es ist nicht mehr sexy, sich für Arbeitnehmerrechte stark zu machen. „Gewerkschaft“ – das klingt so nach Altsozen, Fähnchen und Käsehäppchen. Die mangelnde Attraktivität für junge Menschen hat allerdings Gründe, die weiter reichen als ein eingestaubtes Image. Wurden wir doch in der Schule schon auf Konkurrenzkampf und Egoismus statt auf Solidarität gepolt, immer mit dem kapitalistischen Heilsversprechen, es mal „weit zu bringen“, wenn wir uns immer schön der Leistungsgesellschaft unterordnen. Und dann gibt es ja auch einige in meiner Generation, die das auch noch sehr geil finden. Work hard, play hard. 60 Stunden pro Woche und danach noch Bierchen mit dem Chef am Kicker. Damit kämpfen die kritischen Denker auf sehr einsamem Posten. Und haben nur die Wahl zwischen Selbstverrat oder Exodus. Wobei die zweite Option nur den glücklichen vorbehalten ist, die ihn sich leisten können.

Eine alleinerziehende Mutter oder ein alleinerziehender Vater oder jede:r Geringverdiener:in haben diesen Luxus nicht, sie müssen arbeiten, müssen sich gefallen lassen, was der Arbeitsmarkt ihnen so vor die Füße rotzt. Nicht wenige werden dabei nicht nur frustriert und mutlos, sondern buchstäblich krank. Erich Fromm schreibt ja so schön in Haben oder Sein „glücklich der, der ein Symptom hat“ – ginge es danach, müssten wir die fucking glücklichste Generation aller Zeiten sein. Depressionen, Ängste, stressbedingte Bandscheibenvorfälle, Schlafstörungen, Autoimmunerkrankungen, alles längst keine Diagnosen für 60-jährige Schwerstarbeiter und Charaktere aus Sylvia-Plath-Romanen, sondern Symptome, die auch und vor allem Menschen zwischen 20 und 40 betreffen – mit einer erschreckenden Epidemiologie.

Natürlich liegen die Gründe nicht nur in der Arbeitswelt, dennoch scheint sie, da ist sich auch die Forschung weitestgehend einig, ein wichtiger Faktor beim Befüllen der Wartezimmer und Rehakliniken. Die meisten von uns verbringen den Großteil ihrer wachen Lebenszeit nun mal mit Arbeit und wenn der Großteil deiner Wachzeit mit Stress, Termindruck, Entmenschlichung oder gar Mobbing gefüllt ist, hinterlässt das Spuren. Oben drauf dann noch die oben beschriebene Existenzangst, die permanent an uns nagt und bewusst oder unbewusst zum empfundenen Stress beiträgt. So richtig Rücklagen machen ist kaum drin, wenn man einen so dekadenten Lebensstil mit Zwei-Zimmer-Wohnung, nicht siebenmal die Woche Nudeln mit Pesto und ab und an mal auf ein Bier oder Konzert gehen pflegt. Ohne Auto oder Kind.

Man kann sich ja irgendwie kaum noch vorstellen, dass es früher mal möglich war, eine vierköpfige Familien mit einem Gehalt (dem des Ehemanns, meistens) nicht nur zu ernähren, sondern sich auch Auto, Haus und Italienurlaub leisten und trotzdem noch ein bisschen was für die Rente ansparen zu können. Heute: mindestens ein Akademiker, einer Voll-, einer Teilzeit, ein Kind und es reicht gerade so für die Miete der Dreizimmerwohnung und den Gebrauchtwagen. Jetzt höre ich schon die ersten schreien “ja, aber ihr fliegt heute halt nach Australien und kauft zweimal im Monat neue Klamotten und esst Avocadotoast, kein Wunder, dass ihr pleite seid!”. Diese möchte ich gern symbolisch auf die Porzellanschränke unserer Eltern verweisen – drei Geschirr-Sets aus edlem Porzellan und dazu passendes Edelstahlbesteck. Ich besitze nicht mal zwei zusammenpassende Teller und bin froh wenn ich noch eine unbenutzte Gabel finde, für den Geschirrspüler ist in der kleinen Küche kein Platz. Womit wir schon bei dem vielleicht schmerzhaftesten Charakteristikum unserer Generation wären.

Wir sind die erste Generation, zumindest der industrialisierten Zeit, die weniger verdient als ihre Eltern. Bis zu uns ging die Gehaltsentwicklung – und damit auch der Lebensstandard – steil nach oben, bei den Millennials bricht die Welle. 30-Jährige, die sich immer noch regelmäßig Geld von den Eltern leihen müssen, sind keine Seltenheit, in den USA gehen Studien von über 50% aus, die immer noch auf finanzielle Unterstützung durch Eltern oder Familie angewiesen sind. Wir sprechen hier von Vollverdienern. Aber hey, immerhin gibt’s auf der Arbeit Kickertisch und Gratiswasser – winning!…

Dass uns angesichts dieser Umstände noch eine unverschämte Anspruchshaltung vorgeworfen wird, ist schon etwas zynisch. Wir fassen kurz zusammen: wir verdienen weniger, müssen aber mehr für Miete und Lebensunterhalt zahlen (Inflation olé), sehen gleichzeitig täglich in den Nachrichten und sozialen Kanälen, wie Geld immer unfairer verteilt wird, bekommen ständig Angst um unseren Arbeitsplatz gemacht und arbeiten mit der Aussicht, später mal wenig bis gar keine Rente zu bekommen – und wir sind die verwöhnten, fordernden Egoisten in diesem Szenario?

Ja, uns wird gern ein gewisser Hedonismus vorgeworfen, #yolo und so. Und ja, wir legen vielleicht mehr Wert auf Freizeit und Spaß an der Arbeit als unsere Eltern. Aber vielleicht ist das auch unsere trotzige Antwort auf die finanzielle Unsicherheit, die uns eingebrockt wurde. Die Finanzkrise haben nicht wir verursacht. Die Inflation ist nicht auf unserem Mist gewachsen. Die „Verdichtung der Arbeit“ war nicht unsere Idee. Wenn wir also schon in einer immer harscheren Arbeitswelt klarkommen müssen und nicht wissen, wie wir einmal unsere eigene Pflege zahlen sollen, dann wird vorher wenigstens amtlich Party gemacht.

Dabei gäbe es für all diese Probleme durchaus Lösungen. Und die fangen bei einer fairen Lohnentwicklung an und hören bei solch „gewagten“ Experimenten wie der 30-Stunden-Woche oder dem bedingungslosen Grundeinkommen auf. Aber irgendwie kriegen Politik und Arbeitgeberlobby ja regelrecht Blitzherpes bei dem Gedanken, von der 40-Stunden-Lohnarbeit abzurücken. War übrigens damals auch schon so, als die 40-Stunden-Woche kam. Hat es der Wirtschaft langfristig geschadet? Na? Natürlich nicht. Zumal die Digitalisierung mehr und mehr unserer Arbeitsschritte abnimmt, Arbeitgeber schwärmen doch jetzt schon mit glänzenden Augen von „geringerem Personalaufwand“ und „Ressourceneinsparung“. Damit ist ohnehin die Frage, wie viele Tätigkeiten oder sogar ganze Berufe zukünftig komplett wegfallen. Dafür sollten wir uns als Gesellschaft rüsten, wenn wir nicht in einer Terminator-ähnlichen Dystopie leben wollen, in der Armeen von Arbeitslosen pfandsammelnd durch die Straßen streichen, während in den Fabrikhallen und Konzernsitzen leise die Roboter und Großrechner surren.

Und jetzt machen wir mal das Gedankenexperiment auf, was eine 35- oder 30-Stunden-Woche bringen würde: Sinnlose Zeitfüller-Aufgaben würden wegfallen, da es sich keine Führungskraft mehr erlauben könnte, die Zeit seiner Mitarbeiter:innen mit dem Ausdruck von E-Mails zu verschwenden. Wir wären alle ausgeglichener und konzentrierter bei der Arbeit, denn wir müssten nicht mehr Arbeitszeit, Arzttermine, Papierkram, Haushalt, Familienstress und andere Verpflichtungen simultan managen , die eben keine Hausfrau mehr für uns übernimmt, die damals ein essentieller Faktor im Konzept der 40-Stunden-Woche war.

Und es würden zum einen Arbeitsplätze erhalten werden, die eben keine 40 Stunden mehr ausfüllen und zusätzliche Arbeitsplätze entstehen – womit das oben erwähnte Schreckgespenst Arbeitslosenquote auch kleiner würde. Jetzt kommt natürlich der Aufschrei „Sozialismus“ gepaart mit einem kopfschüttelnden „Wer soll das denn bitte bezahlen?!1elf“. Zu ersterem: Nein. Einen Arbeitsmarkt innerhalb des kapitalistischen Systems so zu gestalten, dass er die Menschen nicht kaputtmacht, ist nicht sozialistisch, sondern die pragmatische Abwendung einer drohenden Katastrophe.

Zu zweiterem: Natürlich lässt sich so eine gesamtgesellschaftliche Reform nicht von heute auf morgen umsetzen – aber sie ist möglich, auch finanziell. Man könnte zunächst mal durchrechnen, wie viel Geld allein dadurch eingespart werden würde, dass weniger öffentliche Ausgaben für Rehamaßnahmen, Kinderbetreuung, Pflege etc. anfallen würden. Da würde sicher ein hübsches Sümmchen zusammenkommen. Und wer mal die Nachrichten zum Thema Panama Papers, Luxemburg Leaks, Bankenrettung und Cum-Ex (war da was?) verfolgt, weiß: Das Geld ist auch an anderer Stelle da. In Milliardenhöhe. Es müsste nur sinnvoller eingesetzt werden, als DAX-30-Vorständen das dritte Haus und den vierten Porsche zu finanzieren– von zum Teil kriminell hinterzogenen Steuern, wohlgemerkt. Wenn dieser Gedanke sozialistisch ist, dann steige ich aufs Dach und singe lautstark die Internationale.

Es wird spannend zu sehen, ob unsere Generation den Mut zum Arbeitsmarktwandel haben wird, den unsere Vorgänger bislang nicht hatten. Spätestens die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass unsere Arbeitswelt fehlerhaft ist, es an Flexibilität seitens der Arbeitgeber, an nachhaltigem Wirtschaften der Unternehmen und vor allem an fairer Bezahlung (Applaus zahlt keine Miete…) vieler Berufsgruppen hapert, die im Krisenfall den Laden zusammenhalten. Fakt ist: irgendetwas muss sich mittelfristig ändern. Sonst stehen wir schon bald vor einer Arbeitswelt, die uns vor lauter Flexibilisierung, Druck, Überlastung oder Unsicherheit allesamt krank macht. Die Frage ist also weniger, wie wir eine 30-Stunden-Woche bezahlen, sondern viel mehr, wie lang wir uns noch eine 40-Stunden-Woche leisten können.

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